Schockstarre

Vor einer Woche rief ich am Freitag den beiden Kollegen bei mir im Büro ein „Schönes Wochenende“ zu. „Dir auch!“ kam es gutgelaunt zurück.
Am Montag darauf war nur noch einer da.
Der andere ist tot.

Mitte Vierzig ist er geworden. Ob es ein Herzinfarkt war, ein Schlaganfall oder etwas anderes, wissen wir nicht. Der Kollege war fröhlich, umtriebig, pfiffig. Er arbeitete hart, sorgte aber auch für Ausgleich: In der Freizeit war er aktiver Musiker, Sportler und fleißiger Helfer bei Veranstaltungen. Ein Hans Dampf in allen Gassen.

Vielleicht wäre er noch am Leben, wenn er seine anstrengende Arbeitsstelle hingeworfen hätte. Wenn er zu Hause mehr entspannt hätte. Wenn er häufiger den Arzt aufgesucht hätte.
Hätte, hätte, Fahrradkette.

Vielleicht gibt es aber auch ein Schicksal und etwas in ihm wusste, dass er nicht so viel Zeit haben würde. Vielleicht hat er deshalb so viel in sein Leben gepackt.

Ich sitze im Büro, sein Platz ist leer, eine Kerze brennt auf seinem Schreibtisch. Es sieht immer noch aus, als käme er gleich um die Ecke. Ich höre seine Stimme, sehe sein lachendes Gesicht. Mir ist zum Heulen. Ich möcht gar nicht rüberschauen.

 

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Freitagstexter – Siegerehrung

Danke, danke, vielen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der dieswöchigen Freitagstexter! Ich hatte großen Spaß beim Sichten der Vorschläge. Allerdings: Leute – so geht das nicht. Wie soll man sich da entscheiden?

Dieses Bild war zu betexten:… und eure Einfälle waren zum Niederknien!

marissa zum Beispiel:
„Das nennt sich Thaimassage, Herbert. Das muss so wehtun, sonst bringt es nix.“

Oder Wortmischer:
„Herberts und Jamilas Lieblingsstellung aus dem Kamasutra war schon immer die Anbetung.“

Pfefferoni :
„Rück den Brief wieder raus!“ „Du musst ihn dir schon selbst holen…!“

fraggle:
Jetzt wollen wir doch mal sehen, ob dieser Ashiatsu-Massage-Kurs an der Volkshochschule seine Teilnahmegebühr auch wert war…“

Lakritze:
„Die Akrobatikabteilung des Taubenzuchtvereins West-Ostkilver feierte international Erfolge.“

Meermond: „Aufsässig“

Nachdenkliches gab es auch:

Mallybeau etwa:
„Friedenstauben auf antikem Fundament“

oder Lakritze:
„Frieden schaffen ohne Waffen … das muß doch irgendwie gehen …!“
Ja, zum Kuckuck. Es sollte irgendwie gehn.

Marco bekommt einen Ehrenbembel, da ohne verlinkten Blog und weil er den Grundgedanken aufgriff, den ich selbst beim Einstellen des Bildes hatte:
Umfrage:
Schwarze & weiße Taube beim Coitus. Was sollte die Menschheit daraus lernen?
a) Rassissmus ist doof
b) weiße Tauben sind doof
c) schwarze Tauben sind doof
d) Tauben als Vorbild unserer europäischen Gesellschaft!
Nicht nur der europäischen, lieber Marco, und Mehrfachnennungen sind sicher erlaubt!

Also, es ist unmöglich, eine klaren Gewinner zu ermitteln, ich könnte ebensogut würfeln. Man kann keine Entscheidung treffen, ohne den andern Unrecht zu tun, aber wenn es denn sein muss – ich habe also unter denen ausgewählt, die einen aktiven Blog besitzen und den Feitagstexter-Pokal nicht erst kürzlich selbst gewonnen haben. Nach langem Abwägen und intensiver innerer Beratung fiel die Wahl schließlich auf:

Trommelwirbel Trommelwirbel Tusch:

bee!

„Wenn Du nämlich nach dem Vorwaschgang auf 60 Grad hochdrehst, dann gehen die Flecken aus dem…“ „Ach halt den Schnabel!“

Bei dieser Bildunterschrift kann ich das Gekabbel von zwei gegensätzlichen und doch so ähnlichen Individuen geradezu hören und ich meine, es käme mir von irgendwoher bekannt vor. 😉

Herzlichen Glückwunsch!

Und somit, liebe Freitagstexter-Freundinnen und -Freunde, bitte ich euch am Freitag zu einem Besuch auf dem lesenswerten zynaesthesie-Blog als


wo es wieder ein Bild geben wird, das sich nackt und einsam nach einer passenden Bildunterschrift sehnt.

