Überlebt: Sechs Monate ohne Wasser!

8. Februar 2010

Wozu ein Organismus in der Lage ist, verblüfft mitunter selbst Wissenschaftler, und mich sowieso. Wie ist es möglich, nach einem halben Jahr ohne jede Flüssigkeit  immer noch trotzig aufrecht dazustehen?

Es geht – wieder einmal – um meine Amaryllis. Eine Freundin schenkte sie mir vor einem Jahr, nun möchte ich sie endlich in einen neuen Topf betten, um die Pracht neuer Blüten voranzutreiben. Allerdings: Vor dem Auspflanzen kommt das Einziehen der Blätter, der Schlaf vor der Wiedergeburt. Die Zwiebel soll Kraft sammeln, und damit sie das weiß, hört man auf zu gießen.

Seit August letzten Jahres hat meine Amaryllis also kein Wasser bekommen. Und nun klickt mal das an:

Ich bin ratlos. Wie soll ich sie zum Blühen bringen, wenn diese eigenwillige Lady es vorzieht, sich nicht zu entblättern? Grundsätzlich ist daran nichts Falsches, als Amaryllis würde ich diese Entscheidung  jedoch überdenken. Zu erlauchtem Festtagsschmuck kommt sie so jedenfalls nicht!

Im Internet fand ich, dass die Pflanze im Herbst kühler und dunkler stehen soll. Vielleicht war das der Fehler. Verliebt ließ ich sie nämlich bei mir, am Fenster vor meinem Schreibtisch. Ob sie auf Wasser verzichten kann, solange ihr warm genug ist? Sinn macht das nicht. Jedenfalls habe ich sie nun ins Treppenhaus verlegt, das arme Ding. So allein da draußen, in der Kälte…

- Fortsetzung folgt -

Was bisher geschah



Die zwei Seelen des Herrn Bauer

6. Februar 2010

Wie der Michelinmann auf dem Dach einer Tankstelle bläht sich der Abteilungsleiter vor einem Schaubild. Er trägt Details vor über die neuen Bohrmaschinen, wortreich und mit ausladenden Gesten betet er die Besonderheiten einer neuen Produktreihe herunter. Auf Zahlen und Zeichnungen deutend beendet er seine Ausführungen und mustert die Teilnehmer der Schulung. Krumm hockt Herr Bauer da und macht sich klein.

„Sitz grade“, schreit in der Tiefe seines Bewusstseins der Vater. Herr Bauer spürt die Faust, die ihm in den Rücken boxt,  seine Kinderhände klammern sich an der Tischplatte fest. Mit zusammengepressten Lippen starrt er auf den Teller vor ihm und hofft,  er werde davonkommen mit dem einen Schlag.

„Herr Bauer, haben Sie auch mal etwas zu sagen?“ Er schreckt aus seinen Erinnerungen, entdeckt an der Tafel die neue Überschrift: Verkaufsargumente. Gehorsam quält eine Anmerkung sich räuspernd vor die Runde. Man ist nicht zufrieden mit ihm. Nicht energisch genug sei er, nicht präsent genug. Vielleicht einfach nicht laut genug.

Noch eine Stunde bis Feierabend. Der Gedanke belebt ihn, denn auf dem Nachhauseweg wächst Herr Bauer. Groß geworden, mit hungrigem Herzen öffnet er Abend für Abend die Wohnungstür, Iris ist meistens schon da. Sie duftet wie ein Blumenstrauß und er liebt es, an ihr zu schnuppern. Wenn er sich zum Begrüßungskuss niederbeugt, streicht sie mit leichter Hand über seinen Rücken. Voll Wärme und Leben bereiten sie dann ihr Abendbrot.

Herr Bauer richtet sich auf. Er ist Teilnehmer einer Schulung, wie alle andern er darf sich äußern. Immerzu darf er sich äußern, erkennt er, und mit fester Stimme stellt er zu den Bohrmaschinen eine Frage. Er will wissen, was nun passiert. Das Ergebnis: Herr Bauer erhält eine Antwort. Eine gute, hilfreiche Antwort.


Sandkastenphilosophie

31. Januar 2010

Es muss wohl so sein
dass das Rauf und Runter
sich im Leben
beständig abwechselt

nur hat man dabei
nicht halb so viel Spaß
und die doppelte Mühe
wenn man
alleine auf der Wippe sitzt

(Gerhard Feil)


Schockminuten

27. Januar 2010

In einem Nachbarort kam es vor kurzem zu einem Unfall und der Verursacher machte sich davon. Was man feststellen konnte anhand von Lackresten und Glasscherben war, dass es sich um einen roten, älteren Toyota handelte. Nun fahre ich einen roten, älteren Toyota, und heute morgen rief die Polizei an. Sie wollten prüfen, ob es sich um das gesuchte Auto handelt, völlig harmlos also. Das Auto ist alt, aber unfallfrei. Doch so ganz harmlos war es dann nicht.

Ich legte auf und alles war wieder da. Der Anruf der Polizei, dass ich kommen solle, es gäbe etwas, das sie am Telefon nicht besprechen wollen. Wie ich nachfragte und bohrte und es dann erfuhr. Mein Sohn hatte einen schweren Autounfall gehabt. Alles war wieder da. Vielleicht nicht die Einzelheiten, aber das Gefühl dabei. Oder besser die Erstarrung. Als wäre es gerade eben geschehn.

„Wir wissen nichts Genaues“, hatte der Mann am andern Ende gesagt. „Er lebt aber, nicht wahr?“ Seine Verletzungen seien sehr schwer, war die Antwort gewesen,  und ich könne die Polizeidienststelle in Biberach anrufen. Die wissen mehr. „Aber er lebt doch, nicht wahr?“ In Biberach sagte man mir, der Junge sei mit dem Hubschrauber nach Ulm geflogen worden. Ja, er lebe.  Noch? Die Nummer der Klinik gab er mir auch. Seltsam. Dass ich minutenlang nicht wusste, ob mein Sohn am Leben ist und ob er es bleiben wird, die Schockminuten, bis ich einen Arzt erreichte – das hatte ich vergessen. Gibt’s sowas? Ich hatte das nicht mehr gewusst, und heute morgen war alles wieder da.

