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Klischees oder was?

Neulich am Zigarettenautomat: Ein ledriger Rocker mit schwerer Jacke und nackenlangem, zurückgekämmtem Haar wirft ein Geldstück ein. Er verharrt kurz, blickt nach unten, greift in den Rückgabeschacht und holt die Münze wieder heraus.
Er wirft sie noch einmal ein, vorsichtiger diesmal, wieder fällt sie unten heraus.
Etwas funktioniert nicht.
Mit zurückgebogenem Kopf hält er die Münze nun behutsam an den Einwurfschlitz und gibt ihr einen unendlich gefühlvollen kleinen Schubs. Die Münze verschwindet im Schacht, wird diesmal verdaut und als Marlboro wieder ausgeschieden.

Oder einmal bei Edeka: An der Kasse steht ein riesiger Mann vor mir. Mächtige Schultern, Schenkel wie Baumstämme, Jeans, Karohemd und Steppweste, schwarz, cool. Der Kassierer schiebt ihm Bananen zu und der Mann greift danach, verharrt, zieht sie dann zur Seite und holt erst die Milchpackung und eine Flasche Orangensaft, stellt beides in die Papiertüte. Dann kommen Wurst- und andere Packungen dran, zum Schluss eine Gurke und die Bananen obendrauf. Ordentlich wie eine schwäbische Hausfrau.

Was will ich damit sagen? Harte Kerle sind sensibel und Afrikaner gewissenhaft. Jedenfalls manche. Man muss sich die Menschen immer erst anschauen.

The Australian Biker (6748309015)
Bildquelle: Alex Proimos from Sydney, Australia [CC BY 2.0]

Garam Masala

Ich überlegte noch, ob es eine gute Idee war, weinduselig beim Rosenverkäufer Essen zu bestellen. Absagen ging aber nicht, er besitzt ja kein Telefon. Ihn mit dem Essen sitzen zu lassen, ging auch nicht, also machten wir uns wie verabredet am Sonntagabend auf den Weg. Die Adresse: Nicht die beste.  Einer der Orte, wo man sich als Deutscher – ob man es will oder nicht –  fühlt wie ein Gutsherr, der die Hütte des Knechts mit Glanz erfüllt. Ein riesiges Mietshaus also mit wenigen deutschen Namen an den Türklingeln.

Unten auf der Straße wartete er, lächelnd wie immer bat uns der Rosenverkäufer ins Haus. Ich weiß, ich bin zu deutsch, aber kann man es abstellen? Jedenfalls fiel mir sofort auf, dass das Treppenhaus gekehrt war. Ein paar Pflanzen standen ordentlich vor einer Wand aus Glassteinen, wir folgten dem Pakistani in den vierten Stock. Wenig Möbel standen in der kleinen Wohnung, und (vergebt mir): es war ordentlich. Die Küche gebraucht, aber sauber, ich sah es mit Erleichterung.

Sogleich begann der Rosenverkäufer damit, Schubladen und Schränke zu öffnen (alles aufgeräumt innen) und Gewürze herbeizutragen, die sich in ausgedienten Kaffee- und Marmeladengläsern befanden. Jedes einzelne hielt er uns vor die Nase, nur wenige kannte ich: Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma, Ingwer, Chili, Knoblauch, vielerlei Samen und Pulver, Masala. In grausigem Deutsch beschrieb er sie einzeln und gesund sei alles, das vor allem, aber auch sehr gut. Es duftete wie in einer Parfümerie.

Dann sahen wir ihn. „Unseren Topf“. Groß, schwarz, und – als er den Deckel anhob – voller Hühnerbeine. Meine Tochter ist Vegetarierin geworden, weil sie es den Tieren nicht antun kann. Einen Moment lang wollte ich ebenfalls nicht, dass diese Geschöpfen unseretwegen zerhackt in einer hellen Sauce schwammen. Aber dann stieg ein Aroma von ihnen auf, dass ich entschied: Wir bleiben Fleisch-Esser.

Der Reis war gemischt mit Gemüse, herrlichen Gewürzen und einem Holzstückchen, das der Rosenverkäufer heraus stocherte und an dem er uns riechen ließ. Wie Sandelholz. Oder Zimt? Wir bewunderten den Duft und er legte es lachend zurück. Ob wir Kaffee wollen, oder etwas zu trinken? Und nein, Geld nehme er nicht. Es sei das erste Mal, lieber koche er wieder einmal für uns. Zehn Euro ließ ich liegen, heimlich, viel zu wenig bestimmt. In Joghurt-Eimern trugen wir das Köstliche zusammen ins Auto.

Indisches Essen ist in England verbreitet, mein Liebster kennt es. Ich selbst besuchte gelegentlich indische Restaurants in Deutschland, aber was hier auf den Tellern dampfte, war etwas anderes. Das Curry nahm mich mit ins Labyrinth indischer Gassen mit Händlern, exotischen Düften, Farben, Blütengirlanden. Scharf schmeckte es, fremd, und wundervoll. Ich schämte mich ein wenig wegen meiner Vorurteile und weil ich selbst so viel Gastfreundschaft vielleicht nicht zustande brächte. Auf alle Fälle war es eine besondere Mahlzeit, und mit jedem Bissen drang ich tiefer in die Welt von Gewürzen und Miteinander.

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Garam Masala