28. November 2009
So wie ich vorher war, vor dem Unfall meines Kindes, so bin ich nicht mehr. Eine ausgeprägte Niedergeschlagenheit lähmte mich nach ein paar Monaten, nachts fand ich keinen Schlaf, Herz und Gedanken rasten, Angst befiel mich: Dass ich krank werden könnte, vor der Zukunft, vor jedem einzelnen Tag und was er bringen könnte. Da es nicht besser wurde, ging ich zum Arzt und bekam ein Medikament. Es funktioniert. Morgens habe ich jetzt wieder Mut, aufzustehen. Das Kantige des Alltags landet in einer fluffigen Hülle aus Citalopram, nur ein Teil davon dringt bis zu mir durch. Ich habe etwas Ruhe gefunden und bin fast versucht, die Tabletten wegzulassen. Ich bin ja wieder „Ich“. So, wie ich mich kenne. Oder war das Häufchen Elend der letzten Monate „Ich“?
Kann es sein, dass man Pharmaka braucht, um zu sein, wie man ist? Oder macht das Leben uns mitunter zu jemand anderem, mit einem neuen „Ich“, das es anzunehmen gilt? Habe ich den richtigen Weg gewählt, zur vertrauten Stärke zurückzukehren mit Hilfe von Chemie, oder wollte mir meine Erschöpfung etwas sagen? Habe ich es verpasst, eine Entscheidung zu treffen, die anstand? Zum Beispiel: das eine oder andere hinzuwerfen?
Dazu war ich gar nicht in der Lage. Verängstigt unterließ ich alles, was für den Augenblick noch mehr Aufruhr bedeutet hätte. Nun hat das wiederhergestellte starke „Ich“ über das niedergeworfene zu befinden wie ein Firmeninhaber über den Nachfolger, der nicht an ihn heranreicht. So stark wirkt das Medikament eben nicht, dass ich den Mut hätte, loszuwerden, was nicht gut tut. Sogleich kriecht die Angst wieder hoch vor den Folgen und Unsicherheit. Ich komme zu keinem Schluss.
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Verfasst von Anhora
25. November 2009
Um die Mittagszeit streife ich gerne durchs Dorf, vorbei an Wiesen, Häusern, Novembergärten. Windböen haben das Laub weggewirbelt, blanke weiße Steinbrocken heben sich ab von dürren Büschen und umgegrabener Erde. Ich betrachte Skulpturen, bunte Kugeln und andere Versuche, im Vorgarten Stil zu zeigen. Kaum einem gelingt es, und trotzdem gefallen sie mir, denn sie haben keine Bedeutung für mich. Der Steinweg wurde nicht vom reizbaren Familienvater angelegt, die braun gewordenen Rosen nicht von der kettenrauchenden Alleinstehenden vergessen, im Sandkasten spielt kein Kind, das in der Schule versagt.
Die Geschichten der Menschen, denen diese Gärten gehören, bleiben mir verborgen, ich komme nur bis zum Buchsbaum neben der schön geschwungenen Steintreppe. In meiner Vorstellung jedoch leben hier Menschen, die in diesem Augenblick geschützt vor Nässe und Nebel in Frieden ihre Suppe löffeln oder Spaghetti um die Gabel wickeln. Kinder berichten, was sie in der Schule erlebt haben, ein krank geschriebener Arbeiter – es ist nur eine Erkältung – schlägt die Zeitung auf, der Herr mit dem weißen Haar erwähnt bei seiner Frau den Anruf der Schwiegertochter, das Enkelchen wird später bei ihnen sein.
Sie alle füllen den Nachmittag mit denselben Beschäftigungen wie jeden Tag: Hausarbeiten, ein Spaziergang, Kreuzworträtsel, fernsehen, vielleicht ein Besuch. Heute schon wissen sie, was morgen ist und übermorgen und jeden Tag. Alles geht seinen Gang. Alles ist, wie es sein muss.
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Verfasst von Anhora
23. November 2009
(chinesisches Zitat)

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Verfasst von Anhora
22. November 2009
Fast auf den Tag genau sechs Monate nach seinem Unfall kam mein Sohn am Wochenende aus der Klinik wieder nach Hause. Der Weg zurück ins normale Leben beginnt. Es wird Geduld brauchen, bis er sich eingewöhnt hat, bis seine Therapien abgeschlossen sind, bis er wieder berufsfähig ist.
Ich werde nun lernen müssen, Platz zu machen an seiner Seite und ihm zu vertrauen, dass er sein Leben wieder selbst steuern kann. In alle Richtungen fährt er Stacheln aus, unberührbar ist er geworden, keinen Rat nimmt er an. Ich gebe zu: Er traut sich selbst mehr zu als ich ihm. Damit kann sich keine Mutter rühmen, doch die Veränderung kam abrupt. Man möge mir vergeben, dass auch ich etwas Zeit brauche.
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Verfasst von Anhora
22. November 2009
Eines Tages
fällst du heraus
aus dem Gesichtskreis
deiner Kinder
ohne dass sie je
herausfallen könnten
aus deinem Horizont
wo sie aufblühten
begossen
begleitet
geliebt
und eines Tages
wohnst du im Lächeln
derer die du
auf den Weg gebracht
und du lächelst zurück
von fern
Annemarie Schnitt
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Verfasst von Anhora
21. November 2009
Ich muss darauf zurück kommen, auch wenn es vielleicht nicht jeden interessiert. Meine Amaryllis! Ich habe gelesen, sie soll ab August nicht mehr gegossen werden, damit sie zur Ruhe kommt. Hab ich gemacht. Wochen später sanken die Blätter auf halbe Höhe (innerhalb einer halben Stunde!) und seither beginnt eine Hälfte zu vergilben. Die andere steht grün und verhältnismäßig aufrecht im Topf, seit über drei Monaten hat sie kein Wasser bekommen. Wie schafft sie das?
