Der Unterschied

Neulich an der Empfangstheke: Ein DHL-Mitarbeiter hält mir das Quittungsgerät entgegen, ich unterschreibe auf dem Display und erhalte dafür ein Paket. Der Zusteller bedankt sich, wünscht mir einen guten Tag und saust davon. Im Prinzip sind sie alle gleich: Jüngere Männer, ausländischer Akzent, immer in Eile. Sie haben einen lausigen Job, weil sie zu wenig Bildung haben, ich denke mir nie viel dabei. Nur jetzt. Weil ER wieder da war. Einer, bei dem meine Einschätzung einen Zusatz erhält: „… hat einen lausigen Job, weil er zu wenig Bildung hat *aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse*. Sonst wäre er nicht Fahrer bei DHL, sondern etwas anderes.“

Ich überlege gerade, warum ich nur ihn in einer Art Übergangsbeschäftigung sehe, wie einen Studenten sozusagen, der in den Semesterferien etwas dazu verdient. Und der Unterschied zu den anderen ist: Er riecht so gut. Er benutzt ein atemberaubendes Deo oder Parfum. Einen Tick zu viel vielleicht. Aber wer so einen Duft hinterlässt, der kann kein Wasserträger sein. Er legt Wert auf seine Erscheinung, also auch auf seinen Platz in der Welt, also auch auf sein Fortkommen.

Dämliche Schlussfolgerung? Egal. ICH glaube an ihn!

In Ulm und um Ulm …

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Vergängliches aus Sand – gesehen in der Ulmer Fußgängerzone.

ulm-weihnachtsmarkt-8Etwa zweieinhalb Stunden dauert es, bis ein einziger Hund entstanden ist. Die Künstler sind aus Spanien angereist, um uns ihre Werke zu zeigen.

ulm-weihnachtsmarkt-1a  Viel los in Ulm … Die Shoppingmeile ist auch schwer zu überbieten!

 

ulm-weihnachtsmarkt-10aEinen Weihnachtsmarkt gibts hier auch, und zwar auf dem Platz direkt vor dem Ulmer Münster und neben der spektakulären Kunsthalle Weishaupt.

Wir drängen uns durch den überfüllten Weihnachtsmarkt und fliehen bald ins Ulmer Münster, dem Bauwerk mit dem höchsten Kirchturm der Welt: 161,53 Meter. Hier ist es ruhiger. Die Kirche wurde im gotischen Stil errichtet und ist seit der Reformation evangelisch.

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Das Hauptschiff vom Westportal, also dem Haupteingang aus gesehen.

 

ulmer-muenster-5a Der Hutzaltar hat seinen Namen vom Stifter Laux Hutz, der aus einer der reichsten Kaufmannsfamilien in Ulm stammte. Zu sehen ist die heilige Familie mit Anna, der Mutter Mariens. An den Fingerspitzen berühren sich die Generationen. In einem der Apostel hat sich der Künstler Martin Schaffner selbst verewigt.

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ulmer-muenster-10Der Kreuzaltar steht genau zwischen Chor und Hauptschiff. An dieser Schwelle, die einst den Bereich der Laien von dem der Geistlichen trennte, wurden in der Zeit vor der Reformation die Messen für die Verstorbenen verlesen.

 

ulmer-muenster-12 Auch kleine Lichter leuchten in der Dunkelheit, wie Hausfrau Hanna in ihrem Beitrag so schön verdeutlicht.

Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag!

Glückspilz

Auf dem Sofa in unserem Empfangsbereich sitzen zwei Kursteilnehmer: ein  großer, kräftig gebauter Mann aus Afrika, und eine magere Frau um die Vierzig mit asiatischen Gesichtszügen. Sie unterhalten sich leise. Da es ansonsten still ist, höre ich vom Schreibtisch aus unfreiwillig zu. Der Mann sagt:

„Wie geht es hoidde?“
„Guut,“, zirpt sie mit hoher, gepresster Stimme und verbeugt sich leicht. Dann – mit dem Blick geradeaus, ohne sich umzuwenden:
„Wie | geht | es | Ihnen?“ Sie reiht die Worte aneinander wie Bausteine.
„Ooooh, gudd,“ sagt der Mann mit strahlender Stimme. „Viel Lerne.“
Klein und schmal sitzt die Frau da, sie erwidert nichts.
„Deine family in Doischland?“ fragt der Mann weiter.
„Ja,“ sagt sie nach kurzem Zögern, „mein | Mann.“
„Kinder? Hassdu Kinder?“ Ihre Schultern ziehen sich zusammen.
„Swei“, wispert sie.
„Ooooh,“ sagt er, „welke … aahmmm, year?“ Sie schaut ihn an und sagt nichts. Er streckt die Finger hoch, zählt ab. Da versteht sie.
„Swölf, und noin“, haucht sie.
„Kinder in Doischland?“ fragt der Mann. Sie nimmt sich Zeit, sucht nach Bausteinen. Dann:
„Meine | Kinder | sind | tot.“
„ooooh …“

Ich weiß nicht, woran die Kinder dieser Frau gestorben sind und warum sie ihre Heimat verlassen hat. Ich weiß nur, dass meine Kinder leben, und zwar in einem sicheren Land. Ich Glückspilz.