Danke nochmals für eure tollen Beiträge!

😘

Freitagstexter

Folgendes ist passiert: Mit einem dahingeworfenen Zitätchen habe ich als Freitagstexterin einen Bembel gewonnen! Dafür nochmals ein Dankeschön an Lakritze.


Behalten werde ich ihn nicht. Es handelt sich nämlich um einen Wanderbembel und er will wieder unters Volk. Klingt das gut? Dann macht mit und jemand von euch hält ihn nächste Woche digital in den Händen.

Es ist ganz einfach: Schaut euch unten das Foto an und schickt mir in einem Kommentar eine Bildunterschrift dazu. Das ist schon alles. Die passendste, witzigste, sonstwasste Idee, einfach was euch spontan einfällt, wird von mir höchstselbst ausgewählt und gekürt. Zurufe werden aufgegriffen und sorgfältig bedacht vor der Urteilsfindung.

Einsendeschluss ist Mittwoch, der 11. Oktober 2017, 23:59 Uhr.


Der/die Gewinner/in bekommt stehende Ovationen, einen kostbaren Pixel-Pokal und darf nächsten Freitag selbst ein Bild vorstellen, das noch eine Bildunterschrift braucht.

Ich freu mich auf eure Vorschläge!

Morgenkontemplation

Auf dem Weg zur Arbeit betrachte ich jeden Morgen ein Fräulein in einem Glaskasten. Dieser klebt an der Frontseite einer kleinen Maschinenfabrik und mein Radweg führt eine Weile lang direkt darauf zu.

In dem Kasten sitzt das Fräulein: schmal, ein wenig verhuscht, mit kinnlangem, bräunlich gelocktem Haar und sommers wie winters in einem dünnen Blüschen. Stets blickt sie angestrengt auf einen kleinen Computerbildschirm und kommt ihm mit dem Gesicht einen Tick zu nahe. Selbst aus der Ferne meine ich zu erkennen, dass sie nicht mehr ganz jung ist und eine Brille braucht. Niemals habe ich sie mit einer anderen Person gesehen.

Auch befindet sich der Zugangsbereich mit Lagerhallen, Gabelstaplern, Parkplätzen und dem Eingangsbereich auf der hinteren Seite des Gebäudes, sodass nicht ganz klar ist, wozu es das alles überblickende verglaste Büro auf der Vorderseite braucht. Vielleicht waren die Nutzflächen früher einmal anders angeordnet, oder es ist eine veränderte Einteilung für die Zukunft geplant.

Oder: das Fabriklein hat längst zugemacht, aufgekauft von einem dicken Konzern, und das Fräulein hat man einfach vergessen. Vielleicht ist ihr Gehaltszettel zwischen denen von 5000 weiteren Konzern-Mitarbeitern an anderen Standorten versunken und der Wareneingang ist gar kein Wareneingang, sondern der Zugang zu Abstellflächen für veraltete Ersatzteile, die der neue Eigentümer noch nicht wegwerfen möchte. Dem Fräulein auf der Vorderseite erscheinen aber Bewegungen im Bestand, und unberührt vom Treiben da draußen werden diese von ihr gewissenhaft verbucht und auswertet, wie sie es immer getan hat, und ihre Listen verschwinden vielleicht in den Tiefen eines Verzeichnisses, von dem niemand weiß außer sie selbst.

Dies ist der momentane Status meiner Überlegungen. Jeden Morgen sinne ich ein paar Minuten lang darüber nach, wie alles sein könnte, so wie andere im Yogasitz oder beim Gebet verharren, um inspiriert in den Tag zu kommen.

Und was begegnet euch auf dem Weg zur Arbeit?

Das liebe Vieh

Heute beim Spazierengehn: Als wir an eine Kuhweide kommen, hebt eins der grasenden Tiere langsam den Kopf und glotzt uns an. Selbst die Kuhkultur unterscheidet sich von Land zu Land, denke ich. Vor wenigen Wochen noch standen wir mitten im weitläufigen Weideland Nordenglands und dort begegneten uns keinen dummgezüchteten Milchkühen wie diese hier, sondern intakte Familien mit Stieren und Jungtieren und Lust am Leben.

