Schlagwort-Archive: Weihnachten

Die Welt ist schön

Neulich beim Adventskonzert: Nach ein paar Stücken des Orchesters löst sich ein zierliches Mädchen aus dem Hintergrund und geht nach vorne, eine Harfe wird herbeigebracht. Sie setzt sich an das Instrument, streicht sich über den dichten Pferdeschwanz, holt tief Luft und beginnt, mit den Händen die Saiten auf- und abzugleiten. Weiche Klänge ertönen, „Greensleeves“.

Ich betrachte das Gesicht des Mädchens. Es scheint so zart, so rein, so unschuldig wie eine Elfe, die sich in ein Kirchenschiff verirrt hat. Sicher ist sie eine gute Schülerin, hat Freundinnen und auf jeden Fall Eltern, die ihr eine Harfe und Musikstunden ermöglichen.

Nach drei Liedern steht sie auf, senkt schüchtern den Kopf, die Leute applaudieren. Der Vater trägt die Harfe weg, das Mädchen setzt sich wieder, eng zwischen die Eltern. Das Konzert geht weiter.

Ich kann den Blick nicht von ihr lassen. Ist es das, wonach wir uns an Weihnachten sehnen? Behütet zu sein, geliebt, gefördert und in Sicherheit? Ist der ganze Rummel deshalb nicht aus der Welt zu schaffen, weil Weihnachten der Traum von einer schönen, heilen Welt ist, die wir vielleicht als Kind vor dem Christbaum erlebt haben? Oder gerne erlebt hätten? Ist es einfach der Wunsch nach: Alles ist gut?

Wie auch immer. Ich wünsche euch allen ein frohes Fest mit lieben Menschen,
oder ein friedliches mit euch selbst.

Schöne Weihnachten!

 

 

London

Eigentlich ist unser Ausflug nach London schon wieder vorbei, aber ich nehm euch einfach nachträglich mit. Schaut mal:
(Draufklick = groß)

Dann war da noch der Besuch beim hochbetagten Onkel und der Tante des geliebten Briten. Ich bin ich wieder einmal von den Aufenthaltsräumen eines Pflegeheims überrascht. Teppiche, Plüsch und dunkles Holzmobiliar, überall rafft und rüscht es sich, im Speisesaal hängen kronleuchterähnliche Lampen und beim Abendessen sieht es aus wie bei einer festlichen Einladung. Dabei handelt es sich um eine ganz durchschnittliche Einrichtung. Bei uns sind solche Räume weiß getüncht, funktional, abwaschbar.

Wir trafen uns außerdem mit dem Neffen und dessen Freundin. Das Mädchen erzählte, dass ihr Vater sich kürzlich weigern wollte, einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Die Kinder seien erwachsen, es sei mühsame Arbeit, nicht nötig für die paar Tage. Aber alle protestierten und der Weihnachtsbaum kam zum Einsatz wie jedes Jahr. Interessant ist das Detail, dass die Familie der Freundin Hindus sind, ich glaube die Eltern stammen aus Indien. Mit den Anlässen zum Feiern nicht man es aber nicht so genau. Ob sie auch Weihnachtslieder singen, habe ich vergessen zu fragen.

 

Weihnachtsaktion

Wieviel Weihnachten braucht ein Büro? Das fragten wir uns Ende November, als die firmeninterne Adventsdekoration fertig war. Eine Mitarbeiterin von einem anderen Standort war eigens hergekommen, um wenige Tage vor einer Veranstaltung unsere Büros zu schmücken.  Sie brachte schwere Taschen und große Kartons, in die sie wieder und wieder  griff und sich dann suchend in den Räumen bewegte auf der Jagd nach weiteren Platzierungsmöglichkeiten. „Schade, dass ich nicht dabei sein kann“, meinte sie schließlich und nestelte an den letzten Engelchen herum, „aber ich habe einen wichtigen Termin an dem Tag.“

Als sie gegangen war, standen wir ratlos vor der Bescherung. Von jedem Regal, jedem Tisch, jedem Schrank ergossen sich Glitzerkugeln, Tannenzweiggirlanden aus Plastik, Krippenfiguren und eine gefühlte Hundertschaft an pausbäckigen Weihnachtsmännern. In den Ecken formierten sich Bodenvasen mit reich vergabelten und bunt behangenen Ästen, auf den Fenstersimsen lag Goldfolie drapiert. Es sah aus wie auf einem Weihnachtsbazar.

