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Bitte freimachen

Wer gerade den Wohnort wechselt, weiß vielleicht, wie seltsam nackt man sich an einem Umzugstag fühlen kann. Ein paar Menschen kommen zusammen zum Helfen, man betritt die neuen Wohnräume und dann werden Kartons geöffnet, einer nach dem andern. Nicht dass man die privatesten Dinge anderen überließe, aber es fängt schon beim Alltäglichen an: Die eingetrockneten Wasserreste einer Blumenvase, der speckig gewordene Kochlöffel, die gefühlt 150 Müslischüsseln, für die man plötzlich eine Rechtfertigung abgeben soll.

Ich war gestern eine solche Helferin. Ich habe eine Küche eingeräumt mit weniger Schränken als in der alten Wohnung, kämpfte nicht immer erfolgreich gegen ein „Das wird man ja noch sagen dürfen“ und trug damit wohl nicht zur Entspannung der umziehenden Kücheninhaberin bei.

Deshalb an dieser Stelle ein lieber Gruß an die Tochter, die ihre Zelte in München abgebrochen hat und wieder bei uns in der Heimatstadt angekommen ist: Das Schlimmste ist überstanden, es ist wunderbar, dass ihr da seid, und du wirst sehen: Bald findet alles seinen Platz. 🙂

Das Eichhörnchen-Prinzip

Im Herbst vergraben Eichhörnchen Haselnüsse und vergessen drei Minuten später, wo. Ihr Instinkt sagt ihnen später nur, wo welche sein könnten, vergraben durch sie selbst oder andere Eichhörnchen. So kommen alle satt durch den Winter. Die Evolution bevorzugt diese Vergesslichkeit, denn nie aufgefundene Nüsse treiben im nächsten Jahr aus, wachsen zu neuen Sträuchern heran und vergrößern den Lebensraum der Eichhörnchen.

Dass sich dieses Prinzip nur bedingt auf Menschen übertragen lässt, stelle ich in einer groß angelegten Studie gerade unter Beweis. Wer zwei Haushalte zusammenschmeißen muss, hat nämlich selbst nach Abzug von Verkauftem, Verschenktem und Entsorgtem immer noch viel, was gelagert werden muss, um später wiedergefunden zu werden. Dabei kommt man den Lebensgewohnheiten der Eichhörnchen immer näher, je länger die Ein- und Aufräumarbeiten andauern: man stopft die Sachen – allen anfänglich durchdachten und strukturierten Aktivitäten zum Trotz – mit der Zeit nur noch „irgendwo hin“ und vergisst drei Minuten später, wo.

Ein Wiederfindinstinkt ist selbst nach nur einer Woche nicht festzustellen, sodass eine bittere Zeit des Suchens und Fluchens angebrochen ist. Und unser Lebensraum erweitert sich auch nicht. Im Gegenteil. Haushaltsauflösungen haben sich in der Evolution noch nicht niedergeschlagen, aber ich gehe davon aus, dass wir trotzdem gut durch den Winter kommen.

 

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Abb.: Pixabay

Selbstfindung

Grabungen in die Tiefen von Schränken und Schubladen sind wie eine Entdeckungsreise zu den eigenen Fundamenten, zu den inneren Rumpelkammern. Es findet sich Zeug, das einmal wichtig genug war, um behalten zu werden, aber nicht wichtig genug, um im Bewusstsein zu bleiben. Also rutschte es nach hinten und unten und geriet in Vergessenheit. Doch bei einem Umzug kommt alles raus, der Tag der Wahrheit berichtet von Dingen über einen weiterziehenden Menschen, die dieser oft selbst nicht weiß.

Zum Beispiel finde ich in diesen Tagen eine große Anzahl von leeren Schachteln und Täschchen. Man kann sie bestimmt einmal brauchen, denke ich immer und werfe sie deshalb nie weg. Tatsächlich brauche ich sie aber nur selten und wenn, dann ist meist doch nichts Passendes dabei. Oder es wäre etwas Passendes dabei, aber ich habe vergessen, dass ich es habe. Oder ich habe es nicht vergessen, finde es aber nicht. Jedenfalls tauchen derzeit von überall her Schachteln und Täschchen auf und ich bringe sie alle zur zentralen Sammelstelle auf dem Sofa.