Ich saß an meinem Schreibtisch, mein Herz schlug wie wild, Tränen stiegen hoch. Ich wusste nicht was tun. Meine Kollegen schauten, niemand sagte etwas, ich wollte mit ihnen nicht darüber sprechen. Nur heulen. Das drückte ich weg, den ganzen Vormittag lang drückte ich es weg, doch es war ein Kampf. Ich verlor ihn immer wieder. Mittags rauchte ich eine Zigarette. Drei Wochen lang habe ich es geschafft, nicht zu rauchen, heute wieder schwach geworden. Blöderweise ging es mir danach besser.


Newcastle

13. Januar 2010

Wir übernachten in einem Hotel in der Nähe von Newcastle und man glaubt, in einem Agatha-Christie-Film gelandet zu sein: Hohe Zimmer, Stuckverzierungen, hohe schmale Fenster in erkerartigen Ausbuchtungen,  schwere Vorhänge davor. Drei Leute mindestens hätten dahinter Platz, ohne bemerkt zu werden. Es knarrt, es zieht, ich höre Stimmen aus angrenzenden Zimmern. B. ist nicht da, er hat einen Termin und ich betrachte die schweren Möbel, die Strukturtapeten und die rot-goldene Streifen an der Wand an der Stirnseite des Riesenbetts.

Fröstelnd krieche ich unter die Decken und schalte den Fernseher an. Es läuft ein Krimi, ich liebe englische Krimis, sie sind voller Atmosphäre und herrlich verstrickt, niemals könnte es solche Fälle tatsächlich geben. Die Morde werden auf die feine englische Art alle gelöst und ich schaue nacheinander Taggart, A touch of Frost und Lewis an. Danach Michael Palins Reiseberichte und am Ende Mr. Bean. B. Wunderschöner Abend!

Frühstück „Full English“ sieht so aus:

Das Schwarze ist Black Pudding, bei uns nennt man das Schwarzwurst. Gebratene Schwarzwurst *shudder* . Dazu noch mehr Schwarzes: gebratene Scheiben eines Riesenpilzes. Sieht grauslig aus, schmeckt aber ordentlich. Der Rest ist bekannt: Gebratene Tomaten, Ei, Schinken, und eine komische Wurst. Ähnlich wie Thüringer, aber auch wieder nicht.

In Newcastle gibt es ungefähr so viele Brücken wie in Ravensburg Türme. Sie führen über den Tyne und die berühmteste ist die Millennium Bridge, die mich zum Baltic bringt, einem Museum für zeitgenössische Kunst.

Millennium Bridge, dahinter das Baltic Museum

Fesselnd die Foto-Ausstellung von Martin Parr über Luxus in der High Society in all ihren Nuancen, eine herrliche Offenbarung. Er zeigt, dass in dieser Welt auch nur Menschen leben. Sie sind nicht glücklicher und erst recht nicht schöner als die restlichen 99% der Erdbevölkerung!

Neben dem Baltic liegt eine berühmte Konzerthalle, The Sage. Der Architekt Norman Foster hat sie erdacht, er entwarf auch die gläserne Reichtstagskuppel in Berlin.

The Sage

Und das wars, morgen geht’s zurück in die Heimat. Ich schließe mit den Worten von Paul von Heyse:

Erdachtes mag zu denken geben,
doch nur Erlebtes wird beleben.


Die betrunkene Ente

12. Januar 2010


Was ist denn das? „Drunken Duck“? „Drunken?“ Habe ich nicht vor wenigen Tagen erst gelernt, dass es falsch ist zu sagen: „ I am so drunken“? „Drunken“ gibt’s nicht, dachte ich!
Gibt’s schon. Als Adjektiv nämlich: The drunken duck, the drunken monkey, my drunken friend.

Als Adverb geht es nicht: I am so drunken ist falsch. Da muss es heißen: I am drunk. Nochmal was g’lernt.

Wir fuhren nach Newcastle heute, und zwar durch den Lake District, einem Erholungsgebiet im Norden Englands. Im „Drunken Duck“ also kehrten wir ein. Das Pub hat eine eigene Brauerei, wie es in England viele gibt, angeblich um die 800. Beliefert werden örtliche Kneipen und Restaurants. Früher wurden diese Mini-Brauereien von den Großen gefressen, nun sind sie wieder entstanden. Die Leute haben wohl den Reiz am Kleinen, Feinen neu entdeckt.

Unsere Mäntel werfen wir auf die Bank, auch hier wie in allen anderen Pubs und Restaurants, die wir bisher besuchten, finde ich keine Garderobe. Vielleicht gibt es in England mehr Diebe oder mehr Misstrauen.

Ein junger Mann brachte uns verschiedene Käsesorten mit Obst und Gemüse. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte, dass er aus Ungarn stammt. In der Küche, an der Rezeption und an weiteren Stellen arbeiten ebenfalls Ungarn. In solchen Jobs findet man fast keine Engländer mehr. Hotelpersonal, Bedienungen, Busfahrer, Service  – aus aller Welt stammen sie, nur nicht aus England.

Zurück zum Lake Distrikt: Ein Hotelmanager in Langdale Pikes ist im Sommer durch einen ca. 35 km langen See geschwommen, um Geld zu sammeln für eine bedürftige Familie. Tolle PR natürlich auch für das Hotel! Das bringt mich auf die Idee, dass der Spieleland-Chef doch mal für einen guten Zweck über die Alpen radeln könnte. Um Geld zu sammeln für Behindertenwerkstätten zum Beispiel. (Ich bin so kreativ heut …) :-)


Chester

11. Januar 2010

Chesterkäse ist in Chester unbekannt. Chesterkäse ist in ganz England unbekannt. Ist Chesterkäse eine deutsche Erfindung? Der Käse aus der Region um Chester heißt jedenfalls Cheshire wie die Grafschaft, dessen Hauptstadt Chester ist. Cheshire-Käse darf nur aus der Milch von Kühen gemacht werden, die auf den salzigen Wiesen in der Umgebung hier grasen konnten. Mit „unserem“ Chester hat er wenig bis nichts zu tun.