„Vielleicht ein bisschen zuviel,“ bemerkte jemand. Ich betrachtete mein bisher minimalistisch gestaltetes Aktenregal, das nun komplett mit Weihnachten befüllt war.
In den folgenden Tagen versuchten wir, uns daran zu gewöhnen. Vergebens. Schließlich sagte jemand: „Sollen wir  etwas davon wegnehmen? Die Kollegin kommt ja nicht zur Veranstaltung.“

Wir fingen an, ein wenig zu reduzieren, und plötzlich – machten alle mit. So, wie es mit der Weihnachtsschmuckbeauftragten durchgegangen war, ging es mit uns beim Abräumen durch. Im Handumdrehen waren nur noch zwei Bodenvasen und ein paar Sterne übrig, wir konnten wieder atmen.

Am Veranstaltungstag stellte sich die Belegschaft zur Begrüßung der Gäste im Eingangsbereich auf. Namensschilder wurden verteilt, Sektgläser und Häppchen bereitgestellt, und dann kam, was kommen musste: Jemand blickte aus dem Fenster und schrie: „Ihr glaubt nicht, wer auf dem Parkplatz steht!“ Die Dekorateurin hatte offenbar den Termin verlegen können.

Sie schimpfte wie ein Kesselflicker. „Ich habe den Auftrag gehabt, die Räume zu schmücken! Ich habe ein größeres Budget dafür erhalten und viel Zeit damit verbracht! Wo ist die Dekoration? Wer hat das veranlasst?“

Wir mussten es aushalten. Ließen sie ihren Ärger Luft machen, beteuerten, dass alles zurückgestellt wird, drückten ihr ein Glas Sekt in die Hand und waren übertrieben freundlich zu ihr.

Ich arbeite häufig mit dieser Kollegin zusammen und war bis dahin nie recht warm geworden mit ihr. Aus purem schlechtem Gewissen behandelte ich sie aber von diesem Tag an außerordentlich aufmerksam und liebenswürdig, auch wenn sie brummig war. Sie schien darauf gewartet zu haben. Die Frau wurde auf einmal gesprächiger, positiver, lustiger, und nachtragend ist sie auch nicht. Sie hat den Vorfall nie wieder erwähnt. Ich möchte behaupten: Sie ist ein netter Mensch. Wir mögen uns jetzt.

So war die Aktion doch noch für etwas gut.

Weihnachtliche Nachgedanken

Der Kaufrausch ist überstanden, der Truthahn seiner Bestimmung zugeführt – Zeit für eine Betrachtung. Während sich nämlich die Wegstrecken eines Menschen (insbesondere einer Menschin) vor und während der Weihnachtszeit nur erahnen lassen, kann die dezemberliche Laufleistung eines Kamels exakt berechnet werden. Jedenfalls wenn es in der familieneigenen weihnachtlichen Holzapparatur neben dem Fernseher unterwegs ist. Lehnen wir uns also zurück und denken nach:

Unter der Voraussetzung, dass die 3 Könige (K3), der Engel (E) oder andere Gestalten (G.div) den unaufhaltsamen Gang des Kamels (K) nicht beeinträchtigen oder gar behindern (s.a. PyVO §1 Absatz 2), kann man pro Minute von etwa 20 Umrundungen der mittig angebrachten Bettmulde ausgehen. Der Abstand (d) des Kamels bis zur Drehachse wird auf 65,7 mm gemessen.

Bei einer geschätzten täglichen Betriebszeit von durchschnittlich 1,37 Stunden (Wartungsarbeiten wie Kerzenwechsel, gelegentliche Justierung der Wärme-Kraft-Koppelung WingAdjust sind bereits berücksichtigt) und einer saisonal bedingten Einsatzzeit von diesjährig 26 Tagen ergibt sich für 2015 eine Laufleistung von
20l/min * 60min/h * 1,37h/d * 26d * 65,7mm * 2 * π = 17636003,424 mm = ~17,6 km
und entsprechend eine tägliche Wegstrecke von 0,678 km.