Schachteln

Erst kürzlich behauptete ich bei Zoé, dass ich nichts sammle, um nicht zuviel Sachen zu haben, und nun das. Weder brauche ich all diese Behältnisse, noch weiß ich wohin damit. Trotzdem bringe ich es immer noch nicht fertig, auch nur eines davon wegzuwerfen.

Ich hielt mich einmal für einen minimalistischen Menschen, der nichts Überflüssiges braucht außer vielleicht kleinen Erinnerungen. Da fällt mir ein: Wohin mit all den Steinen und Muscheln, die ich von Urlaubsreisen mitgebracht habe? Und was ist mit den Zeichenblöcken und Farben meiner Mutter für den Fall, dass ich selbst wieder einmal malen möchte, obwohl ich seit Jahren nichts mehr angerührt habe? Je mehr ich finde, desto größer wird meine Erkenntnis: Ich kann kein minimalistischer Mensch sein. Nicht in diesen Schubladen. Wie kam ich nur darauf?

Veränderungen

Heute Nacht habe ich auf dem Sofa geschlafen. Gestern Nacht auch. Dieser Umstand liegt in direktem Zusammenhang mit der Tatsache, dass ich kein Bett mehr habe. In meinem Bett liegt jetzt ein sechzehnjähriger Junge, „90 kg schwer!“ laut Aussage der Mutter, die fröhlich plaudernd mit dem Kindsvater zusammen mein Bett abtransportierte. Ich liebe Ebay Kleinanzeigen! Vorausgesetzt, man will nicht reich werden damit, wird man alles los und ich bin froh für jedes Stück, das ich nicht mitnehmen muss. Mein Bett ist also verkauft. Unter anderem.

Ich könnte freilich in der neuen Wohnung schlafen, dort ist alles bereit – auch ein Bett. Und ein Mann, der es vorwärmt, der geliebte Brite, mit dem ich künftig mein Leben und die Wohnungskosten teile. Aber noch bin ich hier, in meiner eigenen, halb leeren Wohnung, zwischen Schachteln und Zeug. Ich will das Chaos um mich haben, ich will das Ende der heimischen Wohnkultur einläuten, ich will den Niedergang. Damit ich es glaube.

Ein bisschen ist es wie nach dem Tod meiner Mutter, als sie in der Aussegnungshalle lag. Ich ging jeden Tag zu ihr, damit sie nicht so allein ist – und damit ich es glaube. Ich brauchte diese Zeit, um mich damit auseinanderzusetzen, man stirbt nicht von einem auf den andern Tag. Und man zieht nicht in ein paar Stunden um. Deshalb muss ich in meiner Wohnung bleiben und noch ein paarmal auf dem Sofa schlafen.

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Wohngeister

„Betreten verboten“ steht auf dem Schild an einem Bauzaun, an dem ich achtlos vorübergegangen wäre, hätte ich nicht vor ein paar Jahren dahinter gewohnt. Zwischen den Metallstäben sehe ich die Forsythienbüsche neben der Haustür, den alten Briefkasten aus Blech, das undichte Fenster im Treppenaufgang. Aber das Fenster ist nicht mehr da. Das ganze Haus ist nicht mehr da. Vor mir liegt eine lehmige Baugrube, die im Nieselregen nass und fettig glänzt. Trotzdem sehe ich die alten Wände und Mauern und sogar mich selbst, wie ich durch die Räume gehe, und die Schatten der jungen Leute, die nach mir einzogen, sehe ich auch. Was bleibt von Menschen in einem Haus? Man nimmt seine Sachen und geht, aber vielleicht gibt es Wohngeister, die über die Jahre entstanden sind und bei einem Umzug einfach auch mal bleiben wollen. Ich habe dort gern gewohnt. Und nun irren die Geister umher wie Ameisen, denen jemand den Bau eingetreten hat.

 

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(Gesehen in San Gimgnano, Toskana)

Passend zum Thema auch eine verträumte Kreation von Ulli.

Feines aus dem Ofen

Ich habe mich in einen Ölofen verliebt. Er steht bei meiner Freundin, der wir gestern beim Umzug halfen, und ich fand ihn frierend im Wohnzimmer, wo er auf mich zu warten schien.