Jedenfalls soll sie im Dezember neu ausgepflanzt werden, so stehts in der Anleitung. Schneide ich die Blätter nun ab und topfe die Zwiebel um? Der Lebensgeist, der noch immer aus ihr dringt, lässt mich zögern. Die Pflanze gibt nicht auf, sie mag nicht ruhen. Wie kann ich da mit der Schere kommen und diesem Wollen ein Ende bereiten! Freilich trotzt nur die eine Hälfte, die andere hat genug. Dann schneide ich eben die andere Hälfte ab und lass die eine stehn, und meine Amaryllis wird später ausgepflanzt.
Oder? Kennt sich jemand aus?

Amaryllis, seit über drei Monaten nicht gegossen!
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Verfasst von Anhora
19. November 2009
Es ist noch früh. Ich stehe auf dem Balkon und hänge den Pullover, den ich gestern trug, auf einem Bügel an die Leine.
Das Tageslicht dämmert zögernd. Im Garten sind Bäume mit letzten Blättern schwach zu erkennen, Nebel liegt zwischen den Häusern. Kein Vogel singt. Die feuchte Morgenluft riecht nach nassem Laub, vor meinem Mund bilden sich Dampfwölkchen.
Ich zupfe den Pullover in Form, er beginnt auszuatmen. Acht Stunden Mief stecken in ihm, drei Leute in einem kleinen Büro. Auch nervöser Schweiß, den die Unterwäsche durchließ, und der gekochte Blumenkohl zum Abendessen, ruhig, zu zweit, in der Küche. All das verflüchtigt sich bald. Der heutige Novembertag wird das Gewebe durchdringen und befreien von dem, was gestern war.
Kälte kriecht unter mein Hemd, ich gehe nach drinnen. Wieder ein Tag.
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Verfasst von Anhora
18. November 2009
Schritte im Nebel
von Schleiern
umschlossen der Tag
kein Durchblick
kein Halt
auf leisen Füßen
schleichen sich
Stunden voran
zu lösen
aus Nebeln den Tag
Annemarie Schnitt
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Verfasst von Anhora
15. November 2009
Das ist die Abschlussnote meiner Tochter, einer frischgebackenen Bachelorin. Gestern war die Zeremonie der Urkunden-Übergabe, und anschließend gab es eine prächtige Feier mit hunderten jungen Menschen und ihren Eltern, die zum Teil aus ganz Deutschland angereist waren. Wie hübsch sie aussahen. Die Mädchen nicht mehr so aufgeregt schnatternd wie bei der Abiturs-Feier, die Jungs nicht mehr so schüchtern wie damals. Erwachsene sind sie geworden, in ihren feinen Kleidern steckten sie nicht mehr wie Fremde. Vielmehr schienen sie diesen Teil von sich bereits zu kennen oder sich zumindest nicht mehr zu wundern, dass auch die extravagante Person im Spiegel zu Hause sie selbst waren. Mit Stil und Eleganz schlenderten sie also am Buffet entlang, mit gestärktem Hemd und aufgemachtem Haar sammelten sie auf ihren Tellern Häppchen. Allen strahlte die Freude an diesem schönen Anlass aus den Gesichtern.
Die noch studierenden Jahrgänge führten ein Musical auf und wir zogen den Hut, so professionell waren die Darbietungen. Eine Menge Studenten machten mit bei dem Spaß, der viele extra Stunden Probenarbeit bedeutet hatte und jeder, der an einer Dualen Hochschule studiert oder studiert hat, weiß, was das für eine zusätzliche Anstrengung ist. Aber sie waren da, und die Absolventen hatten einen Abend, der des Anlasses würdig war. Perfekt lief übrigens auch die Organisation über die Bühne, es gab nichts, was nicht geklappt hätte. Helle Köpfen müssen am Werk gewesen sein, und für eine Hochschule gehört sich das natürlich!
Meine Tochter, die mit dem Durchschnitt 1,9 (erwähnte ich das schon?) war glücklich, und mit ihr wir alle. Eine enorme Leistung, wenn man bedenkt, dass ihr Bruder unmittelbar vor den Prüfungen einen schweren Autounfall hatte! Ich beobachtete, wie sie an ihrem festlichen schwarzen Kleid herum nestelte – zur Routine gehört solche Garderobe natürlich nicht – und wie sie sich mit ihren Freundinnen gab, die drei Jahre lang wichtig gewesen waren und sicher bleiben werden. Welche Lebenskraft strömt doch aus jungen Leuten beim Reden, beim Lachen und Tanzen! An einem Abend wie diesem spürt man es intensiv, und für die Älteren ist es eins der schönsten Erlebnisse, sich davon einhüllen zu lassen. Ach, wenn es das alles nicht gäbe für mich – ich würde es vermissen!
