Heute in der Umgebung von Wolfegg

Bei dem Wetter kann man nicht zu Hause bleiben! Wir sind ein wenig in der Umgebung von Wolfegg herumgewandert, ein paar Bilder hab ich auch mitgebracht.

Ich hoffe, ihr hattet auch einen schönen Sonntag!

Wir lassen uns nicht kirre machen!

Mutmacher für Londoner Pendler:

„Die Blume, die in tragischen Zeiten blüht,
ist die seltenste und schönste von allen.“

Hinweistafel in der U-Bahnstation Tower Hill angesichts des
Zusammenhalts in London nach dem Terroranschlag
am Westminster vom 22.03.2017.

Gefunden bei itv.com

 

 

Lebensputz

In Krisen und Orientierungsphasen, oder auch während einer Fastenzeit überdenken wir gelegentlich Ziele im Leben, eingeschlagene Wege und Menschen, die uns begleiten. Manchmal stellen wir fest, dass wir in die falsche Richtung rennen, in einer Sackgasse stecken oder dass es mit jemandem im Umfeld nicht mehr passt. Grund also, das Eine oder Andere loszuwerden.

Das fiel mir kürzlich ein, als ich in der Stadt einer Frau begegnete, die ich kenne. Ein kurzes Hallo, lange nicht gesehn, dann ging man in verschiedenen Richtungen weiter. Mit dieser Frau habe ich meine halbe Teenagerzeit verbracht. Wir liebten uns, wir prägten uns, gemeinsam wurden wir erwachsen und diese Zeit hallt bis heute bei mir nach, Jahrzehnte später. Was hatten wir für einen Spaß miteinander, und all die Gespräche, die zigarettenverqualmten Nächte, und der Martini!

Wir treffen uns schon lange nicht mehr. Irgendwann lebte jede ihr eigenes Leben, ist die verträgliche Variante. Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube, ich wurde aussortiert. Ihre Erwartungen erdrückten mich irgendwann und ich begann, mich zu widersetzen. Da zog sie sich zurück. Darüber gesprochen haben wir nie, wir waren noch jung.

Ich bewundere sie bis heute. Sie ist witzig, intelligent und unkonventionell. Sie wusste, was sie wollte und man konnte mit ihr mitkommen oder woanders hingehen – sie blieb auf ihrem Weg. Man konnte sich festhalten an ihr.

Danach hatte ich etwa zwanzig Jahre lang keine Freundinnen mehr. Ich war mit Ehe und Kindern beschäftigt, ist die verträgliche Variante.

Hände hoch!

Neulich auf einem Parkplatz: Der geliebte Brite trägt gerade den Sack mit dem Plastikmüll zur Sammelstelle, ich warte im Auto. Da sehe ich einen kleinen Jungen vor dem Kühler stehen, der ein Gewehr in den Händen hält und auf mich zielt. Der Kleine ist etwa vier Jahre alt und scheint zur angrenzenden Flüchtlingsunterkunft zu gehören, dem Aussehen nach ist es ein syrisches Kind. Gut, sein Gewehr ist aus gelbem Plastik und statt des abgebrochenen Laufs ist eine Zahnbürste aufgesteckt. Trotzdem fühle ich mich erstaunlich unwohl.

Mein erster Gedanke: haben sie noch nicht genug von Greuel und Gewalt? Was sind das für Leute, die diesem Jungen ein Gewehr zum Spielen geben, auch wenn es nur aus Plastik ist? Aber natürlich liebten auch meine eigenen Kinder ihre Wasserspritzpistolen. Und ich selbst war einst als tapfere Indianerin am Fasching ebenfalls mit einem Gewehr ausgestattet, da lag der Zweite Weltkrieg gerade einmal zwanzig Jahre zurück. „Hände hoch, oder ich schieße!“

Die Kinder des geliebten Briten besaßen übrigens niemals Spielzeugwaffen, das sei nicht üblich gewesen. Respekt, sage ich. Aber als sie etwa vierzehn Jahre alt waren, erzählt er weiter, kam die Army in die Schule. Das sei in England normal. Die SchülerInnen besuchen eine Theater-AG, spielen im Schulorchester oder interessieren sich für die Army. Deren Angebote gibt es wöchentlich – vom gemeinsamen Exerzieren über Schießtraining mit echten Waffen (!) bis hin zu Freizeitcamps. Eins seiner Kinder ist heute noch Soldat der Reserve und war bereits dreimal in Afghanistan.

Nun wird es mir zu blöd. Der Bub hat mich immer noch im Visier und ich fuchtle jetzt streng mit der Hand herum, signalisiere mein Nicht-Einverstandensein. Er lässt die Waffe sinken, guckt mich mit großen Augen an und überlegt wohl, was er jetzt tun soll. Dann entscheidet er sich für das, von dem er immerhin weiß, wie es geht: er nimmt das Gewehr wieder hoch, drückt es ans Gesicht, kneift ein Auge zu und zielt auf mich. „Pchch,“ formt sein Mündchen.