Als ich ein kleines Mädchen war, hatten wir auch so einen Ofen. Ich stellte gerne mein Puppentöpfchen darauf, warf ein paar Wurstscheiben hinein und studierte gebannt, wie sie anfingen zu brutzeln, braun wurden und sich zu kleinen Hütchen aufwarfen, die ich dann an meinen Bruder verfütterte.

Später zog mein Vater weg mit mir, in ein Haus mit Zentralheizung, die nie richtig aufgedreht werden durfte. Meine Tätigkeit als kleine Köchin war beendet, schon weil mein Bruder nicht mehr bei uns wohnte und ich selbst gar keine Wurst mag.

Aber der Ölofen kam noch einmal zurück in mein Leben, als meine Ausbildung begann. Ich wohnte wieder bei bei meiner Mutter und einem Ölofen, und im Winter stellte sie manchmal einen Topf Rotwein darauf mit Zitronenscheiben, Zimtstangen und Nelken. Er blieb tagelang dort stehen, bis wir ihn leergemacht hatten und uns von innen wie außen herrlich warm geworden war.

Wenn wir allerdings Abends nach Hause kamen, ließ meine Mutter erst einmal einen Anzünder nach dem andern in die Brennkammer fallen und es passierte jedes Mal dasselbe wie gestern, als ich zusammen mit einem der jungen Helfer versuchte, den Ofen meiner Freundin anzuzünden: das Feuer ging wieder aus. Es brauchte viele Versuche und manche Gänge zur Ölpumpe im Keller, bis es im Innern endlich anfing zu fauchen und die Flammen nach oben leckten. Aber dann bollerte er los, so auch gestern, und der junge Mann floh aus dem Zimmer.

Ich kannte diesen Lärm und beruhigte ihn: es war zuviel Öl hineingelaufen. Nach einer Weile würde es aufhören, und so war es auch. Irgendwann brannte das Feuer ruhig und gleichmäßig und wir stellten uns immer wieder davor, jubelten und aalten uns in seiner Wärme.

Im Sommer wird der Ölofen meiner Freundin durch eine Zentralheizung ersetzt. Bis dahin muss ich ihn unbedingt noch ein paarmal besuchen.

Absatzmarke

Der kleine Kellerraum schnappt nach Luft. Von einigem werde ich mich trennen müssen, später. Für den Moment ist das Schlimmste durchgestanden: leere Schachteln lehnen flach gefaltet an der Garagenwand, Kleider und Sachen sind in die Schränke eingeräumt, aufgewirbelte Partikel setzen sich als weißer Staub. Ein paar Bilder stehen auf dem Boden im Gang, eins davon hat meine Tochter gemalt, als sie klein war.  Keins meiner Kinder wird hier wohnen, fällt mir ein.

Umzüge sind Absätze im Leben. Auch wer nur wenige Kilometer weiterzieht, lässt Gelebtes zurück. Eine geisterhaft weiße Seite wird aufgeschlagen und wir versuchen, eine schöne Überschrift zu finden. Es liegt an uns.

Heimwärts

Ich stelle mein Fahrrad ab, quetsche es auf dem Tiefgaragenstellplatz zwischen Auto und Betonwand. Es gibt einen eigenen Raum für Fahrräder, dazu muss man das Rad aber ins Haus und ein paar Stufen die Treppe hinuntertragen.  An sich nicht schlimm, in der alten Wohnung war es dasselbe. Komisch ist nur der Gedanke, dass es nun so bleiben soll. Ich werde nie mehr einen leicht zugänglichen Fahrradabstellplatz haben. Natürlich kann man nicht wissen, was das Leben noch bringt, aber geplant ist, dass ich in dieser neuen Wohnung sesshaft werde. Genug mit den Umzügen von hier nach da nach dort, unzählige Male rollte der Möbelwagen mit meinen Sachen davon. Jetzt will ich angekommen sein, und diese blöden Gedanken über den Abstellplatz will ich nicht haben. Was ist das schon? Kein Grund zu verschwinden jedenfalls, und auch sonst nichts, es wird nichts geben, ich werde nicht mehr umziehen. Punkt.

Höchstens wenn ich im Lotto gewinne.

Oder irgendetwas Gravierendes geschieht.

