Eine Brücke zwischen den Welten

Er ist zurückgekommen! Gott sei Lob und Dank, er ist wieder bei uns. Angeschlagen immer noch, erschöpft, aber er selbst. Was er erzählte, war meist meist kein Durcheinander mehr aus Vergangenem, Geträumtem und eben Erlebtem. Sein Gehirn ordnet sich, und wenn er auch viel vergisst: er hat er aus seiner verworrenen Traumwelt herausgefunden.

Wir machten mit ihm im Rollstuhl einen Spaziergang um die Klinik herum und er plauderte wie früher über seine Erlebnisse, seinen Zustand, sein Jungengrinsen wagte sich manchmal vorsichtig zurück auf sein Gesicht. Zum Beispiel als er davon redete, dass jemand die Kosten für seine Behandlung hier auf etwa 45.000 EUR schätzt.

Schmerzen hatte er und den ganzen Nachmittag war er damit beschäftigt, seine Position zu wechseln. Vom Liegen zum Sitzen, vom Sitzen in den Rollstuhl, vom Rollstuhl zurück ins Bett und wieder liegen, dann sitzen, dann liegen, dann schlafen. Aber er war die ganze Zeit klar. Er wusste, was mit ihm geschehen war und was noch kommen wird. Morgen werden die Schienen an seinem Bein entfernt, und er kann die Reha kaum erwarten, wo er vielleicht ein eigenes Zimmer haben wird, zumindest ein Badezimmer und eine Toilette, die nicht vom ganzen Stockwerk benutzt werden. Sein großer Wunsch ist es, eine Tür hinter sich schließen zu können. Privatsphäre.

Heute vor vier Wochen kam ein Audifahrer auf die Gegenspur und fuhr in das Auto, in dem mein Sohn mit seinem Freund vom Urlaub zurückkam. Seither liegt er in fremden Betten und fremde Menschen stehen drumherum. Sie betrachten ihn, reden über ihn, tun mit ihm was zu tun ist und wenn sie damit fertig sind, kommen bekannte Menschen mit bestürzten Gesichtern und suchen nach etwas, was sie für ihn tun können. Und er verstand nichts von alldem.

Nun wurde es hell in seinem Kopf und fast ist es, als müsste ich jeden Moment erwachen und der Albtraum geht weiter. Ich kann so schnell nicht glauben, er nur endlich gesund werden darf, ich wünsche es ihm so sehr. Was diesen Sprung seit dem deprimierenden letzten Donnerstag ausgelöst hat – wir wissen es nicht. Ich spüre aber, dass unsere Gebete gehört wurden. Jemand hat seine Hand nach ihm ausgestreckt, und ihn gehalten.

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