Außer keinem Chesterkäse gibt es in der Stadt viel zu kaufen. Ein Geschäft klebt am andern, man betritt sie von der Straße aus oder von einer Galerie, von der man eine weitere Reihe von Läden in den ersten Stockwerken der mittelalterlichen Gebäude erreicht.

Attraktionen in Chester:

  1. Die Juweliere. Man möchte nicht glauben, wie viele es sind, bestimmt jedes fünfte Geschäft verkauft Schmuck. Die Auslagen zeigen aber im Wesentlichen alle dasselbe: Diamantringe und Halsketten für 1.000 bis 5.000 GBP. Wer kauft so viel davon, dass  diese Juweliere überleben?
  2. „Vom Fass“. Wir fanden einen Laden hier im Zentrum, hübsch aufgemacht und mit Liebe eingerichtet, neugierig fragten wir den netten Inhaber, ob er weiß, wo dieses Franchising-Konzept entstanden ist. Er wusste es besser als ich: „Wollburgh. That’s in Germany.“ Aha. Waldburg. Und ich dachte, es sei aus Ravensburg.Meine Empfehlung: Calamansi! Ein Essig, probiert ihn mal aus und ihr werdet ihn haben wollen! Gibt’s in jedem Vom Fass Laden und man darf kosten.
  3. Lammwolle. Ich brachte drei Pullover mit nach Hause, obwohl ich nur einen brauche. Lammwolle mit Angora- oder Kaschmir-Beimischungen kosten hier ca. 15 GBP, einen reinen Kaschmirpulli fand ich für 40 GBP! Es gibt eben mehr Schafe hier als bei uns.Mein Tipp: Nach Weihnachten England besuchen und Kleidung kaufen. Die ohnehin günstigen Preise sind dann nochmals reduziert!

Reiches, armes Liverpool

10. Januar 2010

Vor ein paar Hundert Jahren war Liverpool die größte britische Hafenstadt.  Zu dieser Zeit hatte sich England zur bedeutendste Kolonialmacht der Welt aufgeschwungen, unzählige Schiffe liefen im Hafen ein, die Stadt war reich. Profite, von denen das geschäftstüchtige Volk vielleicht heute noch träumt, waren möglich durch Sklaven. Millionen wurden aus ihrer afrikanischen Heimat verschleppt. In Liverpool war bis Ende des 17. Jahrhunderts eins von vier Schiffen, das in See stach, ein Sklaventransport.

Das  International Slavery Museum im Hafenviertel Albert Docks erzählt von dieser Zeit. Wir erfahren, wie die Sklaven die englische Wirtschaft zum Blühen brachten und was ihnen in den Kolonien angetan wurde.  Zahlen und Fakten werden ebenso wenig verschwiegen und wie das, was der Kontinent Afrika selbst dazu beitrug. Es waren übrigens die Engländer, die die Sklaverei schließlich abschafften.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab England die Kolonien auf und Liverpool verkam zum Armenhaus Europas. Erst in den 70er Jahren begann die Stadt, sich wirtschaftlich zu erholen, 2008 war sie Europäische Kulturhauptstadt. Dennoch: Nirgends in Europa leben mehr Langzeitarbeitslose als hier. Manche Vororte werden beherrscht durch Drogen und Bandenkriminalität. Im Zentrum spürt man davon nichts, doch Liverpool hat noch viel zu tun.


Pudding und Schneematsch

10. Januar 2010

Warum schreien die Engländer so, wenn sie zum Essen oder in ein Pub gehen? Laut war es. Wir saßen mit B.‘s Mutter, seiner Schwägerin und seiner kleinen Nichte im Restaurant und riefen einander zu, was wir mitzuteilen hatten. Aber das Essen war gut. Übrigens:  Yorkshire Pudding ist überhaupt kein Pudding. Sondern ein bierdeckelgroßer Pfannkuchen, ein paar Zentimeter hoch und harmlos. Nicht wie Black Pudding, der zum englischen Frühstück gehört. In Erwartung von Schokoladenem hatte ich einst ein „Full English Breakfast“ bestellt, und auf meinem Teller lagen dann zwei große Scheiben Schwarzwurst…

Wenn ein Liverpooler redet, klingt es, als werde immerzu eine Frage gestellt. Am Ende eines Satzes heben sie den Ton nämlich leicht an, anstatt ihn wie der Rest der Welt abzusenken und so durch die Sprachmelodie auszudrücken, dass der Satz zum Abschluss kommt.  In Liverpool bleibt das Gesprochene offen, als ob eine Antwort erwartet würde oder gleich ein Nachtrag folgte. Der Dialekt heißt Scouse und ist nichts für Anfänger. Das Mädchen berichtete, dass es ein paar Tage Ferien gegeben hatte wegen des Schneefalls, doch ich erriet nur ungefähr den Zusammenhang. Die Schule ist jedenfalls wieder geöffnet. Vorerst muss sie keine Schuluniform tragen, sondern darf in den eigenen, warmen Kleidern erscheinen. Ich betrachtete ihre dünnen Leggings, den kurzen Rock darüber und das noch kürzere Mäntelchen neben ihr. Vielleicht hab ich das falsch verstanden. Oder sie hat sich umgezogen.

Bei Roastbeef und Parsnips versuchte ich zu erfahren, warum manche Schulen immer noch geschlossen sind, warum nicht alle Busse fahren und warum die violetten Müllcontainer an den Straßenrändern nicht geleert werden. In einem Land, in dem Winterreifen unbekannt sind, bedeutet Schnee Notstand, das versteh ich, aber hier liegt kein Schnee! Zumindest nicht auf den Straßen. Liegt es an den vereisten Gehwegen? Schneeschaufeln und Streusalz kennt man nicht, Streupflicht auch nicht und B. Mutter verließ heute zum ersten Mal seit Weihnachten ihre Wohnung. Warum ist das so? Die Antwort der Runde ist Achselzucken. Es schneie selten in England, man habe wenig Erfahrung.