Der Abschied

Strahlende Räume, hell, vertraut, leer. Ich gehe ich noch einmal durch die Wohnung, höre draußen Kinder rufen, Vögel, Passanten, Autos brummen vorbei. Klänge meines Lebens vier Jahre lang. Ich atme alles noch einmal ein, als könnte ich es so mitnehmen. Es schmerzt. Wieder ein Nest, das ich verlassen muss.

Vom Fenster aus sehe ich den Sperrmüll an der Straße. Schränke und zerbrochene Bilder, Matratzen, der rote Läufer, über den einst die Füßchen der Kinder gepatscht sind.  Ausgestellte Erinnerungen, öffentlich, weggegeben. Es ist jedes Mal dasselbe: Umzüge sind nicht nur der Abschied von Wohnungen oder Häusern, sondern auch vom Gewesenen.

Als ich später die Tür hinter mir schließe, bin ich dennoch erleichtert. Viel Arbeit, Gepolter, Hast und die Furcht vor dem näher kommenden Ende liegen hinter mir.

Horror

Mit Möbeln, Sachen und tausend Kartons sind wir in der neuen Wohnung angekommen und können nichts einräumen. Es sieht immer noch aus wie am ersten Tag, und der war vor über einer Woche. Wir steigen über Schachteln, Teppichwürste, Werkzeug, herumstehende Hocker, Staubsauger und Kabelhaufen. Ansprechend sind nur die Böden und Wände, denn das ging voraus: abkleben, streichen, Parkett abschleifen, ölen, putzen, tagelang. Schön ists geworden.

Dann begann das Schleppen. Eine ganze Wohnungseinrichtung, Hausrat, Kram, nicht enden wollende Fuhren von Restzeug, der Umzug war eine Heimsuchung. Für jegliche Sünden meines Lebens büßte ich an diesem Tag, schien mir, was schiefgehen konnte, ging schief. Dafür gab es mehrere Gründe, und einer davon war ich. Die Sache wuchs mir über den Kopf und ich brachte meinen desorganisiertesten Umzug zur Aufführung. Helfer flatterten umher, es gab keinen Plan, und in meiner Benommenheit merkte ich es nicht einmal. Ich machte einfach weiter, wie ein Roboter, ich war gar nicht bei mir. 

Als alles abgeladen war, begann erneutes Abkleben, Streichen, Putzen, tagelang. Nun in der alten Wohnung. Zum Auspacken und Luftholen kommen wir nicht, im Moment kämpfe ich nur darum, den Kellerraum vor dem Bersten zu bewahren. 

Leute, mir reichts. Ich möcht abhaun.

Andere Seiten

Meine Bücher, die ich so liebte, möchte ich jetzt loswerden. Wenn ich manche der einstigen Lieblingswerke heute lese, gefallen sie mir nicht mehr. Lebenslinien ändern sich, die Art des Wissensdurstes auch, Bücher haben ein Verfallsdatum. Wozu sie also aufbewahren? Wozu die Erinnerungen an Zeiten, die anders waren? Lesestoff werde ich künftig hier ausleihen und zurückbringen, nehme ich mir vor beim Schlendern durch die Bibliothek. Es gibt nichts einzufangen, nichts aufzustellen, was wir anhäufen, bleibt nicht bei uns. Wir nehmen, was wir bekommen, und behalten es eine Weile lang. Das ist alles. Ein bisschen versteh ich meine Mutter, die bei ihrem Wohnungswechsel im letzten Jahr fast alle ihre Bücher zurückgelassen hat.

Auch ich werde Ballast abwerfen. Einen Teil bei ebay verkaufen. Je weniger es im Juli umzuziehen gibt, desto besser. Ich bin ein Vagabund.

Diese Schmerzen!

Ich betrachte meine Hände auf der Bettdecke, die Finger scheinen in kürzlich erfolgter Operation nachträglich aufgesteckt worden zu sein. Dick und steif sitzen die Glieder aufeinander, und wenn ich sie zur Faust einziehen will, wimmert jedes einzelne Gelenk. Drehe ich die Handteller nach oben, maulen meine Unterarme über braune und bläuliche Flecken, aufgeschürfte Haut und kleine Schnitte. Ich dehne meinen Oberkörper und da geraten die Muskeln in Schultern und Rücken in  Aufruhr: es stecken Messer drin, heulen sie, beweg dich nicht! Doch ich will aus dem Bett kommen und erhebe mich halb – nun sind es unterer Rücken, Gesäß und Oberschenkel, die um Einhalt flehen und mich stöhnend zurücksinken lassen. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wie sind gestern umgezogen. Meine Mutter lebt nun in der hübschen Wohnung einer Seniorenanlage.