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Verfasst von Anhora
10. November 2009
Rauchen ist gefährlich und Raucher sind deshalb blöd, wir wissen es alle. Wie viele andere suche deshalb auch ich nach einer Erklärung, warum es trotzdem sein muss. Vielleicht, weil Rauchen schnell abhängig macht und ein Bedürfnis geschaffen wird, das nach Befriedigung schreit. Was daran gut sein sollte? Dass es erholsam einfach ist, diesem Wollen nachzugeben! Eine tolle Sache in Zeiten, in denen das hochgehaltene Banner mit all den andern Wünschen drauf ungesehen bleibt. Wie sexy ist es dagegen, wenn der Drang nach Nikotin durch Adern und Nevenstränge kriecht, den Verstand durchdringt, mächtig wird und sich dann eine Zigarette anzuzünden. Wenigstens das funktioniert. Die kleinen Freuden des Alltags passen in eine Schachtel, dauern jeweils nur wenige Minuten lang und sind besser als nichts.
Später einmal mache ich mir Gedanken über Rauchen zur Stimulierung, gegen Stress, zur Geselligkeit, gegen Einsamkeit, zum Trost, bei Langeweile, oder auch über Rauchen vor der Tür, bei kaltem Wind, dem Blick der Leute ausgesetzt, üblen Geschmack im Mund, Geruch an den Händen, fahle Haut, schlecht durchblutete Beine, ach, es gibt viel zu erörtern. Das folgt vielleicht, wenn es in meinem Leben überschaubarer geworden ist und ich das Zeug nicht mehr brauche.
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Verfasst von Anhora
8. November 2009
Von Zeit zu Zeit innehalten und die Last absetzen,
schwerelos werden, sich selber so leicht nehmen,
dass die Seele fliegen kann,
aufsteigen aus dem Nebel der Gewohnheiten,
sich erheben über die Wolken des Alltags,
einen Ort der Stille und Klarheit finden…
(Jochen Mariss)
Gestern auf meinem Schreibtisch gefunden.

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Verfasst von Anhora
7. November 2009
Dass meine Haare nachwachsen, ist eine tröstliche Nachricht, aber ich dachte beim Friseur neulich noch über etwas anderes nach. Während die süße Blonde meine Resthaare kürzer schnitt, blätterte ich nämlich eine Zeitschrift durch. Ich gehöre nicht zu denen, die dem Friseur anvertrauen wollen, was sie gerade so erlebt haben mit dem Nachbarn oder dem Kind, und dann kann es langweilig werden. Es lag also eine „Brigitte“ herum, der ich generell nichts abgewinnen kann, aber es gab keine Alternative. Ich ging die Überschriften durch und fand doch etwas, das mich interessierte. Ich glaube, es ging um Burn-Out, und als Anregung wurde folgende Frage gestellt:
„Wenn Sie eine Entscheidung treffen könnten und Sie hätten die Sicherheit, dass Sie damit niemanden kränken, enttäuschen oder schädigen – was würden Sie tun?“
Ich kam auf Anhieb zu keinem Ergebnis, und war überrascht. Aber es ist doch so: Auch wenn man niemanden kränkt oder schädigt, könnte das Leben nach der Entscheidung ganz anders verlaufen. Was wir gerne loswerden wollen, ist durchaus interessant herauszufinden. Was wir davon haben werden, ist es aber auch. Woher weiß ich denn, was die veränderte Situation bei mir auslösen würde und ob ich damit umgehen könnte? Im Artikel gab es dazu keine Hilfestellung, „Brigitte“ eben. Nix Halbes, nix Ganzes.
Ich warf die Zeitschrift auf die Ablage vor dem Spiegel und unterhielt mich mit der Friseurin übers Wetter. Da ist von vornherein klar, dass wir es weder vorhersehen noch ändern können. Wir müssen nur entscheiden, was wir anziehn.
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Verfasst von Anhora
3. November 2009
Wenn du das hervorbringst, was in dir ist,
wird das, was in dir ist,
deine Rettung sein.
Wenn du das, was in dir ist, nicht hervorbringst,
wird das, was in dir ist,
dich vernichten.
Gnostische Evangelien
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Verfasst von Anhora
3. November 2009
Nach dem Trauma durch einen Unfall zum Beispiel steht in der Regel zunächst die körperliche Heilung im Mittelpunkt. Akribisch wird jedes noch so kleine Anzeichen einer Besserung gesucht und als Schritt nach vorne eingeordnet. Ist dieser Prozess abgeschlossen, steht das Opfer aber nicht selten mit einem Körper da, der einigermaßen verheilt ist, aber Nägel und Platten in den Knochen können Schmerzen verursachen, dicke Narben erinnern an das, was geschehen ist, die Funktionsfähigkeit einzelner Gliedmaßen kann noch eingeschränkt sein, bleibt es vielleicht für immer. Fragen tauchen auf wie: Kann ich in meinen Beruf zurück? Steht eine Umschulung an? Wenn ja, welche? Und danach – finde ich Arbeit? Wie sehe ich aus? Wie geht es mit mir weiter? Was wird aus meinen persönlichen Beziehungen? Reizbar bin ich geworden, oft mag ich mich selbst nicht, für die andern ist es schwer mit mir. Bleibt das so? Verliere ich Menschen, die ich liebe? Wo soll ich hin mit meiner Angst, Hilflosigkeit und Trauer?
Alle Opfer geraten zumindest eine Zeitlang aus dem Gleichgewicht. Psychologische Beratung sollte in Anspruch genommen werden, wenn es zu anhaltenden Störungen kommt wie schlechter Schlaf, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, körperliches Unwohlsein, Schreckhaftigkeit und Verhaltensauffälligkeiten wie erhöhte Nervosität und Reizbarkeit, eventuell auch aggressives Verhalten.