Auf dem Weg vom Restaurant zurück zum Parkplatz gehen wir auf der Straße, weil dort kein Schnee liegt. Die kleine, hagere alte Dame eingehakt zwischen mir und ihrer Enkelin, fast tragen wir sie. „Oh my Dear“, ruft sie wie eine Lady mit schönstem Londoner Akzent  – in Liverpool lebt sie erst seit ein paar Jahren -  „it‘s not nice to walk, isn’t it?“


“Sie liebt dich … yeah,yeah,yeah …”

10. Januar 2010

Mit dem Ende der Woll- und Baumwollindustrie durch die Auflösung der Kolonien rutschte Liverpool ins wirtschaftliche Aus. In den Fünfziger Jahren verschwanden zuerst die Arbeitsplätze im Hafen – einst der größte Handelshafen Großbritanniens – dann starben die Werften. Was blieb, waren trostlose, heruntergekommene Arbeiterviertel und Massen von Arbeitslosen. Liverpool war zu einer der ärmsten Städte Westeuropas geworden.

Vor diesem Hintergrund wuchsen die Beatles auf, wir verneigen uns in Ehrfurcht vor ihnen. Wie ihre ganze Generation flüchteten sie sich in eine Welt aus Fußball und Musik, noch heute schmückt sich Liverpool mit ihren Namen. Obwohl – wer weiß? Sie wären vielleicht nix geworden, hätte nicht Hamburg ihnen viele Auftritte verschafft. Im Starclub zum Beispiel. Der Erfolg begann in Deutschland, und John Lennon sagte einmal, in Hamburg und nicht in Liverpool erwachsen geworden zu sein. Daran wollen wir uns auch erinnern sowie an die Tatsache, dass die typische Pilzkopffrisur von einem Hamburger Fotografen kreiert wurde. Zwei Lieder haben die Beatles übrigens auf Deutsch gesungen.

YouTube – Sie liebt dich

YouTube – Komm gib mir deine Hand

Wenn man heute durch die Straßen fährt, sieht man eine moderne Stadt mit Flair. Die Probleme sind noch lange nicht alle gelöst, aber es wurden gewaltige Schritte nach vorne gemacht.

John Lennon auf dem nach ihm benannten Flughafen in Liverpool


Mit dem Mietwagen von London nach Liverpool

10. Januar 2010

Vor vielen Jahren sah ich auf der Autobahn einen Hund am Steuer sitzen. Ob Schäferhund oder Dobermann, weiß ich nicht mehr, nur dass es mir schwer fiel zu glauben, was ich sah. Wir fuhren näher heran – tatsächlich: Ein Hund, aufrecht auf dem Fahrersitz, angestrengt nach vorne blickend, ein Mann neben ihm entspannt auf dem Beifahrersitz. Es kam mir nicht gleich der Gedanke, dass es sich um ein englisches Auto handeln musste, aber so war es natürlich.

Heute fiel mir das wieder ein auf der Fahrt von London nach Liverpool. Tiere am Steuer entdeckte ich nicht, doch der Rückspiegel irritierte mich: Er war falsch eingestellt. Nach deutschem Empfinden saß ich auf der Fahrerseite, Steuer und Pedale befanden sich jedoch links von mir, wo B. Platz genommen hatte.  Nur den Rückspiegel fand ich, wo er hingehörte, automatisch schaut man rein und jedes Mal wunderte ich mich über dasselbe: Wieso ist er verstellt?

Davon abgesehen, konnte ich nach stundenlanger Fahrt auf der dreispurigen Autobahn am Ende nicht mehr sagen, ob die reguläre Fahrbahn links, rechts oder sonstwo ist, ob wir gerade überholen oder wieder eingeschert sind. So schnell verschwimmt die Erinnerung an das, was man glaubt zu kennen.


Bahn-Station Liverpool Street

9. Januar 2010

Die Geschichte meines Landes verlässt mich nie. Wir stehen vor den Bronzeskulpturen einiger Kinder, hier kamen sie an. Deutsche Kinder in London, in der Bahnstation Liverpool Street. Mit ihren Köfferchen in der Hand und einem neuen Leben vor sich, ohne Eltern und heimatlos begannen Tausende jüdischer Kinder hier ein neues Leben.

„Obwohl diese Fahrt in den Tagen des Jahres 1939 Rettung bedeutet, sind die rund hundert Kinder zutiefst verstört. Die jüngsten dieser Flüchtlinge sind gerade ein paar Monate alt, die ältesten 16 Jahre. Eines haben alle gemeinsam: Sie sind in Deutschland nicht erwünscht. Sie fliehen nach der Pogromnacht in das einzige Land, das sie aufnimmt, während andere Staaten der Welt die Grenzen für Kinder ohne Eltern schließen. Insgesamt waren es rund 10 000 Jungen und Mädchen, die auf diesem Weg den Vernichtungslagern in Auschwitz, Sachsenhausen oder anderswo entkommen konnten.“

Quelle – “Die Welt”

Ich sage jetzt nichts. Mein Akzent würde mich verraten bei Passanten und Betrachtern. Ich will nicht zu einem Volk gehören, das so etwas tat, ich schäme mich für mein Land.


National Art Gallery (Trafalgar Square, London)

9. Januar 2010

Als Schwabe besucht man England’s Museen besonders gern. Sie kosten nämlich nix, und selbst die National Art Gallery in London ist keine Ausnahme, eins der bedeutendsten Kunstmuseen, die es gibt. Man spendet in der Regel drei GBP, ist aber kein Muss. Wir gaben es trotzdem, denn was man zu sehen bekommt, ist Weltklasse.