Die durchschnittliche Dauer der Adventszeit beträgt 25 Tage.
Addieren wir eine approximierte Nachlaufzeit von weiteren 5 Tagen, erhalten wir in einer ersten Hochrechnung 30 Tage pro privathaushaltlicher Weihnachtsperiode.
Gehen wir weiter davon aus, dass die weihnachtliche Holzapparatur ein Alter von 47 Jahren und ein Kamel 4 Beine hat, berechnet sich die Laufleistung aller Kamelbeine (K4b) in der gesamten Lebenszeit auf 3.827,59 km.

„Höcker um Höcker, Huf um Huf“, heißt es schon in der Bibel, und ich danke meinem guten Freund und Oberbeduinen Wolfgang dafür, dass ich sein Rechenexempel hier veröffentlichen darf.

Ich wünsche euch allen eine schöne Nachweihnachtszeit!

W-Pyramide_Wolfgang

Es lebe die Vielfalt!

Hallo ihr Lieben,

habt ihr ein schönes Weihnachtsfest gehabt? Das beste Geschenk ist doch immer mehr das große, offene Herz eines andern und die gemeinsame Zeit, die man miteinander verbringt. Ich hoffe, ihr alle habt ein paar liebe Menschen um euch, von denen ihr angenommen werdet und mit denen ihr euch wohlfühlt. Menschen, die ihr lieben dürft und bei denen eure Liebe willkommen ist.

Es lebe die Liebe, es die Vielfalt, es lebe der Weihnachtsgedanke!

 
 


 
(Danke, BOWMORE Darkest, bei dir habe ich dieses Video gefunden!)

Zwischen den Jahren

Alles überstanden, Weihnachten ist über uns weggebraust. Ich habe den Kopf eingezogen und gewartet, bis es wieder ruhig wurde. Nicht dass etwas vorgefallen wäre. Am Feiertag briet ich einen Truthahn, der gut geworden war. Mit einer Mischung aus Zitronensaft und Whiskey einreiben kann ich empfehlen. Nicht alle Kinder waren da, einer meiner Söhne flog nach Kolumbien, um einen Freund und seine Familie zu besuchen. Salsa könne er nicht mehr hören, teilte er in einer E-Mail mit, sonst alles cool.

Wir waren immer noch zehn Leute. Ein Familientag, wie es sich gehört, hätte ich nicht die ganze Zeit neben mir gestanden. Alles glitt ein wenig ab, wie Wasser von einem Ölmantel. Schon die letzten Monate hatten nicht zu hundert Prozent mit mir zu tun, obwohl ich von außen gesehn die Hauptdarstellerin war in diesem meinem Leben.  Das sind die Medikamente. Vieles, was Angst macht, bleibt ausgesperrt. Manches andere auch.

Im neuen Jahr werde ich darauf verzichten. Nein, erstmal aufs Rauchen verzichten. Dann auf die Medikamente. Derweil funkelt der Christbaum hier mit goldenen Kugeln vor sich hin und versucht, den Raum mit dem göttlichen Entwurf von Liebe und Neubeginn zu füllen. Schön sieht er aus.

Driving home for Christmas

Ja so ist das, wenn man mit einem Briten zusammen lebt. Man sitzt am Heiligabend am Computer, tut Dinge, die man jeden Abend tut. Mir fehlt nichts. Man kann nicht morgens auf den Wochenmarkt hetzen, einen toten Truthahn durch die Straßen schleppen, letzte Geschenke aus menschenumwaberten Geschäften erobern, die Wohnung in Ordnung bringen, das Badezimmer putzen, den Menüplan durchgehen, vorkochen nach Möglichkeit, und dann am Abend entspannt vor dem Christbaum stehen und Weihnachtslieder singen. Nein. Die Kinder, das Essen, die Bescherung – das machen wir alles morgen. So ist es in England Tradition, und mir gefällt sie.

Die Gaben bringt freilich immer noch das Christkind, nicht Santa Claus. Wir hören uns auch nicht die Rede der Queen im Fernsehen an, wir tragen keine bunten Papierhüte und ziehen keine Knallbonbons. Auch vor Plumpudding bleibe ich dieses Jahr verschont, und wir haben keinen Mistelzweig in der Wohnung.

Was hierher und zu uns passt, entscheiden wir frei. Deshalb kann ich nach der überarbeiteten und hektischen letzten Zeit jetzt, in diesem Moment, während Chris Rea im Radio is driving home for Christmas, auch ankommen. Es ist Weihnachten. Schön.

Euch allen wünsche ich ein besinnliches, entspanntes Fest und fröhliche Feiertage!