Schlagwort-Archive: Mutter

Beleuchtete Grüße nach irgendwo

Im Urlaub besuchten wir das Kloster Santa María de la Rábida in der Nähe von Huelva, Spanien. Hier hat sich Kolumbus aufgehalten, bevor er auf die große Reise ging. Wir betraten auch die kleine Klosterkapelle und ich zündete drei Kerzen an: Eine für meine Mutter, eine für Schwiegermutter Nr. 1 und eine für Schwiegermutter Nr. 2. Dazu musste ich aber keine Kerze in die Hand nehmen: Ich warf nur drei Münzen ein und nacheinander begannen drei Kerzen automatisch zu leuchten. LEDs. Keine Sauerei, sichere Bezahlung, wiederverwendbar. Da sag noch einer, die Kirche geht nicht mit der Zeit. Es sind die drei Kerzen links in der zweiten Reihe von unten.

Fällt mir grad so ein, zum Muttertag.

✿✿✿✿✿✿✿✿

 

Advertisements

Besuch bei der alten Dame

Neulich in Liverpool bei der Mom des geliebten Briten: Wir wissen nicht mehr, was wir mit ihr reden sollen, sie kann keine einzige Frage beantworten. Nicht einmal, was es vor einer halben Stunde zum Lunch gegeben hat. Immer wieder schaut sie sich um und fragt, was sie hier wollte. „Am I right here?“

Der Brite bemüht sich weiter um seine Mutter, ich steige irgendwann aus. Mein Blick wandert durch die Visitor Lounge. Ein paar leere Sessel stehen herum, es sind keine weiteren Besucher anwesend. Vom Fenster her dringt kühle Luft herein, draußen fährt eine Ambulanz vor. Neben der Tür befindet sich eine verglaste Wand, durch die man in den angrenzenden Raum bicken kann. Dort sitzen sechs oder sieben BewohnerInnen dieser Pflegeeinrichtung an einem Tisch und essen. Eine von ihnen – die einzige Afro-Britin – weckt Erinnerungen in mir. Noch vor einem Jahr saß meine Mutter genauso da: schweigend, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Als denke sie über etwas nach.

Die Tochter hilft der Frau beim Essen. Dann steht sie auf und macht ihr die Haare: löst Zöpfchen, kämmt das grauschwarze Gekrissel, nimmt sich mit kleinen Seitwärtsschritten den ganzen Kopf vor und flicht die Zöpfe neu. Als alles fertig ist, sieht die Mutter aus wie eine altehrwürdige Fürstin aus der Antike. Sie spricht während der ganzen Zeit kein Wort. Ein wenig schief sitzt sie im Rollstuhl und lässt sich nun von der Tochter aus dem Raum hinausschieben, blicklos, als sei ihr Geist schon ein Stück vorausgegangen.

Heute jährt sich der Todestag meiner Mutter zum ersten Mal.

Liverpool

 

Eine Botschaft?

Als meine Mutter ihre Hände noch benutzen konnte, malte sie nicht nur Bilder, sondern sie schuf auch kleine Tonskulpturen. Ein von ihr gefertigter Engel zum Beispiel stand jahrelang in ihrem Schlafzimmer. Er gefiel mir nie und anderen wohl auch nicht, denn als sie gestorben war, wollte ihn niemand haben. Ihn wegzuwerfen, brachte ich aber auch nicht übers Herz, und so stellte ich ihn vorerst zu Hause auf. Vielleicht würde ihn eines Tages jemand mitnehmen, dachte ich, wer auch immer. Oder ich würde die Erlaubnis zum Entsorgen bekommen, von wem auch immer.

Kürzlich schlappt nun der geliebte Brite in mein Zimmer, kommt wegen irgendetwas ins Stolpern, sucht Halt, erwischt den Engel und stößt ihn vom Tischchen. Als ich von der Arbeit nach Hause komme, träufelt er gerade Porzellankleber auf die Bruchstelle und drückt den Kopf wieder auf. Der Engel wird an seinen Platz zurückgestellt.

Zwei Stunden später betrete ich das Zimmer, bewege mich ungeschickt mit dem Staubsauger, der Schlauch streift den Engel und er stürzt ein zweites Mal an diesem Tag (genauer gesagt in seinem Dasein) zu Boden. Der Kopf ist wieder ab und die Trompete auch.

Er wird ein zweites Mal repariert, aber wenn ich so darüber nachdenke:
Was meint ihr? Ist das eine Botschaft meiner Mutter, dass ich den Engel in den Müll geben kann? Gefiel er ihr auch nicht?

Platz frei

Gestern habe ich

– zum letzten Mal vor der Hochschule geparkt
– zum letzten Mal in einem Büro darin den Computer hochgefahren
– zum letzten Mal dort eine Tasse Kaffee getrunken
– zum letzten Mal mit den Kollegen gequatscht und herumgealbert
– zum letzten Mal den Computer ausgeschalten
– zum ersten Mal geheult, als ich die Ausgangstür aufdrückte und das Gebäude verließ.