Die Wände in den Räumen hüllen uns ein mit warmen Gold- und Rottönen, Holz-Verzierungen und Stuck schmücken Decken und Kanten, ganz anders als manche sterilen Museen in  Deutschland. Wir finden Bilder, die noch vor zwei Jahren in den Räumen von Ives Saint Lauren hingen und nach seinem Tod versteigert wurden. Noch nie wanderte eine private Kunstsammlung für so viel Geld (370 Mio EUR) in den Einkaufstaschen von Museen und Sammlern. Ein halbes Leben lang haben Ives Saint Laurent und sein Lebensgefährte Bilder, Skulpturen und Gegenstände zusammengetragen, etwa zwanzig Gemälde sind nun in der National Art Gallery gelandet.


Was wir sehen, sind Bilder aus dem 17. Jahrhundert, religiöse Szenen, aber auch andere Motive, ein Kardinal in rotem Gewand auf einem gut drei Meter hohen Bild schaut grimmig auf die Besucher des  kleinen Saals nieder, der ausschließlich aus der Sammlung von Ives Saint Laurent zeigt.

*

Die Hinrichtung von Lady Jane Grey (Paul Delaroche)

Vor diesem Bild bleibe ich lange stehen. Lady Grey lebte im 16. Jahrhundert und war wenige Tage lang die Königin von England. Sie starb wegen angeblichen Hochverrats und auch weil die Protestantin sich weigerte, zum katholischen Glauben zu konvertieren.   Die „Neun-Tage-Königin“ wurde nur 16 Jahre alt. Das Gemälde zeigt ein entrücktes Mädchen kurz vor seiner Enthauptung.

Zur Vergrößerung anklicken!

Mehr über das Bild

Kienholz – Die Hoerengracht

Wir haben die Hoerengracht letztes Jahr besucht, das heißt vorbeigehuscht sind wir an schäbigen Häusern, dralle Frauen in schmalen Schaufenstern links liegen lassend,  als sähen wir ihr Herabgesunkensein nicht. Normale Leute sollten nicht ihre Erinnerung ans Leben da draußen beschwören, zu dem sie doch nicht gehören. Wir hasteten vorbei.

Den Amsterdamer Strich hat das amerikanische Ehepaar Kienholz nachgebaut, die Installation wird zurzeit in der National Art Gallery gezeigt. Ich sehe mich um, andere Besucher gaffen auch in die Fenster hinein, es ist ja Kunst. Wir betrachten neugierig, was zuvor nur unsere Augenwinkel eingefangen hatten: Die Frauen, die Enge, viel Rot, viel Dunkel, Sex im Angebot. Ich blicke in die Gesichter, auf die Blöße, die schäbigen Einrichtungen. Was ich sehe, ist Freudlosigkeit. Ich wüsste gern, ob Prostituierte sich freiwillig für ihren Beruf entscheiden, dann wäre es in Ordnung. Aber so sehen diese Frauen nicht aus. Frivoler sind die Figuren auf den Ölgemelden niederländischer alter Meister im Vorraum, obwohl jede davon vollständig bekleidet erscheint!

Video Hoerengracht

Artikel mit Fotogallerie

*

Das sahen wir auf dem Trafalgar Square, als wir vor dem Museum standen:

*

Und das, als wir es ein paar Stunden später  wieder verließen: Schneetreiben!

Mehr zum Museum (deutsch)


Old Dirty Dicks

8. Januar 2010

Dieses Pub wurde über fünfzig Jahre lang nicht geputzt. Warum? Weil Mitte des 18. Jahrhunderts die Verlobte des damaligen Inhabers Richard Bentley starb. Der Gebrochene hat danach seinen Laden, was es damals noch war, nie mehr saubergemacht oder darin aufgeräumt. Der Ort wurde bekannt wegen seinem Schmutz und Post, die an The Dirty Warehouse, London adressiert war, kam bei Richard Bentley an. Spinnweben, tote Katzen und Ratten sowie andere Erinnerungen sind in der Kellerbar heute noch zu besichtigen.

Heute waren wir zum Abendessen dort. Tote Katzen sahen wir nicht, nur tote Fische auf unserem Teller. Fish & Chips wie immer am Freitag.

Es sind junge Leute, die sich hier treffen, und sie sind laut. So laut, dass B. und ich uns praktisch nicht verständigen konnten, wir hätten uns anschreien müssen. Also beobachteten wir. Um uns drängten sich aufstrebende  Mittzwanziger mit Geld. Sie müssen Geld haben, denn Getränke in London sind teuer, und es wurde viel getrunken. Die Unterhaltungen an den Tischen wurden immer lauter, es wurde gelacht, gestikuliert, aufgesprungen, an der Theke hin- und hergewandert, manche waren immerzu unterwegs und wir entdeckten sie mal an dieser, mal an anderer Stelle in dem recht großen Pub. Sie plauderten mit verschiedenen Leuten, ihr Netzwerk vielleicht, von dem sie hoffen, dass es sich eines Tages bezahlt macht.

Es ist üblich in England, dass Kollegen sich nach der Arbeit noch auf einen Drink treffen. Man kann sich sonst privat kaum sehen, die Wohnorte liegen zu weit auseinander.  Das Bankenviertel ist nicht weit von hier, dachte ich, und hier sitzen vielleicht ein paar Broker, die an der Bankenkrise mit Schuld haben. Die immer noch Boni erhalten. Und die Klappe immer noch ganz weit auf haben.


London: Das Victoria & Albert Museum

8. Januar 2010

Das weltgrößte Museum für dekorative Kunst ist eine der Ausstellungen, die man niemals an einem Tag besichtigen kann. Sie besteht aus etwa 150 Galerien und zeigt Skulpturen, Möbel, Textilien, Metallarbeiten, Photografie, Schmuck und vieles mehr.

Wir entschieden wir uns zunächst für die Skulpturen. Wer sich dafür interessiert, dem brauche ich Rodin oder Bernini nicht zu erklären; den andern sei gesagt, dass Kunst der ganz großen Meister hier zu sehen ist. Darstellungen mythischer Geschichten fesseln mich am meisten, und Bernini (17. Jhd.) hat dazu Großartiges geschaffen. Im V&A Museum sahen wir von ihm die überlebensgroße Skulptur Neptun und Triton. Neptun, der Herrscher des Meeres, und Triton, der Herrscher des Winds.