Ich dachte noch, etwas weniger Eigenständigkeit wäre mir lieber, denn der Fußweg am Hadrianswall entlang führt ständig durch Weideland. Einmal hatte sich z. B. eine ganze Gruppe von Rindern auf dem Wanderweg aufgebaut und blickte uns beim Näherkommen interessiert an. Wir blieben stehen, konnten nicht ausweichen und die Tiere bewegten sich auch nicht. Schauten nur. Da breitete der geliebte Brite die Arme aus, ruderte langsam auf und ab mit ihnen, als setze er zum Flug an, und schritt voran. Die Rinder überlegten kurz und machten dann bedächtig ein paar Schritte zur Seite. Ich huschte dicht hinter dem Liebsten drein wie Jane, die gerade von Tarzan gerettet wird.

Derlei Mut und Technik braucht es auf unseren Kuhweiden nicht, schon weil keine Kuh frei herumläuft. Die Weideflächen in Süddeutschland sind oft nur Parzellen mit verschiedenen Eigentümern. Von Weitläufigkeit keine Spur und auch bei den Tieren ist ein weiter Geist nicht erkennbar, noch nicht mal irgendein Geist. Wir glotzen also zurück und die Kühe widmen sich wieder ihrer Hauptbeschäftigung: Fressen und verdauen.

Überraschungen sind hier nicht zu erwarten. Für Verblüffung sorgen sowohl im Brexit-England als auch seit heute im AfD-Deutschland vor allem die zweibeinigen Rindviecher.

 

See you, Darling

Zum Abschluss unserer Englandreise verbrachten wir ein paar Tage in Manchester, weil ich diese Stadt zuvor nur vom Durchfahren mit dem Zug her kannte. Alles was ich wusste war:

  • Hier leben ca. 520.000 Menschen, unter ihnen eine begabte Bloggerin aus Deutschland (Emily mit Talk Welsh to me ).
  • Mein Sohn war in Manchester einmal zu Besuch und es hat ihm gefallen.
  • Meine Nichte hat in Manchester ein Studienjahr verbracht.
  • Es gibt hier einen berühmten Fußballclub: Manchester United.
  • Mehrere Popgruppen wie z.B. Oasis, Take That oder die Hollies stammen aus dieser Stadt.
  • Im Mai haben Kriminelle nach einem Popkonzert mehrere Menschen im Bahnhof Victoria Station ermordet.
  • Ach ja (der geliebte Brite hält gerade einen Vortrag): Manchester war früher das Zentrum der Baumwoll-/Textilindustrie. Falls das jemanden interessiert.

Das Straßenbild in der Innenstadt ist spannend: Monumentale historische Gebäude (z.B. das Rathaus) und uralte Pubs (z.B. das Old Wellington) stehen ohne mit der Wimper zu zucken neben modernen Bauten. Diese sind zum Teil mit farbigen Fassaden versehen sind und der ganze Mix wirkt kunterbunt, lebendig, vielfältig.

 

Die Menschen in Manchester sind wie alle Engländer ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Als kleines Extra wird man zudem ständig mit „Darling“ angesprochen. An der Kasse von Aldi z. B.: „Twelve Pounds sixty, Darling“. Im Nordwesten um Carlisle / Bowness ist die Standard-Anrede dagegen „Love“, etwa im Pub: „What can I get you, Love?“, während man in Newcastle zum Pet wird (Haustier im Sinn von Kätzchen). Vor einem Eingang kann man durchaus ein lächelndes „Go ahead, Pet“ hören.

Heute durfte ich diese liebenswürdige Eigenart ein letztes Mal genießen, und zwar im Flughafen. Eine füllige Frau in Uniform winkte mich bei der Sicherheitskontrolle zu sich: „Go through the gate, Darling“. Ich dachte in diesem Augenblick: ich möchte den Rest meines Lebens mit „Darling“ angesprochen werden. Leider scheint das in London nicht zum Umgangston zu gehören, denn vom geliebten Briten hör ich sowas nur auf Anfrage.

Hier noch ein paar Bilder:

Media City UK

The Old Wellington

Das Old Wellington ist das älteste Pub in Manchester. Es wurde 1552 zum ersten Mal erwähnt und hat mit der modernen Zeit so seine Erfahrungen.

1974 zum Beispiel wurde es mit Beton unterlegt und um 1,5 m angehoben, damit es auf die gleiche Höhe der angrenzenden Schopping Mall Arndale Centre kam.
1996 detonierte in der Nähe eine Bombe der IRA und beschädigte das Gebäude schwer. Als es wieder instandgesetzt und neu eröffnet worden war, fiel den Stadtoberen ein, dass man den Standort verändern wollte. Das komplette Pub wurde in seine Einzelteile zerlegt und 300 m weiter wieder aufgebaut.

Die Manchester Town Hall (Rathaus) 

 

Das waren einige Ausschnitte, man könnte noch stundenlang weitermachen! 🙂