Wichtigster Faktor bei der Erholung ist die soziale Unterstützung durch Familie, Freunde oder Lebenspartner. Sie müssen den Patienten dort abholen, wo er steht, und sie dürfen ihn nicht nur als Opfer sehen, sondern auch als Überlebenden einer katastrophalen Bedrohung. Um beim Betroffenen das Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit zu bekämpfen, brauchen sie Unterstützung bei der Erfahrung: „Ich bin zu etwas nütze“. Verordnete Passivität und Tatenlosigkeit führen zu Kontrollverlust; die Ermutigung zu Handlung und Selbstständigkeit hilft dagegen, die Kontrolle wieder zu erlangen. Anstatt einer Opfermentalität den Weg frei zu machen, sollen Ressourcen und Kompetenzen zugänglich gemacht werden, so dass die Identität des Patienten wieder positiv besetzt werden kann. Zugehörigkeit, Teilhabe und Anerkennung schaffen Sinn im Leben nach einem Trauma.
Mehr Informationen
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Unfall | Mit Tag(s) versehen: PTBS, Trauma |
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Verfasst von Anhora
1. November 2009
Ein Erfolgstrainer begann sein Seminar damit, dass er einen 50 EURO-Schein hochhielt und die Teilnehmer fragte: „Wer möchte 50 EURO haben?“. Fast alle Teilnehmer hoben die Hand.
Er knüllte den Schein zu einer Kugel zusammen und fragte wieder: „Wer möchte immer noch die 50 EURO?“ Und wieder meldeten sich fast alle.
Nun ließ er den zusammengeknüllten Schein auf den Boden fallen und trat mit den Füßen ein paar Mal auf ihn. Er hob den schmutzigen und zerknitterten Schein auf und fragte: „Und wer will jetzt immer noch die 50 EURO?“ Und wieder meldeten sich fast alle Teilnehmer.
Schließlich hatte der Schein ja seinen Wert behalten, auch wenn er vielleicht etwas unansehnlich geworden war.
Quelle: www.palverlag.de
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Verfasst von Anhora
31. Oktober 2009
„Was ist Ihnen lieber – eine Küchenschabe, die vor Ihren Augen über den Boden krabbelt, oder ein Haus voller unsichtbarer Termiten, die in den Wänden stecken? Die Schabe kann zwar Krankheiten übertragen, aber zumindest wissen Sie, dass sie da ist, und Sie können etwas dagegen tun. Bei den Termiten dagegen glauben Sie die ganze Zeit, Sie hätten ein wunderbares Heim – bis es eines Tages einstürzt und Sie in einem Haufen Sägemehl aufwachen, zu dem die Termiten Ihr Sweet Home verarbeitet haben.“
Michael Moore
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Tipps zum Thema „Probleme verdrängen“
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Verfasst von Anhora
29. Oktober 2009
„Hatten Sie in letzter Zeit Haarausfall?“ fragt mich meine Friseurin. Ich erstarre und denke, was ich wochenlang nicht denken wollte: Es ist soweit. Ich werde kahl. Ich vermännliche.
Eine platinblonde junge Frau in Jeans und weißem Pulli, der bei jeder Bewegung ihren schönen nackten Bauch frei gibt, steht hinter mir und hält auf meinem Kopf ein paar Strähnen hoch. Ratlos betrachte ich sie im Spiegel.
„Im Sommer habe ich tatsächlich viele Haare verloren“, sage ich leise. „ Sieht man das?“
„Ja“, lächelt sie. Ich hasse professionelle Freundlichkeit an der falschen Stelle und reibe nervös an meinem Plastikumhang. Sie fährt mir jetzt mit beiden Händen durch die Frisur und hebt an verschiedenen Stellen die Haare an. „Man sieht überall kurze Stoppel. Da wächst viel nach!“
Mit Getöse purzelte ein Stein von mir herunter und rollte davon. Das Präparat aus der Apotheke scheint zu helfen und in zwei Jahren ungefähr habe ich mein Haar zurück. Wenn es mir bis dahin nicht wieder ausgeht.
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Verfasst von Anhora
27. Oktober 2009
Bis ans Ende unseres Lebens sagt Gott jeden Morgen: „Hier, schau her, du bekommst noch einmal einen ganzen Tag. Mach was draus!“ Wie denn, wird zum Beispiel jemand sagen, der in der Firma acht Stunden lang mit einem cholerischen Boss verbringen muss. Darf man deshalb einen Tag verloren geben?
Ich habe heute zur Mittagszeit einen kleinen Spaziergang gemacht. Dort, wo ich arbeite, gelangt man nach wenigen Schritten in eine ländliche Gegend mit Weiden und Obstwiesen, und nach dem kalten Nebel der letzten Tage war es heute bei blauem Himmel besonders schön. Ich kam an gefleckten Kühen vorbei, die gelangweilt im Gras lagen und mir mit großen Augen hinterher schauten. Im milden Licht der Oktobersonne lag die Landschaft da wie weichgezeichnet, feiner Dunst verschleierte weiter entfernte Bäume und Felder. Ich atmete den Geruch nasser Erde ein und schaute etwas weiter einer Schar Vögel zu, die sich auf einer Wiese niedergelassen hatten und aufgeregt durcheinander hüpften. Sie beschwatzten wohl ihre bevorstehende Reise. An einem Bauernhaus leuchteten vereinzelt Geranien an den Fenstern, sonst sah man kaum mehr Blühendes. Die Gärten sind abgeräumt und machen sich für den Winter zurecht. Alles hat seine Zeit in der Natur, und alles hat seinen Platz. Mein Herz wurde weit bei diesem Gedanken. Ich hob eine Walnuss auf und legte sie später auf meinen Schreibtisch.