Ovid berichtet, dass Jupiter einst den sündigen Menschen grollte. Er wollte sie daher  in einer Sintflut ertränken und ließ durch seinen Bruder Neptun Regengüsse vom Himmel niedergehen. Bald war die ganze Welt ein Meer ohne Küsten. Als nur noch ein einziges, gottesfürchtiges Menschenpaar übrig war, zerstreute Jupiter die Wolken. Neptun legte den Dreizack beiseite und befahl seinem Sohn Triton, die tönende Muschel zu blasen. Daraufhin gaben die Winde das Land wieder frei.

Klingt das ein bisschen bekannt? Man fragt sich, wo die die eine oder andere Bibelgeschichte wirklich entstand.

Bernini schuf im Alter von etwas über zwanzig Jahren dieses Werk, aus dem Stärke, Energie und Gewalt der Elemente auf uns niederfaucht. Klein geworden blicken wir nach oben in die Marmorgesichter, aus denen Bart und Haare gewirbelt werden, man meint das Tosen des Windes zu hören.

Diese Skulptur ist übrigens das einzige der großen Werke von Bernini außerhalb Italiens.

Homepage Viktoria & Albert Museum – Neptun und Tripton (englisch)

Die William and Judith Bollinger Schmuckgalerie

Zu jedem Schmuckstück gehört eine Geschichte. Eine Frau geht nicht einfach ins Geschäft und kauft sich einen Goldring wie einen Schrank für den Hausflur oder ein paar Würstchen fürs Abendessen. Schmuck ist das Geschenk eines nahestehenden Menschen, ein Statussymbol, die Erinnerung an ein Ereignis oder einfach ein kleines Objekt, in das man sich verliebt hat. Es geht um den Zauber in den Augen der Frau, die diesen Schmuck trägt.

Und was sie getragen haben, die Frauen! Wir stehen vor den Vitrinen der Gallerie Bollinger und möchten die Augen der Frauen sehen, die diesen das getragen haben, was wir hier sehen. Schmuck aus 3000 Jahren von Designerstücken der Moderne bis zu Kronen und Diademen aus der Vergangenheit. Geschmeide aus dem 17./18.19. Jahrhundert, ich würde jedes einzelne Stück davon heute noch jederzeit tragen. Selbst aus dem 15. Jahrhundert fand ich Schmuck, der noch in unsere Zeit passt. Bei noch älterem Schmuck sind es die Halsketten, die mir sicher stehen würden. Es blitzt und strahlt von allen Seiten auf schwarzem Samt, Hunderte Kostbarkeiten haben Geschichten zu erzählen über die Menschen, von denen sie getragen wurden: Kaiserinnen, Königinnen, Edelfrauen, Geliebte – ihre Männer nicht zu vergessen. Den Wert dieser Schätze kann ich mir nicht vorstellen.

Artikel “Die Welt”

Homepage Viktoria & Albert Museum – Schmuckgalerie (englisch)

*

Ein Blick in die Modegalerien…

“Juwelled evening shoe, Christian Dior, Paris, 1952-4, worn and given by Mrs Loel Guinness”

“Satin platform sandals with sequins, made in Italy for Biba, London, 1972″

*

“London, Evening Dress and Jacket, Catherine Walker, (1945 -), 1989″

Seide mit Perlen und Pailletten, Stickerei durch S. Lock Ltd.

Lady Diana trug dieses Kleid bei einem offiziellen Besuch in Hong Kong. Es wurde später bei Christie’s versteigert, der Erlös ging an die Brustkrebs- und Aids-Hilfe.

*

“Paris, evening dress, Thiery Mugler, 1948 – Autumn/Winter 1999-2000, given by Thiery Mugler”.

Schwarzer Samt mit Börderlrand. Das hat bestimmt Morticia aus der Addams Family getragen!

*

“Paris, Evening Dress, Charles Frederick Worth (1826-95), 1881″

Satin, bestickt mit Seide, Chenille und Kordeln

Mrs Granville Alexander, Tochter des U.S. Nähmaschinenpioniers Isaac Singer, trug dieses Kleid.

*

Papierkleider gibts auch. In der Designer-Abteilung!

An die kann ich mich sogar noch erinnern… 70er Jahre!

Das Fotomodell, das auf diesem Stuhl saß (siehe Bild an der Wand), kostete einen britischen Politiker einst seine Karriere! In England nimmt man es mit der Moral genau. ;-)

Und als Abschluss, weil’s so schön ist:

“Pink Horse and Fried Egg”, 1979-80, Marta Rogoyska (1950-)
Handgewebt, Wolle und Baumwolle

Gegründet wurde das Museum übrigens Mitte des 19. Jahrhunderts von Prinz Albert, dem Ehemann von Königin Viktoria, und dem Kunstmäzen Henry Cole.

Mehr zum Viktoria & Albert Museum


London – Abends im Pub

7. Januar 2010

Im „Glass House Stores“ in Soho  trinken wir englisches Bier,  Samuel Smith Oatmeal Stout. Eine der zahlreichen Sorten, die es in England gibt, es wird auch in San Diego/Kalifornien in einem Pub ausgeschenkt. Das weiß ich von meinem ältesten Sohn, der diesen Ort in den vergangenen Monaten während seines Auslandssemesters gelegentlich besuchte, weil er das Bier mag. Heute haben wir es ihm nachgemacht und auf ihn angestoßen.

Eine kleine, gemütliche Kneipe ist “Glass House Stores”, typisch die dunklen Möbel und Ausstattungen, englische Pubs erinnern mich an Höhlen. An der Theke ein Zapfhahn am andern, vergilbte Lampen und Bilder, ein alter Linoleumboden lässt jeden Schritt durchs Lokal dröhnen. Das macht nichts, laut ist es in den Pubs und Restaurants  sowieso. Lauter als bei uns jedenfalls, die Leute scheinen nicht für sich bleiben zu wollen. Vernehmlich erzählen sie ihre Geschichten, so dass man am Nebentisch mithört, ob man will oder nicht. Auch am nächsten Nebentisch noch. Niemand senkt die Stimme, mich befremdet das.