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Der Aroma-Kaffee

Weiß jemand von euch, was arabischer Kaffee ist? Also, arabisch zubereitet? Ich habe kürzlich eine Tasse davon getrunken und frage mich, ob es nicht doch etwas anderes war. Ein syrischer Teilnehmer des Deutschkurses war in der Pause aus der Küche gekommen und hatte mir lächelnd eine dampfende Tasse auf den Schreibtisch gestellt – ein schwarzes Gebräu mit Bodensatz, dem Aussehen nach Kaffee. Ich bedankte mich herzlich und nahm einen Schluck. Es war Zucker hineingerührt, doch außer der Süße und einem herben Kaffee-Aroma war noch etwas anderes herauszuschmecken, etwas Fruchtig-Scharfes. Spontan hätte ich gesagt: Pril Geschirrspülmittel Lemon. Geschäumt hat es zwar nicht, aber irgendetwas roch und schmeckte wie Putzmittel. Ingwer vielleicht? Aber auch das war es nicht so richtig, und was hätte der sowieso im Kaffee zu suchen.

Jedenfalls: Eine Schwäbin wirft nix weg, also habe ich den Kaffee getrunken und nach jedem Schluck schmeckte er ein bisschen besser. Aber bis zum Schluss nicht gut.

Was war das?

 

Herbstabend

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Dieses Motiv entdeckte ich auf dem Heimweg im Vorbeifahren. Es war das intensive Gelb der Obstbaumplantage, der leuchtende Lichtstreifen am Himmel und die gelbe Farbe auf der Rutschbahn, die mir ins Auge gesprungen waren. Es dauerte aber ein paar Minuten, bis ich einsah, dass mir das Bild nicht mehr aus dem Kopf gehen würde. Bevor der Himmel dunkel wurde, fuhr ich also rasch zurück und machte ein paar Aufnahmen. Auf einer ist mir noch ein Radfahrer mit eingeschaltetem Licht ins Bild gefahren. Perfekt!🙂

Herbstabende voll weicher Helligkeit
Mit ihrem rührend rätselhaften Zauber…            weiterlesen

(Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew)

Lernfragen

Ein neuer Deutschkurs beginnt, erste Stunde: Der Dozent prüft Formulare, fragt fehlende Anmeldedaten ab, es ist laut im Unterrichtsraum. Nach einiger Zeit gehen manche ans Fenster zum Rauchen, andere fangen an zu telefonieren. Der Dozent scheucht die Raucher vor die Haustür und verkündet eine zehnminütige Pause.

Nach dieser Unterbrechung mault er, dass der Fruchtjoghurt fehle, den er im Kühlschrank deponiert hatte. Jemand übersetzt, woraufhin ein Mann sich meldet und verwirrt den halb aufgegessenen Becher hochhebt. Andere senken das Kinn auf die Brust, als schämen sie sich für ihre Landsleute.

Die Leiterin der Abteilung Integration trifft ein. Sie spricht mit dem Dozenten und baut sich dann vor der Klasse auf: „Merken Sie sich,“ bellt sie, „dass Sie im Unterricht nicht herumlaufen, rauchen oder telefonieren. Die Toiletten sind sauber zu halten, fremdes Eigentum ist zu respektieren. Wer das nicht lernt, muss gehn. Wir haben lange Wartelisten.“

Es ist jetzt still geworden. Ein Teilnehmer aus dem Fortgeschrittenenkurs übersetzt. Ich überlege, ob mir der Auftgritt der Abteilungsleiterin gefällt oder nicht. Und ob es woanders üblich sein kann, sich an fremden Kühlschränken zu bedienen. Und dass Menschen aus unterschiedlichen Schichten zwei Jahre lang zusammen zur Schule gehen werden.

Franziskusweg

Am heutigen Totensonntag würde man tristeres Wetter erwarten. Stattdessen hatten wir zumindest hier im Süden den ganzen Tag die Sonne. Als raus! An die Luft! Ins Licht!

(Draufklick=bessere Bildqualität)

Der Franziskusweg im Deggenhausertal, Bodenseegebiet.

Und was habt ihr heute gemacht?