Habe ich etwas gemacht aus diesem Tag? Zumindest habe ich etwas sehr Schönes nicht übersehen.
Und noch etwas Schönes übersehe ich nicht: Mein Computer stürzt nicht mehr ab! Meine Tochter und ihr Freund haben einen Preis verdient, die haben das am Wochenende hingekriegt.
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Verfasst von Anhora
25. Oktober 2009
Sie helfen schon, die Tablettchen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich heute Nacht nicht in Tränen ausbrach, als wir nach einem netten Abend mit Bekannten vor der verschlossenen Wohnungstür standen und nicht hinein konnten. Der Zweitschlüssel steckte von innen, ich hatte vergessen ihn abzuziehn, und nun konnten wir abschrauben und herumdrehen, was wir wollten, die Tür blieb zu. Schließlich wussten wir uns nicht anders zu helfen, als das Türfenster einzuschlagen. Nachts um eins. Ich zitterte und hielt mir die Ohren zu, so dröhnte es durchs Treppenhaus. Nachbarn wurden wach, Hunde kläfften, und die Glasscheibe brach nicht.
Wir setzten uns auf die kalte Steintreppe und überlegten müde, was wir tun könnten. Unsere Mobiltelefone lagen beide in der Wohnung. Es blieb uns nichts übrig, als zu meiner Tochter zu fahren, die bei ihrem Freund übernachtete. Im Nachtzeug und mit wirrem Haar stand sie erschrocken in der Tür, als wir sie aus dem Bett geklingelt hatten. Wir traten in die kleine Wohnung, setzten uns auf das zerwühlte Bett und suchten aufgeregt nach Telefonnummern von Not-Schlüsseldiensten im Internet.
Dann fuhren wir zurück und warteten bzw. dösten im Auto über eine Stunde lang. Die Straße war völlig verlassen, nur einmal alberten ein paar junge Leute bei laufendem Motor ihres Wagens herum, sonst war es still. Die Straßenbeleuchtung schien ins Auto, ich konnte nicht schlafen. Um drei Uhr etwa kam der Mann endlich. Bis er die Tür offen hatte, dauerte es noch einmal eine halbe Stunde. „Neue Türen öffne ich in einer Minute,“ meinte er, „aber alte wie diese hier – Mann, die sind stabil!“ Ich zahlte 320 EUR.
Erschöpft und doch aufgewühlt lagen wir um kurz nach vier im Bett und ich dachte daran, wie wir in der Nacht zum 1. Juni etwa um dieselbe Zeit ins Bett gefallen waren. Da waren wir aus der Klinik in Ulm zurück gekehrt, wo mein schwer verletztes Kind lag. Was ist dagegen eine halbe Nacht ausgesperrt sein, dachte ich. Was sind 320 EUR? Es ist nichts. Einfach gar nichts.
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Verfasst von Anhora
24. Oktober 2009
Es gibt auch das Gute am Schlechten, dachte ich gestern. Es ist nämlich so: Ich rauche nicht. Ich rauche seit Jahren nicht mehr, außer manchmal seit dem Unfall meines Sohnes vor einem halben Jahr. Bevor wir ihn besuchten, rauchten wir eine Zigarette, und danach noch eine auf dem Parkplatz der Klinik, jeden Tag, es war die einzige Freude viele Wochen lang. Dann ließ ich es wieder, fing wieder an, ließ es wieder usw. Ich rauche nie viel, und ich werde aufhören damit, sobald ich aus all den Sackgassen, in die ich mich derzeit verirrt habe, wieder herausfinde.
Natürlich weiß ich, wie schädlich Zigaretten sind, sowieso in meinem Alter. Doch gerade diese Erkenntnis wurde gestern in Frage gestellt. Den ganzen Tag über hatte ich Beklemmungen in der Brust gehabt, mein Herz pochte und ich fühlte mich nicht gut, als ich nach der Arbeit mit meiner Mutter Einkaufen ging. Trotzdem endete es damit, dass ich später bei ihr in der Stube saß und zwei Zigaretten rauchte aus einer Schachtel, die herum lag.
Was soll ich sagen? Als ich ihr einen Abschiedskuss auf die Wange drückte, atmete ich freier und es ging mir insgesamt besser. Die Beklemmungen waren weg. Vielleicht war es Zufall, am Freitagabend schwindet natürlich der Druck der Arbeit und das Wochenende darf kommen. Mir ging’s allerdings so abrupt besser, dass es auffiel und es ist zumindest nicht auszuschließen, dass es an den Zigaretten lag.
Wer es testen will: Es waren die Billigen von Netto. Sind ziemlich leicht und schmecken ein bisschen wie Stroh. Ich halt euch auf dem Laufenden.
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Verfasst von Anhora
22. Oktober 2009
Kennt ihr das? Plötzlich fängt das Herz an zu pochen, als ob es herausgelassen werden will. Meins schlägt immer wieder wütend gegen den Brustkorb, der es umgibt, und dabei habe ich ihm nichts getan! Man hat wohl gelegentlich kleine Rumpler und Aussetzer des Herzschlags, aber das ist etwas anderes. Dieses wiederkehrende Alarmschlagen, als sitze da jemand drin und trommle mit den Fäusten gegen eine Wand oder renne mit dem Kopf voraus gegen die Enge an – das kannte ich nicht. Morgens vor allem, da stört es am meisten. Ich wache häufig auf, mit so einem Rumpelstilzchen innen drin ist es schwer wieder einzuschlafen.