Getränke und Essen sind übrigens preiswert hier, eine Rarität in London! Es gibt englische Gerichte wie Steak & Ale Pie, Steak & Kidney Pie, Chicken & Mushroom Pie, Beef Suet Pudding, (Engländer lieben es, Fleisch in Teig oder Puddings zu verpacken), Caesar Salad, Fish & Chips natürlich, u.v. m.

B. plauderte, dass er vor ein paar Jahren schon einmal in diesem Pub  saß mit einer (deutschen) Kollegin, die nach dem zweiten Glas immerzu rief: „I’m drunken,“ , „I’m so drunken!“ Er lacht heute  noch darüber. Warum? Wir erinnern uns an eine Stunde im Englisch-Unterricht vergangener Tage: To drink, drank, drunk. „I’m so drunk“ wäre richtig gewesen, sagt Lehrer Lämpel, drunken klingt in diesem Zusammenhang vielleicht so wie „du habst“, an dem B. hartnäckig festhält, wenn er versucht deutsch zu sprechen.


Designermode, Delikatessen, teure Geschenke …

7. Januar 2010

… wo sieht man davon am meisten? In London bei Harrods.

In einem der größten Luxuskaufhäuser der Welt werden wir am Eingang von Mitarbeitern begrüßt, die einen kritischen Blick auf hereinströmende Besucher werfen: Wer in kurzen Hosen, zerrissenen Jeans oder als Punker erscheint, muss draußen bleiben. In vorgerücktem Alter und bei Januar-Temperaturen schert uns das wenig, allerdings muss B. seinen Rucksack abnehmen und vornehm in der Hand tragen.

Wir wandern durch die Food Halls, deren Räume prachtvoll im Jugendstil entworfen sind mit pompösen Skulpturen, Leuchtern und Fliesen.

Link zu Bild Food Halls

In den Vitrinen liegen Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Wichtig sei, dass es sich um keine Massenware handelt, erklärt uns ein Verkäufer hinter der Käsetheke. Man habe deshalb deutschen Tilsiter wieder aus dem Angebot genommen, er sei nicht speziell genug. Später im Fleischbereich lachen wir deshalb beim Anblick dessen, was dort aus Deutschland eingeflogen wurde: Schinkenwurst und Saiten.

Das war die Abteilung deutsche Wurst!

Und so sieht einer der Räume aus:

Zum Angebot:

Lecker…

Wer Fasan mag?

Langusten gibts auch.

Krabben…

… und Schuhe!

Die gibts natürlich nicht in der Food Hall, sondern in einer Schuh-Abteilung. Schön sind sie, nicht?

Hier noch zwei  Bilder von den Räumen.

Link zu Bild 1 Food Halls
Link zu Bild 2 Food Halls

*

Orient im Harrods
Wir verlassen die Food Halls und in einer anderen Etage entdecken wir einen  vergoldeten Pharao. Gut drei Metern groß sitzt er in der Ägyptischen Halle und beobachtet die Menschen, die von der Rolltreppe empor getragen werden. Sie werden sich nach einer edlen Handtasche umsehen oder wie wir die gewaltige Skulptur, kostbare Leuchter und Ornamente aus dem Morgenland bewundern, den Glanz in jedem Detail.

So kommt man die Rolltreppe hoch.

Und das erwartet uns:

Link zu noch einem Bild Ägyptische Halle

*

Wir schlendern weiter, es läuft Musik, Michael Bublé swingt vor sich hin. In manchen Bereichen hören wir arabische Klänge. Einer der Treppenaufgänge ist durchgehend ägyptisch dekoriert, in der Möbelabteilung glaubt man sich in einer Kunstgalerie. Extravaganter Schmuck, edle Weine, Luxusmode, teure Kosmetik – in 300 Abteilungen kann man sich verirren, wenn die Zeit reicht. Wir stolpern vom einen zum andern, Hunderte Verkäuferinnen und Verkäufer warten, ob wir beraten werden wollen. Ihre Namensschilder zeigen an, welche Sprachen außer Englisch sie beherrschen. Oft ist es arabisch oder russisch. Kahle Wände oder Neonröhren finden wir nicht. Einfaches Publikum auch nicht.

Den ganzen Nachmittag betrachten wir die eleganten Auslagen, den Glamour darin und die Menschen davor.

Touristen und Kunden
Vom Anblick reicher Araberinnen kann ich mich nicht losreißen. Vereinzelt sieht man sie, hinreißend schöne Frauen mit perfekt geschminkten Alabastergesichtern, in denen alles erblüht, was die Natur ihnen gab. Der Rest verbirgt sich unter schwarzen Ganzkörpergewändern, die vollschlanke Figur erahnen wir nur. Der Schleier bestickt mit Glitzerndem, der verhüllte Hals mit Gold behangen, große Ringe und teure Schuhe weisen darauf hin, aus welcher Welt diese Frauen kommen. Einzeln oder in kleinen Gruppen tragen sie wie schwarze Perlen ihre Geheimnisse in die Abteilungen, so würdevoll, so anmutig, als handle es sich bei jeder Einzelnen um die Lieblingsfrau des Sultans.

Ganz anders eine Kundin, die mit etlichen grünen Harrods-Tüten in der Hand an uns vorbei weht. Die eng anliegende Hose zeigt lange, schlanke Beine, auf dem stolz erhobenen Kopf sitzt eine Pelzmütze wie ein Strahlenkranz, die schmalen Hüften schaukeln vor uns wie auf dem Laufsteg von Dior. Ich stelle mir vor, sie ist Russin. Sie prüft nun Seidentücher mit den Fingern, die halbgeschlossenen Augen erzählen von einem exzentrischen Leben, von Champagner und Kaviar, von Parties auf der ganzen Welt. Dass in London Russen mit viel Geld leben, ist nichts Neues und diese Frau wirkt osteuropäisch. Faszinierend schön ist sie.

