Leben und lieben

Zwei Glasscheiben gleiten vor mir auseinander. Ich betrete das Pflegeheim und entdecke am Ende eines langen Flurs meine Mutter. Sie sitzt  in ihrem Rollstuhl und starrt gerade aus, als warte sie ab, was als Nächstes geschieht. Hinter ihr – ebenfalls im Rollstuhl – macht sich ihr Mann zu schaffen. Meine Mutter hat nicht genug Kraft, um sich den langen Weg selbst anzuschieben. Stückchen für Stückchen stupst er sie deshalb vorwärts, wie eine kleine Bimmelbahn mit nur zwei Waggons ruckeln sie auf mich zu. 

Die beiden haben keine Eile. Er murmelt etwas, sie antwortet leise, ich gehe auf sie zu und übernehme meine Mutter, betrachte ihren Hinterkopf  wie vor einigen Jahren den meines Sohnes, wenn ich ihn durch den Park der Klinik schob. Ein Mensch im Rollstuhl muss dem, der hinter ihm steht, vertrauen können, er ist völlig schutzlos. Zum normalen Leben gehört dieser Blick auf einen Hinterkopf nicht.

Ihr Mann rollt hinter uns her, wir lachen. Vor dem Ausgang muss ich die alten Leute so rangieren, dass sie sich gegenüber sitzen. Sie beugen sich zueinander, karierter Wollmantel trifft blaue Trainingsjacke, zwei Gesichter schieben sich nach vorne und unter einiger Anstrengung treffen sich ihre Lippen zu einem Abschiedskuss.

Die Scheiben der Eingangstür gleiten wieder auseinander, ich bringe meine Mutter zum Auto zurück und wir winken ihrem Mann, der hinter der Glastür geblieben ist und uns aufmerksam zuschaut. Jetzt hebt er beide Arme hoch und winkt zurück. Eine Schwester erscheint hinter ihm, sie wird ihn ins Zimmer zurück begleiten.

***

Ich wünsche euch allen vertrauenswürdige Menschen hinter euch und ein liebendes Gesicht vor euch. Ich wünsche euch Menschen, denen ihr vertraut und die ihr liebt. Ich wünsche euch ein glückliches neues Jahr.

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8 Gedanken zu „Leben und lieben

  1. Karin Schall

    Vielen Dank für die schöne Geschichte… da ich diese zwei Menschen ja kenne, ist die Geschichte noch wertvoller für mich…
    Danke für die tollen Geschichten und Artikel, die ich immer wieder gerne lese… hoffe, Du erzählst auch in diesem Jahr weiter…

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    1. Anhora Autor

      Du kennst dich also auch aus … Tatsächlich muss man höllisch aufpassen. Die Türrahmen taucht immer so ruckartig auf und springt den Rollstuhl regelrecht an! Gefährlich ist das.

      Auch dir a guets Neis!

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