Ich versuche mich dann zu entspannen und denke an einen verträumten Strand, wo ich auf einem kleinen Steg sitze und die Beine ins Wasser baumeln lasse. Ein Glöcklein liegt neben mir, falls ich Durst bekomme und kalten Pfefferminztee mit Eis und Zitrone trinken möchte. Ich gebe natürlich ein gutes Trinkgeld, so sorge ich für den Diener und seine Familie, und für mich. Während salziges Wasser von meinen Beinen perlt und die Sonne darauf glitzert, kommt Rumpelstilzchen meist zur Ruhe und ich schlafe wieder ein. Beten hilft auch, da geht es manchmal noch schneller.
Dann fing das Pochen tagsüber an. Plötzlich ist es da, aus dem Nichts, als hätte ich drei Tassen Kaffee auf einmal hinunter gespült. Das kommt nicht oft vor und nach ein paar Minuten verschwindet der Spuk. Lästig finde ich es trotzdem, schon weil ich mich bei der Arbeit nicht auf eine Südsee-Insel konzentrieren kann. Deshalb ging ich zum Arzt. Dort bekam ich Tablettchen, die ich teilen muss, eine halbe am Tag genügt. Trotz eingeritztem Spalt bricht man sich fast die Fingernägel ab beim Versuch, sie in zwei Hälften zu zerlegen, so klein sind sie. Mit dem Messer zerbröselt das Ganze, an der praktischen arbeite ich also noch.
Erste Ergebnisse: das Herzklopfen ist geblieben, und zusätzlich ist mir jetzt schwindlig und ein bisschen schlecht. Das sei normal, sagte die Ärztin, und hört nach ein bis zwei Wochen auf. Na dann.
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Verfasst von Anhora
20. Oktober 2009
Meine Amaryllis bot ein interessantes Schauspiel heute. Das ganze Jahr über freute ich mich an der Pflanze, die auch nach der Blüte mit ihren langen, dunkelgrün glänzenden Blättern das Fenster schmückte. Da die Zwiebel aber im Winter neu ausgepflanzt wird, soll sie im Herbst zur Ruhe kommen, also hörte ich im August auf zu gießen. Die Pflanze hingegen ließ sich nicht beeindrucken und blieb bis heute unverändert. Stolz präsentierte sie sich Tag für Tag in ihrer ganzen Pracht. Auch Wochen nach dem letzten Tropfen Wasser stand sie aufrecht im Topf und dachte nicht daran, sich die Lebenslust verderben zu lassen. Amaryllis müsste man sein, dachte ich.
Als ich heute Nachmittag das Zimmer verließ, war sie wie immer ein dekorativer Blickfang in ihrer Ecke. Eine Stunde später kam ich zurück, aber da – hingen die Blätter nur noch auf halber Höhe! Einen spektakulären Abschied legt sie da hin, meine Schöne, bevor sie uns in ein paar Wochen hoffentlich wieder mit ihren lachsrosa Blüten verzaubern wird.
Warum fällt mir jetzt ein, dass ich seit dem Frühjahr keinen Tag Urlaub hatte? In meinem nächsten Leben werd ich Amaryllis.
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Tagesgedanken | Mit Tag(s) versehen: Amaryllis, Pflanze, Lebensgeist |
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Verfasst von Anhora
15. Oktober 2009
Was kennzeichnet Leibeigenschaft? Das Bild eines Baumwollfelds taucht vor uns auf und die Menschen, die darauf arbeiten. Nicht sie entscheiden, diese Arbeit zu tun, sondern ihr Besitzer. Ein Aufseher treibt mit der Peitsche an, „schneller pflücken“, schreit er. Aufbegehren hat drastische Strafen zur Folge. Der Lohn für die Plackerei: einzig das Essen, das sie brauchen zum Überleben, ein paar Kleider auf dem Leib und einfache Unterkünfte.
Im Vergleich dazu haben wir Glück! Mit unserer Arbeit verdienen wir Geld, wenn auch nicht immer angemessen. Ob es unsere freiwillige Entscheidung ist, uns zum geduckten Leisetreter machen zu lassen zu lassen, mag indes bezweifelt werden. Schauen wir uns in Betrieben um, die autoritär geführt werden – und deren gibt es viele – dann zeichnet sich ein ungutes Bild ab.
Wo Firmenleitungen Widerspruch nicht dulden, führen blinder Gehorsam, Intrigen und Denunziationen eher zum beruflichen Erfolg als Fachkenntnisse, Teamgeist oder gar ein eigener Kopf mit frischen Ideen. Damit die Defizite solcher Emporkömmlinge nicht ans Licht kommen, haben wir es dann mit Vorgesetzten zu tun, die ihre Mitarbeiter klein halten. Der ganz normale Angestellte wird ausgebremst und zum Schweigen gebracht, Mobbing selbst von obersten Stellen sorgt hierbei für Nachruck.