 

Brückentag

„Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken.“
Isaac Newton

(Heute bei einer Wanderung in und um Eriskirch)

Erinnerungen

Diese Geschichte liegt lange zurück, und doch fällt sie mir einmal im Jahr wieder ein. Als sie begann, war ich dreizehn Jahre alt und kurz zuvor von einer Bodensee-Sommerwoche mit meiner Schulklasse zurückgekommen. Wir hatten dort ein paar Jungs kennengelernt und einer davon, ein siebzehnjähriger Schweizer, kam kurze Zeit später in unsere Heimatstadt. Er war sehr cool, ein richtiger Hippie mit langen Haaren, ausgefransten Jeans und Turnschuhen. Alle Mädchen in meiner Klasse verknallten sich in ihn. Ich auch.

Der Junge trieb sich ohne feste Bleibe in unserer Stadt herum und wir brachten ihm abwechselnd zu essen, zu trinken und was er sonst noch brauchte. Mich bat er einmal um eine Haarbürste. Ich war ein verschüchtertes Kind und hatte nicht damit gerechnet, vom Pop-Star der ganzen Mädchenschule angesprochen zu werden. Ich nahm aber noch am selben Tag die familieneigene Haarbürste aus der Schublade und hätte das Geschimpfe meiner Stiefmutter, weil die Bürste wieder einmal nicht an ihrem Platz lag, klaglos in Kauf genommen. Seltsamerweise sagte sie dieses Mal aber nichts, sondern kaufte am nächsten Tag eine neue. Es war mir ein Zeichen, dass ich richtig gehandelt hatte.

Einen Tag später, es war ein Sonntag, verließ ich mit einer komplizierten Ausrede das Elternhaus, um ihm die Haarürste zu bringen. Ich fand ihn im Park, und kein anderes Mädchen aus meiner Klasse war dort. Wir redeten ein bisschen. Mir fiel nichts Bedeutendes zu sagen ein, doch das war egal. Er bestritt die Unterhaltung auch ohne mich.

Wir bummelten ein wenig durch die Stadt. Es waren wenig Menschen unterwegs, aber das merkte ich kaum – ich lief neben ihm her wie in Trance. Dann betraten wir die Schaufensterpassage eines Modegeschäfts, die wie ein Gang ein Stück weit ins Innere des Gebäudes führte. In den beleuchteten Fenstern waren Batik-Shirts, Maxiröcke und Hüfthosen ausgestellt, die meine Eltern mir sowieso nicht kauften. Ich wandte mich also um und wollte zurückgehen, aber der Junge war dicht hinter mir gestanden und ich lief auf ihn auf. Da legte er seinen Mund auf meinen.

Es war der erste Kuss in meinem Leben, und er schmeckte ein bisschen nach dem Wurstbrot, das ich ihm mitgebracht hatte. Ich stand da wie in Beton gegossen und ließ es einfach geschehen. Danach gingen wir weiter und ich versuchte herauszufinden, wer da auf einmal in meiner Haut steckte. Das Würmchen von vorher war es jedenfalls nicht mehr.

Wir trafen uns wieder. Nie fielen mir bessere Gründe ein, um mich von zu Hause fortzustehlen, und ein ums andere Mal lagen wir im Park beieinander im Gras. Ich verstand und verstehe ich bis heute nicht, was er an mir fand. All die geschminkten, witzigen und frechen Mädchen aus meiner Klasse wählte er nicht. Sondern mich.

Er blieb ungefähr zwei Wochen, und das reichte aus, um im Himmel ein gewaltiges Geigenkonzert zu veranstalten und mich aus der Klassengemeinschaft zu stoßen. Selbst meine Freundin giftete mich an und wir hatten ständig Streit. Manche redeten überhaupt nicht mehr mit mir, weil ich mit einem Gammler herumzog, wie sie es nannten. Dabei hatten sie wenige Tage zuvor alle von ihm geschwärmt.

Er reiste wieder ab, wir schrieben uns noch ein paar Briefe und begegneten uns nie wieder. Die Freundschaften zu den anderen Mädchen bauten sich allmählich wieder auf, wurden aber nicht mehr ganz so wie vorher.

Sein Name war Manfred und er stammte aus Stein am Rhein. Auch an seinen Nachnamen erinnere ich mich, und noch etwas habe ich nie vergessen. Ich denke jedes Jahr daran, seit über vierzig Jahren. Es ist nicht der Jahrestag des ersten Kusses, dieses Datum habe ich völlig vergessen. Seltsamerweise erinnere ich mich aber an seinen Geburtstag, den er mir einmal nannte und den wir nie zusammen erlebten. Er ist vier Jahre älter als ich und feiert am 8. März. Heute.