Zum ersten Mal lasse ich den Gedanken zu, dass ich nicht mehr so kraftvoll bin. Bei meinem eigenen Umzug vor drei Jahren jagte ich noch Treppen auf und ab wie ein wildgewordenes Pferd, und es waren damals mehr Möbel zu versetzen. Gestern fühlte ich mich im Lauf des Tages, als zerfalle ich, und heute bin ich nurmehr ein Restbestand. Um ehrlich zu sein: Auch bei meinen Jogging-Runden wähle ich seit längerem Abkürzungen, weil es anstrengend geworden ist. Ob dies von der Operation an den Füßen im letzten Jahr rührt oder ob der Schock wegen meines verunglückten Sohns etwas damit zu tun hat – ich weiß es nicht. Vielleicht klopft einfach mein Alter an. Man wächst, entwickelt sich und ergraut ja nicht gleichbleibend jeden Tag ein bisschen. Oft passiert lange Zeit nichts, doch dann kommt ein Ruck und man wird ein Stück weitergeworfen, in welche Richtung auch immer. Nichts bleibt, wie es ist.

Die Zurückgelassenen

Bei meiner Mutter stapeln sich Kartons mit Büchern. Sie wird sie nicht mitnehmen in die neue Wohnung. Ich besitze selbst viele Bücher, wie Geliebte, Freunde oder Bekannte erzählen sie davon, was irgendwann einmal Bedeutung hatte für mich und niemals will ich mich von ihnen trennen. Ich glaube, so dachte meine Mutter einst auch. Es zieht mir die Seele zusammen beim Gedanken an all diese Schachteln und dass die Bücher darin nicht mehr zu meiner Mutter gehören dürfen. Romane, Gedichte, Rezepte, Kunst, von Simmel bis Kaffka ist alles da. Für alle habe ich leider nicht den Platz, aber immer wieder fische ich das eine oder andere heraus, um es zu retten.

Eins davon habe ich gerade gelesen, „Zwei alte Frauen“ von Velma Wallis. Es handelt von einem Nomadenstamm in Alaska, lange bevor die Zivilisation kam mit Autos und TV-Geräten. Zu jener Zeit fanden die Menschen in besonders langen Wintern nichts mehr zu essen, sie starben an Entkräftung und Hoffnungslosigkeit. So mussten die Häuptlinge von Zeit zu Zeit eine fürchterliche Entscheidung treffen: Sie trennten sich von den Alten. Zum einen, weil sie nutzlose Esser waren, zum andern vielleicht dargebracht als Opfer an Geister, die in die hungernden Menschen gedrungen waren und sie wild und unberechenbar werden ließen.

Der Stamm zog weiter und war einen Moment lang erleichtert darüber, besser dran zu sein als zwei alten Frauen, die zurückgelassen wurden. Doch statt sich mit indianischem Stolz ihrem Schicksal zu ergeben, weinten die Frauen, verzagten, sie barsten vor Wut auf jene, die ihnen das antaten. Wir erfahren vom eisigen Weg, der vor ihnen liegt, von Angst und der Entschlossenheit, ihn zu gehen. Das Buch ist eine Geschichte von Grenzen und wie man sie hinter sich lässt.

Meine Mutter zeigt auf ein weiteres Fach, in dem Bücher stehn, und noch eins und noch eins.  Früher erwarb sie ein Buch nach dem andern und gelegentlich meinte sie: „Was ich jetzt nicht lese, lese ich später. Wenn ich in Rente bin, ist genug Zeit.“ Und sie hat viel gelesen seither, aber auch vor ihrer Pensionierung, immer schon. Jetzt liest sie nicht mehr. Ihre Gedanken zusammen zu halten bei längeren Texten ist anstrengend geworden für sie. Buch um Buch ziehe ich aus dem Schrank und reiche es meiner Mutter. Ungerührt versenkt sie jedes einzelne in einem Karton. Ich weiß noch nicht was tun mit ihnen, schaurig, sie einfach wegzugeben.