Schlagwort-Archive: Unterwegs

Auf dem Sprung

”Mr. Miller, please get your bacon roll.” Durchsage im Flughafen, wir standen gerade am check-in. Hier werden nicht nur verloren gegangene Passagiere ausgerufen, sondern gelegentlich auch Snacks. Drei Flüge stehen für heute auf dem Display: Dublin, London, Bremen. Halb zwei, Allgäu-Flughafen, Memmingen.

Die Gäste des einzigen Cafes begrüßt „Ein herzliches Grüß Gott“ auf einer Wandtafel, hier warten wir nun umgeben von Plauderstimmen und englischen Sprachfetzen, jemand schneuzt sich vernehmlich die Nase. Über allem dudelt Kaufhausmusik. Nach unserem Abflug wird es hier leer sein, der nächste und letzte Flug für heute startet heute Abend.

Rätselcamp IV

Die Sonne schaut in das offene „Jesus liebt dich“-Zelt in der Mitte des Platzes. In seinem Innern steht auf einer kleinen Bühne eine junge Frau, sie hält ein Mikrofon vors Gesicht und singt von der Kraft durch Jesus. Nach dem Lied tritt ein Mann vor und spricht zu den Leuten. Auf weißen Plastikstühlen sitzen sie locker verstreut, andere stehen oder gehen herum. Ein paar Zuschauer haben sich an der Seite des Zelts versammelt und hören von dort der energischen Stimme aus dem Lautsprecher zu. Weiter hinten spielen kleine Buben Fußball.

Die Menschen hier sind – dem Aussehen nach – Roma. Von überall her sind sie angereist, man sieht es an den Kennzeichen der Autos und Wohnanhänger: Niederlande, Frankreich, Österreich, Italien. Auch ein schwarzer Porsche parkt unter ihnen.

Wir stehen abseits im Schatten eines Baumes und versuchen zu erraten, was es mit all dem auf sich hat. Da kommt von dort eine Frau auf uns zu, eine Spaziergängerin, wie mir scheint. Ich spreche sie an und wir erfahren: In dem Zelt findet eine Taufe statt. Doch kein Säugling wird über das Weihwasser-Becken gehalten – fünf Erwachsene erhalten den göttlichen Segen. Evangelisten seien augenscheinlich mit der Aufnahme neuer Mitglieder beschäftigt. Als man sie habe einladen wollen zum Mitfeiern, sei sie schnell weggegangen, berichtet die Frau und lacht.

Ein Volk, das seit Jahrhunderten frei und unabhängig lebt. Roma in einer Sekte? Sind selbst sie nicht sicher? Welche Machtmittel benutzen solche Organisationen?

Rahmengedanken

Jeden Morgen gebe ich acht, die dicken schwarzen Käfer nicht zu überfahren. Sie krabbeln auf dem Radweg hin und her dort, wo er einerseits an einer Straße, andererseits an einem Maisfeld vorbei führt. Sonst sehe ich sie nirgendwo und ich frage mich immer, was die Attraktion sein könnte für die Tierchen. Gibt es Maiskäfer? Warum sind sie dann nicht im Feld?

Die Hitze liegt über dem Boden und riecht nach Kräutern und Heu, wenn sie beim Durchradeln aufstiebt. Bäume dagegen wehen kühl den Schweiß von der Haut. Deshalb fahre ich heute am Abend den Weg auf der anderen Straßenseite zurück, da ist es schattiger, und ich staune nicht schlecht: Dort, wo der Hain endet und die Sonne wieder übernimmt, sehe ich auf dem Boden mir bekannte schwarze dicke Käfer. Dabei gibt es hier kein Maisfeld, nur Wiese. Ich schaue über ein paar Büsche hinweg über die Straße – und auf der anderen Seite liegt das Maisfeld. Wer wandert hier wohin? Wandern sie überhaupt? Was lockt die Käfer an diese Stelle links und rechts einer stark befahrenen Straße?

Es ist gut, über solche Dinge nachzudenken. Sonst gäbe es ja nur Aufträge, Checklisten und Zeitdruck, ein Hecheln und Keuchen den ganzen Tag.