Danach ging ich zum Friedhof. Die Pflanzen auf dem Grab meiner Mutter blühen immer noch üppig und ich zog – nach fast drei Monaten – die Trauerbänder aus den Schalen. Die Sonne ließ die Umrisse der Bäume, die weiter vorne am Weg entlang eine Arkade formen, zu einem Lichtkranz aufleuchten. Darunter blieb es trüb, und aus dieser Düsternis heraus tauchte ein Mann auf. Er trug einen schwarzen Mantel und hielt mit starrer Geste ein Holzkreuz in die Höhe. Mehrere dunkel gekleidete Menschen folgten ihm, der kleine Zug kam mir langsam entgegen. Mich schauderte, ein scharfer Wind blies mir die Haare aus dem Gesicht, die Sonne wärmt nicht mehr. Ich zupfte noch ein paar trockene Blättchen ab und machte mich auf den den Heimweg.

Meertau hat kürzlich in einem Kommentar etwas Mutmachendes geschrieben: „Ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Wer ich mal werde, weiß ich noch nicht. Aber der Platz für mich ist schon frei.“

 

Wolken (2)

Abb. © SylviaWaldfrau Weiterlesen

Trauer feiern

Die Damen der Reisegruppe, zu der ursprünglich auch ich gehören sollte, zündeten in der St.-Pauls Cathedral in London Kerzen an für meine Mutter. Meine Tochter brachte Blumen in eine Kapelle auf der griechischen Insel Samos, während in Deutschland zu diesem Zeitpunkt ihre Oma beerdigt wurde. Wir streuten Blütenblätter in ihr Grab und es hat mich beschäftigt, wie unterschiedlich die Menschen Anteil und Abschied nehmen. In manch einen Kopf würde man gerne hineinsehen.

Immer wieder denke ich über meine Mutter nach, unsere Geschichte war gewiss keine ungetrübte. Deshalb ist es so unbegreiflich, dass jetzt, nach ihrem Tod, jeder Zwist aus alten Zeiten zerplatzte wie eine Seifenblase. Als sie in ihrem kühlen Bett lag, war ein Schloss aufgesprungen und es gab den Schlussstrich unter Vergangenes frei, die Erlösung von Zweifeln, und soviel Liebe. Die Tage nach dem Tod meiner Mutter werde ich nie vergessen. Sie haben gut gemacht, was nicht gut war zwischen uns. Unfassbar, dass das geht.

Melancholie© Ursula Holly

 

Frühsommertag

Als ich das Zimmer meiner Mutter betrete, schlägt mir dicker Mief entgegen. Sie friert jetzt häufig und die PflegerInnen wollen sicher verhindern, dass es ihr zu kühl wird. Ich weiß das. Ich weiß aber auch, dass sie bis zum letzten Tag, an dem sie selbst Entscheidungen traf, auf durchgelüftete Räume Wert legte. Ihr Leben lang riss sie mehrmals täglich Fenster und Türen auf und ließ es in der Wohnung durchziehen. Niemals hat es anders gerochen als nach frischer Luft.

Ich öffne das Fenster einen Spalt und trete an ihr Bett. Es ist früher Nachmittag und man hat ihr geholfen, sich zum Ausruhen ein wenig hinzulegen.
„Wie geht es dir heute?“ frage ich.
„Gut.“ Das Aussprechen des Worts gelingt nur mühsam, doch ihr Gesicht verzieht sich dabei zu einem Lächeln. Einen Moment lang ist es, als wäre die Zeit ein paar Jahre zurückgesprungen und ich wäre gerade mit ihren Einkäufen gekommen, hätte eine Begonie von Netto auf den Wohnzimmertisch gestellt, durch die offene Balkontür wäre duftende Frühsommerluft hereingeweht und ich hätte gefragt:
„Na, alles klar? Wie geht es dir?“
„Gut,“ hatte sie fast immer geantwortet und unter Anstrengung ein „alles klar“ hinterhergesetzt. Auf ihr Gesicht legte sich dann ein unbeschreibliches Strahlen, das mir vor ihrem Schlaganfall nie aufgefallen war und das sie auch im hohen Alter noch zu einer hinreißend schönen Frau werden ließ.

Ich blicke auf meine Mutter nieder, die überall Schmerzen hat, der die Fähigkeit zu sprechen fast ganz abhanden gekommen ist und die in einem stickigen Zimmer liegt. Aber wenn man sie fragt, wie es ihr geht, dann antwortet sie „Gut“ auf eine Art, die man als ernst gemeint interpretieren kann. Neben einer gelüfteten Wohnung hatte sie immer schon Klarheit darüber, wogegen es sich aufzulehnen lohnt und was einfach hinzunehmen ist. „Da muss man nicht jammern,“ höre ich sie stimmlos sagen, „das ändert auch nichts.“