Wie freiwillig arbeiten wir unter solchen Verhältnissen also wirklich? Wer es schwer hat, überhaupt Arbeit zu finden – sei es durch viele Arbeitslose, vorgerücktes Alter, wenig Berufserfahrung und manches mehr – der wird in solchen Systemen zum Sklaven. Gezwungen, durchzuhalten. Chronische Krankheiten sind keine seltene Folge dessen, was zu viel und zu lange in sich hineingefressen wurde, denn der Willkür mancher Abteilungsleiter gibt es kaum etwas entgegenzusetzen. Und der Lohn? Reicht oft gerade für Essen, Kleidung und Unterkunft. Willkommen in Onkel Tom’s Hütte!
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Arbeit, Essays | Mit Tag(s) versehen: Arbeitsplatz, Job, Unterdrückung |
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Verfasst von Anhora
7. Oktober 2009
Sonderbar: Mit Krankenhaus verbinde ich zunächst Ausruhen. Verantwortung abgeben. Fallen lassen. Ich denke gerade darüber nach wie es wäre, krank zu sein. So krank, dass das Ende in Sichtweite rückt. Wie würde ich die verbleibenden Jahre oder Monate verbringen? Kein gesunder Mensch kann das wissen, aber es ist eine gute Möglichkeit, Verborgenes bewusst zu machen. Ich wüsste genau, was ich als Erstes tun würde: Meinen Beruf aufgeben!
Wir verändern uns bei der Arbeit. Wir tun bestimmte Dinge und passen uns an, wir werden immer mehr so, wie Vorgesetzte und Kollegen uns haben wollen. Würden andere Umgebungen, Vorgesetzte oder Kollegen etwas anderes fordern, wären wir selbst auch ein bisschen anders. Man sucht es sich nicht wirklich aus, und man wird beraubt, denn nur mit Menschen und Tätigkeiten, die zu uns passen, kann man sich selbst sein. Aber wer hat schon so viel Glück?
Ich würd nur noch das arbeiten, was mir Freude macht, mich einbringen und Verantwortung übernehmen für etwas, hinter dem ich stehe. Auch wenn ich nicht davon leben könnte, dank Krankenkasse käme ich ja über die Runden. Und ihr? Wenn ihr erfahren müsstet, dass euer Leben nicht mehr allzu lange dauert: Würdet ihr etwas ändern?
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Arbeit, Tagesgedanken | Mit Tag(s) versehen: Philosophisches |
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Verfasst von Anhora
3. Oktober 2009
In der Stadt waren gestern Abend alle Galerien geöffnet. Viele Menschen waren unterwegs und auch wir haben uns umgesehen. Neben interessanten und rätselhaften Bildern, Skulpturen aus Holz und Metall sowie Collagen in Gold ist mir vor allem ein Video im Kopf geblieben. Man sah eine Schafherde, die durch eine Stadt geführt wurde (es ging um Tradition und Moderne). Die Tiere folgten ihrem Schäfer auf stark befahrenen Straßen und durch schmucklose Wohnsiedlungen, könnte in Ostdeutschland gewesen sein. Dann sah man drei der Schafe plötzlich in einer Kunstausstellung. Sie standen vor Bildern und Skulpturen und schienen derart verblüfft, dass es mich berührte. Ich meine, diese Art von Staunen schon häufig gesehen zu haben, kann mich aber nicht erinnern wo genau. Die drei blieben immer beieinander. Zwischendurch suchten sie auf dem Boden nach Gras, schauten jedoch gleich wieder hoch auf die Wände, liefen ein paar Schritte weiter, sahen wieder auf die Wände oder in die Kamera und man sah deutlich, was in ihnen vorging: „Was ist das hier?“ Ich konnte mich nicht lösen davon und blieb stehen, bis der Film von vorne begann. Die Gesichter der Schafe sehe ich noch immer vor mir. Vielleicht, weil ich in meinem eigenen Leben an einer Stelle angekommen bin, an der ich genauso wenig weiß, was ich damit anfangen soll.
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Verfasst von Anhora
27. September 2009
Heute waren wir unterwegs, um den Herbst zu genießen und wanderten um den Alpsee herum. Grillen zirpten im Gras und auf den Bäumen, Vögel debattierten in hellen Tönen. Wir versuchten sie zu bestimmen, doch sah man sie kaum in den dichten, noch grünen Blättern. Ich fotografierte die schönen Muster aufgeschichteter Holzscheite, unter uns lag der See. Wir schauten und hörten und setzten einen Fuß vor den andern.
Meine Gedanken kamen ein wenig zur Ruhe wie immer, wenn der Körper etwas zu tun hat. Die vergangenen Tage waren schwer. Der Schrecken, dass mein Kind hätte tot sein können und dass so etwas wieder passieren kann, löst sich noch nicht. Die ungute Stimmung im Büro versuche ich nicht an mich heran zu lassen, es kostet Kraft. Ich weiß nicht, ob B. wieder Arbeit findet und was nächstes Jahr ist, alles ist möglich. Trotzdem gelang es dieses Wochenende, alles ein wenig abzustreifen. Wir waren gleich auf zwei Geburtstagsfeiern eingeladen, trafen nette und interessante Leute. Den gestrigen Nachmittag verbrachte ich mit einem Buch auf dem Balkon in der Sonne. Es ist gut, von Tag zu Tag leben. Die großen Ziele lassen sich nicht erreichen, jedenfalls nicht so schnell, aber die kleinen Dinge sind manchmal ganz nah.
