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Fast wie früher

Wenn es heiß ist, muss man auf dem Friedhof Blumen gießen. Wär ja schade um die teuren Pflanzen in den Schalen, und es würde auch aussehen, als läge hier jemand ohne Bedeutung, allein und vergessen, von dürren Pflanzen bedeckt. Ich gehöre jetzt also zu denen, die sagen: „Ich komm grad vom Friedhof.“ Das kenne ich bisher nur von alten Frauen mit Übergewicht. Ich weiß nicht wieso Übergewicht, es muss Zufall sein, dass ich nur solche Frauen kenne, die vom Friedhof reden. Ich selbst bin noch nicht so alt wie diese und Übergewicht habe ich auch nicht, aber der Friedhof ist schon da. Wenigstens bis eine Steinplatte angefertigt ist, werde ich bei heißem Wetter gießen müssen.

Neben dem frischen Grab meiner Mutter entstehen immer neue Gräber. Jedes Mal, wenn ich hingehe, sieht es anders aus. Es ist noch Platz. Es sind auch immer Leute da, die ebenfalls gießen oder Gräber richten, mit der Zeit wird man sich kennen. Es ist eine neue Gemeinschaft. Die blumengießende Friedhofsgemeinschaft. Aber traurig ist es nicht, es ist, wie es ist. Auf dem Friedhof stelle ich mir meine Mutter immer so vor, wie sie früher war, als sie noch sprechen konnte und ein lebendiger Mensch war.

Am Wochenende kam die Tochter zu Besuch. Ungefähr eine halbe Stunde lang standen wir vor dem Grab ihrer Oma, lachten, weinten, redeten über alles Mögliche. Es war, als säße meine Mutter bei uns. Sie lachte, weinte und redete mit. Fast wie früher.
 

Strauss© Ursula Holly