Müde bin ich, geh zur Ruh …

… aber an Tiefschlaf ist derzeit nicht zu denken. Seit Nächten liege ich halbwach im Bett, weil es so laut ist. Obwohl wir längst aus dem Urlaub zurück sind, hören wir das Rauschen mächtiger Wellen, die in unregelmäßigem Rhythmus den Sand übersprudeln. Nun ist weder der Bodensee über die Ufer getreten noch ist uns ein Meer zugeflossen. Der Grund dieser Ruhestörung sind die Maler.

Unser Haus bekommt nämlich gerade einen neuen Außenanstrich. Zum Schutz vor Farbspritzern wurden die Fenster abgeklebt, und deshalb hören wir seit Tagen das Geräusch von Plastikfolie, die sich im Wind aufbläht. Das rauscht und zischt wie eine Meeresbrandung, was an sich wundervoll klingt. Die Nachtruhe könnte also erholsam sein (in südlichen Ferienorten ist sie es ja auch) – wären da nicht die Rolläden.

Wir können sie nämlich nicht mehr schließen. Abgeklebt, mit Folie. Nicht weit vor unserem Schlafzimmerfenster steht eine Straßenlaterne. Die Nächte sind also laut und hell und ungewohnt. Und die Maler? Kommen nicht mehr. Zu nass. Die Wettervorhersage spricht von wenig Änderung.

Das nachfolgende Video ist vielleicht während einer Hausrenovierung entstanden – genauso hört es sich nämlich an vor unseren Fenstern. Die Fantastischen Vier habe ich auf dem Gerüst aber leider noch nicht entdeckt.

Gut gebrüllt, Spanier!

Wir setzen uns in ein kleines Straßenrestaurant in den Schatten, bestellen Bier und Tapas, beobachten die Menschen an den anderen Tischen der umliegenden Restaurants. Wie immer unterhalten sie sich lautstark.

Privatsphäre scheint in Spanien kein schützenswertes Gut zu sein. Wer sich in Restaurants oder Cafes derart vernehmlich unterhält, kann kein Interesse an Diskretion haben. In Deutschland unterhält man sich in der Öffentlichkeit hinter vorgehaltener Hand – in Spanien schreien sich die Leute an, als stünden sie auf dem Fischmarkt.

Wir machen also eine neue Erfahrung in diesem Urlaub: Wenn Menschen zusammentreffen, veranstalten sie einen Heidenlärm und niemanden störts. Es wäre vielleicht spannend, wenn wir die Sprache verstehen könnten, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist alles nur Small Talk und es geht gar nicht darum, was gesprochen wird, sondern dass gesprochen wird.

Es könnte ja sein, dass Gruppenzugehörigeit in Spanien ein wichtiger Wert ist. Oder die Menschen befürchten, dass ihre Anwesenheit ohne einen gewissen Geräuschpegel nicht wahrgenommen wird und dass dann etwas Schlimmes passiert. Oder Einzelgänger werden wie Aussätzige wahrgenommen und man will einen solchen Eindruck unbedingt vermeiden. Ich weiß es nicht.

Nach einer Woche haben wir uns jedenfalls daran gewöhnt und finden die Menschen in Deutschland nach unserer Rückkehr ein bisschen verkniffen.

Essen wie Gott in Spanien

Nach einer Woche in Andalusien kann man natürlich keine Aussagen über das ganze Land machen. Ich rede also nur von einer Beobachtung, die wir in der kurzen Zeit an ein paar wenigen Orten gemacht haben. Und die ist: eine Riesensauerei. Auf den Tischen meine ich, nach dem Essen. Wenn Spanierinnen und Spanier sich vom Essen erheben, hinterlassen sie angebissene Brötchen, halb aufgegessene Teller, Reste im Trinkglas, verstreute Krümel und zerknüllte Papiertücher.

Ihr Leitgedanke ist offenbar nicht wie in Deutschland ein „Sorry, dass ich da bin, ich mach auch möglichst wenig Dreck“, während wir das Besteck auf den Teller legen, die Serviette ordentlich gefaltet dazu, eventuelle Verpackungspapierchen daneben, das Brot haben wir über dem Teller abgebrochen, sodass die Brösel dort landeten und nicht auf dem Tisch.

In Spanien scheint die Idee eine andere zu sein: „Ich war da, es hat geschmeckt und so habe ich viel gegessen. Sieht man ja daran, wie es auf dem Tisch aussieht.“ Und das steckt an. Schon nach wenigen Tagen übten wir es auch, wenngleich wir noch in der Anfängerklasse spielen.


Aber selbst heute, als wir die mitgebrachten Oliven, Schinkenscheiben, Cracker usw. auf dem Tisch ausbreiten, machen wir es wie die Spanier: Wir verteilen bei der Mahlzeit eine Menge Zeug und beeilen uns nicht mit dem Abräumen. Schließlich hats geschmeckt.

Eindrucksvoll

Dienstag: In Sevilla bei über 30 Grad in einer kleinen Plaza im Schatten gesessen. Vor uns ein kühles Glas Bier und Tapas, wir nehmen Anlauf für den Besuch im Alcázar-Palast.

Mittwoch: In München bei 1 Grad plus gelandet. Schnee- und Graupelschauer.

Da träum ich mich doch gleich wieder weg!

Weiter unten kommen ein paar Bilder des Alcázar von Sevilla, doch es sind nur Andeutungen. Man kann dieses Bauwerk weder beschreiben noch in Fotos zeigen, man muss durch die Räume, Innenhöfe, Gärten und Hallen geschritten sein und diese Pracht auf sich wirken lassen. Es ist beispiellos, ich habe so etwas noch nie gesehen.