Darüber dachte ich heute nach, als es nach Laub duftete und nach Gras, die Wiesen waren gemäht und die Felder geerntet, Strohballen lagen ordentlich in langen Reihen. Ich kniete nieder vor einem blühenden Kraut am Wegrand und hielt die Kamera auf violetten Blüten. Es knisterte im Gras, als der Wind durchstrich. Das Blümlein im aufgesprungenen Straßenbelag fotografierte ich auch.

Am Wegrand
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Verfasst von Anhora
22. September 2009
Etwas Merkwürdiges ist geschehen, seit ich die Beiträge über den Auto-Unfall hier gelöscht habe: Ich denke nicht mehr so viel darüber nach! Als ob das furchtbare Ereignis etwas weggerückt wäre. Ich weiß gar nicht, ob ich das möchte, eins meiner Kinder wär schließlich beinah ums Leben gekommen. Das Entsetzen darüber will ich nicht einfach fortwischen, nur weil ein paar Monate vergangen sind.
Trotzdem beschäftigt es mich nicht mehr so, was gerade mit ihm ist und was ich davon als nächstes hier erzählen werde. Ich sträube mich gegen dieses Loslassen, aber es geht von allein. Und wenn man darüber nachdenkt: Ich muss nicht immer leiden, wenn meine Kinder leiden, ich muss mich auch nicht immer freuen, wenn sie es tun. Als Mutter gerät man leicht in diesen Sog, manchmal aus Angst vor der Leere im eigenen Leben, doch zu denen gehöre ich nicht.
Ich liebe meine Kinder und ich bin da, wenn sie mich brauchen. Aber sie leben ihr Leben selbst und sie können es auch. Deshalb möchte ich versuchen, den Unfall meines Sohnes den Unfall meines Sohnes sein zu lassen. Er ist stark geworden und er weiß, dass er kämpfen und gewinnen kann. Ich geb ihm einen Engel mit und versuche, in mein eigenes Leben zurückzukehren, das auch um andere Menschen und Dinge kreist und in dem es Leichtigkeit wieder geben darf.
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Verfasst von Anhora
17. September 2009
Wer seine Werte lebt und im guten Kontakt ist mit seinen Bedürfnissen, wirkt authentisch, stark und leistungsfähig. Hab ich eben im Internet gelesen. Nun, meine Werte lebe ich mehr denn je, meine Bedürfnisse dagegen habe ich weggesperrt seit Marcos Auto-Unfall. Fast vier Monate sind vergangen, er wird bald aus der Klinik entlassen werden und die Therapien, die er noch braucht, zu Hause fortführen. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis er zurück findet in die Normalität. Ganz so wie vorher wird er wahrscheinlich nicht wieder, ich mit Sicherheit auch nicht. Das schreckliche Ereignis gehört nun zu unserem Leben. Aber es geht auch weiter, zum Glück geht es weiter mit ihm, er kann wieder gehen und klar denken. Dafür bin ich jeden Tag dankbar, nicht alle Eltern haben so viel Glück.
Ich beende nun den Blog über diesen Unfall, auf Marco’s Wunsch hin habe ich die Beiträge gelöscht. Mal sehn, ob mir was anderes einfällt, was ich euch erzählen will. Ein gelegentliches Wort zum Sonntag wird es sicher weiterhin geben, vielleicht über meine Erkenntnisse beim Versuch, das Schwere abzustreifen und wieder nach meinen eigenen Bedürfnissen zu forschen. Irgendwo müssen sie ja sein!
Danke an alle, die – auf welche Weise auch immer – bei uns waren in den vergangenen Monaten.
Morgen am Meer
Leer geweht die Welt
von Wellen überspült
was gestern war
an jedem Tag
neue Fußspuren
am weiten Ufer
zerfließender Zeit
Annemarie Schnitt
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Unfall | Mit Tag(s) versehen: Unfall |
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Verfasst von Anhora
30. Mai 2009
Das Wochenende begrüßten wir am Freitagabend in einem Irish Pub, unserem Stammlokal, und ich war lange nicht so voller Lust am Leben! Wir saßen an einem der roh zusammen gezimmerten Holztische bei einem Glas Wein, Ska-Musik feuerte aus den Lautsprechern, ich berichtete B. meine Erlebnisse während des Tages und er mir seine, wir machten Pläne für’s Wochenende. Ich spürte eine Wärme in mir und ein Krabbeln im Bauch, das ich nicht kannte, selbst das obligatorische Fußballgeplauder zwischen B. und dem irischen Kellner fand ich reizvoll. Mein Sohn kam dazu, bei Fish & Chips diskutierten wir darüber, ob Horrorfilme eine Aussage haben können und über das Leben an sich.
Es ging mir gut. Mir war, als ob nichts mir je wieder etwas anhaben könnte, und dabei war nichts Besonderes passiert. Ich hatte nur tagsüber im Büro erste Aufträge selbst in der Datenbank angelegt, verschiedene Dateien in ein Übersetzungsprogramm eingepfriemelt und manches mehr, alles hatte geklappt. Natürlich muss ich noch viel lernen, aber ich hatte ein schlichtes kleines Erfolgserlebnis. Es ist lange her seit dem letzten Mal, und ich wunderte mich eine Zeitlang über mich selbst, bis es mir wieder einfiel: So fühlt es sich an, wenn man etwas gut gemacht hat. Falsch! So fühlt es sich an, wenn man etwas gut gemacht hat und jemand sieht das, und nicht irgendein Detail, das eventuell verbessert werden kann. Niemand kritisierte, niemand machte das Ergebnis klein und niemand übersah es einfach.
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Erfolg, Job |
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Verfasst von Anhora