Von der Wichtigkeit des Seins

Der Tag teilt sich jetzt ein in Wichtiges und nicht Wichtiges. Bis vor kurzem war das anders. Ich ging zur Arbeit, und das war wichtig. Es brachte nämlich Geld.

Jetzt gehört zur Kategorie Wichtig nur noch der fehlerfreie Umgang mit Formularen der Kassen und Ämter, gelegentlich das Vorsprechen vor knorrigen Beamten. Diesen Beitrag hier in den Computer tippen, Bank- und Versicherungspapiere ordnen, Bücher lesen usw., über alldem hängt ein Verdacht: Sind diese Beschäftigungen wirklich wichtig? Ein bisschen zumindest? Es bringt ja nichts ein, und das klingt wie: Es bringt nichts. Vergiss es.

Besonders in Deutschland gibt es einen ungemütlichen Instinkt für das, was von Bedeutung ist. Meist hat es mit Geld zu tun, wenigstens mit Macht. Ich aber sitze hier und tue nichts, was zum einen oder andern beiträgt. Ich verplempere Zeit, die im Geschäftsleben so kostbar ist. Wenigstens Fensterputzen könnte man ja.

Advertisements

12 Gedanken zu „Von der Wichtigkeit des Seins

  1. David von Schewski

    Allein, dass Du diesen Beitrag geschrieben hast und darüber nachdenkst zeigt bereits, dass Du Deine Zeit eben nicht verplemperst. Klar, ewig sollte das nicht so gehen, aber nutze die Wochen und Monate, wer weiß, ob Du eine solche Möglichkeit je wieder bekommst.
    Ich selbst bin auf dem Zwischenstück von Ahnung zu Wissen unterwegs. Ich ahne, dass gar nichts wichtig ist, was nur auf den ersten Blick verschreckend klingen kann. Nichts ist wichtig, gar nichts. Und da sist unsagbar befreiend.

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Anhora Autor

      Im Moment leide ich noch nicht darunter, Zeit zu verplempern. Ich denke nur darüber nach, bzw. frage mich, warum man sich als Zeitverplemperer fühlt, wenn man gerade kein Geld verdient.

      Zum Thema „Nichts ist wichtig“ gibt es ein fantastisches Gedicht von Arno Holz:

      Horche nicht hinter die Dinge. Zergrüble dich nicht. Suche nicht nach dir selbst.

      Du bist nicht!

      Du bist der blaue, verschwebende Rauch, der sich aus deiner Zigarette ringelt,
      der Tropfen, der eben aufs Fensterblech fiel,
      das leise, knisternde Lied, das durch die Stille deiner Lampe singt.

      Gefällt mir

      Antwort
  2. blubberball

    Ich befinde mich auch gerade in der Sinnkrise des Nichtsmachens. Aber ich darf noch nicht mal Formulare ausfüllen, denn ich bin Hausfrau. Also kein Geld und das was ich mache, machen andere auch nebenbei.
    So verflüchtigt sich mein Platz in der materiellen Welt, aber ideell, da stehe ich groß da. Nur heute nicht, heute bin ich frustriert

    Gefällt mir

    Antwort
    1. Anhora Autor

      Ohweh, das ist bitter! War selbst 10 Jahre lang Hausfrau, und auch die 4 Kinder waren zunächst „nebenbei“ zu versorgen, und als es mehr wurden, gabs mitleidige oder „Wohl-zu-blöd-zum-Verhüten“-Blicke. Mit dem Bewertungssystem unserer Gesellschaft ist etwas Grundlegendes in die falsche Richtung gelaufen.

      Was es aber jenseits der materiell dominierten für Leute wie dich und mich gibt, ist etwas Unbezahlbares: Zeit. Darum beneidet uns jeder Berufstätige. Ich weiß es aus Erfahrung! 🙂

      Gefällt mir

      Antwort
      1. Sofasophia

        ich denke manchmal, vielleicht ist das ja auch bloß in meinem kopf, dass ich eben denke, was die anderen wohl denken … 🙂 vielleicht denken die ja gar nicht, was wir denken, dass sie denken?
        so übe ich mich darin, nur noch mich selbst als massstab zu nehmen … „wichtig“ kann vielleicht auch durch ein anderes wort ersetzt werden, durch ein wertfreies …
        tja … es gibt viele, die wie wir hier denken, das ist doch schon mal toll!

        Gefällt mir

        Antwort
        1. Anhora Autor

          Ich arbeite auch fest daran, Wichtigkeit nach eigenen Maßstäben zu definieren. Mein Herz weiß das auch. Nur der Kopf fragt: „Und wo kommt das Geld her, damit du Einkaufen gehn kannst?“ Mit solcherlei Banalitäten werd ich mich irgendwann beschäftigen müssen, aber erstmal hilft mir noch Vater Staat. Dann sieht man weiter.

          Gefällt mir

          Antwort
    1. Anhora Autor

      Wichtig ist für mich im Moment, Zeit zu haben. Dafür bin ich dankbar, denn in den letzten 25 Jahren war mir das kaum je vergönnt. Trotzdem muss man sich von den üblichen Denkweisen erstmal lösen. Alles in allem eine spannende Sache!

      Gefällt mir

      Antwort
  3. wholelottarosie

    „Denn es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht und zerstört wie die Handvoll Sand, sondern als etwas, das uns vollendet.“
    * Zitat von Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste.
    Ich denke, glücklich kann man sowohl beim „verplempern“ der Zeit sein, als auch bei der Arbeit oder im Geschäftsleben (ja, wirklich).
    LG von Rosie

    Gefällt mir

    Antwort
  4. schreibschaukel

    Ich beantworte mir die Frage von Zeit zu Zeit so, dass ich mir vorstelle, was ich einst vor der „Himmelstür“ (auf die hoffe ich zumindest 😉 ) vorweisen muss. Ich glaube nicht, dass man dort meinen Lohnzettel sehen will…

    Gefällt mir

    Antwort
  5. Sofasophia

    wie gut ich weiß, wie es dir geht!
    gibt es wichtigeres, als gut zu sich selbst zu schauen? dann gehts auch der umwelt ein bisschen besser …
    go on! 😉

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s