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Nachgeschmack

Manchmal geht auf der Straße ein Junge an einem vorbei oder ein Mädchen, das man kennt. Hey, denkt man, Lumnie, alles in Ordnung? Wie geht’s den andern im Heim? Heute traf ich Jochen, mit dem ich mich kürzlich in den Schrebergärten traf zum allerersten Kuss, auf die Backe, was aufregend genug war. Dann fällt mir ein, dass es Lumnie vor zwanzig Jahren gab, und Jochen vor über vierzig. Unmöglich können es die Kinder sein, die ich kenne, höchstens deren Kinder, die viel Ähnlichkeit geerbt haben und am liebsten würde ich ihnen hinterherlaufen und fragen, wie sie heißen, wie ihr Vater heißt, ihre Mutter.

Ein gelebtes Leben liegt dazwischen, doch sekundenlang war die Vergangenheit da, als wäre sie ein Nebenzimmer, zu dem der Wind die Tür aufstieß und es gibt alles noch: das Kind mit der ersten romantischen Liebe oder die junge Frau, die Kinder von Asylbewerbern betreut und Lumnie, das Mädchen aus dem Kosovo, kommt angerannt und fliegt mir in die Arme wie immer.

Die Tür bleibt noch eine Weile angelehnt, ich höre Stimmen dahinter und frage mich, wo dieses Kind, wo die junge Frau jetzt ist. Hier jedenfalls nicht. Allenfalls Überbleibsel.

Die Konstanten des Lebens

„Jetzt müssten hier eigentlich Blumen rauskommen“, sagt der Hobby-Zauberer und schaut ratlos in den Zylinder, der leer geblieben ist. Besser hätte man Unterhaltung für ein Publikum nicht planen können, alle lachen. Wir feiern den fünfzigsten Geburtstag einer langjährigen Freundin, und manche Leute sind hier, die man nur noch bei solchen Anlässen trifft. Wir plaudern, wie es gegangen ist in all der Zeit, was die Kinder machen, welche Arbeit man hat und so weiter. Dabei stelle ich fest: diejenigen, die ich vor vielen Jahren gern hatte und lange nicht sah, habe ich immer noch gern, und immer noch aus denselben Gründen.

Unbekannte Gäste sind auch gekommen, junge. Man glaubt manchmal, ihre Eltern zu sehen, mit denen wir vor vielen Jahren am Tisch saßen und vielleicht deren Geburtstag feierte. Wenn wir Älteren einst gegangen sind, werden sie noch da sein und sich bei solchen Anlässen treffen.

Der Versuch des Zauberers scheitert auch beim zweiten Mal, danach klappt es. Allerlei kleine Geschenke holt er aus dem Hut, der zuvor nachweislich leer war. Als Letztes kommt eine bunte Girlande zum Vorschein mit den Buchstaben HERZLICH WILLKOMMEN. „Sie lag bei den Geburtstagssachen,“ beteuert er, „ich hätte richtig hinschauen sollen!“ Tomaten auf den Augen von Männern scheint wiederum ein Thema zu sein, das die Generationen überdauert!