Das Gebäude war einst eine maurische Festung, auf deren Ruinen im 14. Jahrhundert ein Palast für König Pedro I entstand. Dieser wurde im Lauf der Jahrhunderte immer weiter ausgebaut im Mudéjar-Baustil, der islamische und christliche Elemente harmonisch kombiniert (wenn das im modernen Leben nur auch so wäre). Ins Auge fallen vor allem die typischen geometrischen Muster der maurischen Kunst, die kaum einen Winkel auslässt.

Die Gemächer und Patios blieben trotz der Hitze kühl und wurden angenehm durchlüftet. Allerdings waren sie auch alle hoch, hatten dicke Mauern und keine Fenster. Ideal für eine Siesta also.

Wen’s interessiert: Die Gärten des Palastes waren u.a. Drehort für die Wassergärten von Dorne in der TV-Serie Game of Thrones.

Mehr:
Der Alcázar von Sevilla

Die Mudéjar-Baukunst

 

Karfreitag

So feiert man hier also Karfreitag: mit Prunk und Prozessionen, wie es nur Südeuropäer können. Wir stehen in einer Menschenmenge mitten im Herzen von Huelva in Andalusien, gaffen auf die geschmückten Balkons, die Heligenbilder und Blumen an den Hauswänden und auf die vermummten Gestalten, die im langen Büßergewand auf der abgesperrten Straße vor uns vorbeiziehen.

Wir hören monotone Trommelklänge, und nun kommt die Himmelsmutter langsam auf uns zu. Sie steht überlebensgroß auf einer mit Blumen und Kerzen überreich geschmückten Plattform, Schmerz zeichnet ihr überirdisch schönes Gesicht. Ich muss kämpfen, dass mir nicht die Tränen kommen.

Im monotonen Takt der Trommeln wird die reich verzierte Madonna von gut dreißig Männern unter ihr im Synchronschritt auf den Schultern getragen. Dadurch wippt sie leicht hin und her, und wenn man sich den Unterbau wegdenkt, dann sieht es tatsächlich aus, als würde sie selbst gehen. Aber das kann sie natürlich nicht. Trotz all ihrer Herrlichkeit muss sie von Menschen getragen werden, damit sie sich bewegen kann. Und so ist es mit dem Glauben ja irgendwie auch.

Der riesigen Sänfte mit der Heiligenfigur folgt eine Musikkapelle mit Trommlern und Trompetern. Sie spielen Lieder, aus denen man die andalusische Seele heraushört – mal melancholisch, mal leidenschaftlich, wie beim Flamenco.

Die Konstruktion mit der Statue wird nun direkt vor unseren Augen abgesenkt, die Träger bekommen eine Pause von einigen Minuten. Ihre Last ist tonnenschwer, und sie tragen sie auf Nacken und Schultern stundenlang über etliche Kilometer hinweg von der Kirche durch die Altstadt und wieder zurück. Dafür trainieren sie monatelang, und sie werden Schmerzen und Blutergüsse davontragen. Dabeisein zu dürfen, ist ihnen trotzdem eine große Ehre, obwohl sie hinter den rotgoldenen Brokatvorhängen am Wagen nichts sehen und nicht gesehen werden. Sie werden von den vorausschreitenden Anführern geleitet.

Der Zug kommt wegen der häufig notwendigen Unterbrechnungen nur langsam voran, aber irgendwann erscheint die nächste Gruppe an Büßern und Ministranten, die nächste Heiligenfigur – diesmal eine monumentale Kreuzigungsszene – und wieder eine Musikkapelle mit Trommeln und Trompeten. Später steht plötzlich ein Mann vor dem Wagen und singt voller Leidenschaft ein Flamenco-Lied, allein, mit einer Stimme, die weit zu hören ist.

Der Sänger ist der Mann mit dem weißen Hemd direkt vor dem Wagen.

Den ganzen Abend und wahrscheinlich die ganze Nacht werden in vielen Städten des Landes jeweils mehrere Prozessionen mit solch kostbaren Altären durch die Straßen getragen. Die Zuschauer scheinen nicht so ergriffen wir ich. Sie schauen zu, unterhalten sich, klatschen, überqueren die Straße, reden mit Teilnehmern aus dem Zug, zeigen sich. Touristen sehen wir fast gar keine, es sind vor allem Spanierinnen und Spanier, die hier den Tod und das Leben von Jesus Christus feiern. Die ganze Karwoche hindurch gibt es alle Arten von kirchlichen Veranstaltungen.

Mehr darüber:

http://www.andalusien360.de/events/semana-santa

http://www.ciao.de/Alles_mit_S__Test_2912306

 

Petrus und der Hahn

Neulich beim Besuch der Otto-Dix-Ausstellung „Alles muss ich sehen“,
Zeppelin-Museum,  Friedrichshafen:

„Abermals krähte der Hahn“, Farblithografie von Otto Dix

Das Internetbild ist nichts im Vergleich zu der Lithografie in der Schau, auf der der Hahn seine Anklage noch gellender auszuspeien scheint: „Verraten hast du ihn! Du bist schuldig!“ Das ganze Bild zittert davon und der verzweifelte Petrus verbirgt sein Gesicht.

So etwas passt nicht in unsere Zeit, doch mich lässt das Bild nicht los. Was passt denn in unsere Zeit? Wie gehen wir heute mit Schuld um? Gibt es sie überhaupt noch? Oder tun wir nur deshalb das Nötige nicht und das Unnötige schon, weil wir Angst haben, fehlgeleitet wurden, nicht wussten dass und so weiter?

Ich bin lange vor dem Bild gestanden. Bis es auf einmal zu sprechen anfing und ich begriff: Ja, es gibt Schuld, auch heute noch. Und man kann sich ihr stellen. Vielleicht ist dann ein Weiterleben möglich ohne diese Last im Herzen.

Bildquelle: www.mutualart.com