Seid ihr in Deutschland schon einmal reichen Russen begegnet? Ich nicht. Unser Land ist vielleicht nicht interessant für sie, schon weil sie mehr Steuern zu zahlen hätten. Zum andern könnte es sich um Unternehmer handeln, die in ihrer Heimat in Bedrängnis geraten sind durch Neider in hohen Positionen. Vielleicht gibt es zwischen Deutschland und Russland offene oder stillschweigende Abkommen, nach denen bestimmte Personen auf Antrag ausgeliefert werden müssen. Deutschland wird mit solchen „Diensten“ noch lange beweisen müssen, dass es zum Freund geworden ist. Die Russen indes richten sich mit ihrem Geld in England ein, wo den Wohlhabenden alle Türen offen stehn. Und die Araberinneren? Die sind vielleicht am Morgen mit dem Privatjet angereist und zum Abendessen wieder zu Hause in Dubai oder Bahrein. Welche Kleider sie tragen, wenn dort die Eingangstür hinter ihnen zufällt, wüsste ich gern.

Wir bummeln weiter, finden noch mehr ägyptische Dekorationen in den sieben Stockwerken dieses Edel-Kaufhauses, und das hat einen Grund:

Mohamed Al-Fayed, mit dem ich nicht tauschen möchte
Seit 1985 ist der Besitzer des Traditionshauses Harrods ein Ägypter. Der freundliche ältere Herr begrüßt als Wachsfigur die Besucher einer Herrenabteilung. Fast täglich sei er persönlich anwesend, berichtet ein Verkäufer, und man möchte Al-Fayed kennen lernen, so liebenswürdig blickt er drein.

„The Chairman Mr Al Fayed wishes you an enjoyable visit to Harrods”
… steht auf dem Sockel.

Einen Stock tiefer sehen wir seinen Sohn in einer Gedenkstätte zusammen mit der Frau, die er liebte und mit der er zusammen starb: Dodi Al-Fayed und Lady Diana, Prinzessin von Wales.

Zwei Bronze-Skulpturen erinnern ein Stockwerk darüber ebenfalls an das Liebespaar. “Innocent Victims” heißt das Werk. Unschuldige Opfer.

Bis heute glaubt der Vater nicht an einen Unfall, und das ist der Grund, warum Harrods seit ein paar Jahren nicht mehr Hoflieferant für die königliche Familie ist. Al-Fayed behauptet nämlich, Prinz Philip habe Dodi und Diana vom Geheimdienst ermorden lassen.

Armer Vater. Ihm geht es nicht so gut wie mir, da hilft selbst das prunkvolle Kaufhaus nicht. Mein Sohn hatte ja auch einen schweren Auto-Unfall. Aber er lebt.

*

Harrods (englisch)
Wikipedia – Harrods


Rätselhaftes in Stansted

7. Januar 2010

Im Flughafen fiel mir nach unserer Ankunft etwas auf, worüber ich noch nie nachgedacht habe. Und zwar die Rolltreppen. Vorausschicken muss man, dass es in England verpönt ist, auf Rolltreppen zu zweit nebeneinander zu stehen. Um die Überholspur für Eilige freizuhalten, stehen gelernte Engländer stets hintereinander. Wir ordneten uns also ein und was mich irritierte, waren die Schilder: „Stand on the right.“ Merkwürdig, nicht wahr? Im Land des Linksverkehrs werden die Menschen an der Rolltreppe aufgefordert, rechts zu stehen. Niemand konnte mir erklären, warum das so ist. Da aber selbst in England die Rechtshänder überwiegen, könnte ein angeborener Hang zum Rechtsgehen die Sache erklären. Nur: Warum fahren sie dann links?

Angeblich entstand der Linksverkehr im Mittelalter, als die Ritter mit der linken Hand die Zügel ihres Pferdes hielten, damit sie mit der rechten das Schwert führen konnten, wenn es nötig war. Außerdem besteigen praktisch alle Menschen – Rechtshänder vor allem – ein Pferd von links und schwingen das rechte Bein über den Sattel (bei Fahr- und Motorrädern gilt das heute noch.) Ein Reiter, der sein Pferd auf der linken Straßenseite „geparkt“ hatte, konnte gefahrlos vom Straßenrand her aufsteigen und ritt also auf der linken Spur los. Diese Verkehrsführung wurde in England nie mehr geändert und auch die britischen Kolonien mussten den Linksverkehr einführen.

Mehr Legenden, wie es zum Linksverkehr kam, gibt’s übrigens bei Wiki.

In Europa kam der Rechtsverkehr Mitte des 18. Jahrhunderts durch Napoleon, der einheitliche Verkehrsregeln auf den Straßen wollte.

Es gibt aber auch Länder, in denen es scheinbar gar keine Regelungen gibt. Das sieht dann etwa so aus!


Der Regenring

7. Januar 2010

Kurz vor dem Ende unseres Fluges nach London sahen wir letzte Woche etwas Spektakuläres: In der Wolkendecke unter uns hatte sich ein Regenring gebildet! Kein Regenbogen also, wie wir ihn von der Erde aus sehen würden, sondern ein kleiner, aber ganzer Ring. Auch in den Bergen weiß man von solchen Erscheinungen. Sie können entstehen, wenn der Betrachter durch Nebel und Wolken empor gestiegen ist und nun in der Sonne stehend auf den Dunst hinunter blickt, der die Lichtstrahlen bricht. Doch „unser“ Regenring hatte mehr zu bieten. In ihm eingebettet erkannten wir nämlich den Schatten unseres Flugzeugs! Wie das körperlich gewordene Logo der Lufthansa waberte ein Gebilde unter uns, das meine Stirn ans Kabinenfenster kleben ließ. Brian’s Kinn bohrte sich in meine Schulter, wir schauten und staunten. Immer wieder entfaltete sich das Phänomen, während wir über Stansted kreisten und auf die Landeerlaubnis warteten.

Die Bezeichnung Regenring habe ich übrigens erfunden, sie erschien mir logisch. Tatsächlich hat die Physik weit eindrucksvollere Namen für das, was sich da manifestiert hatte. Was wir sahen, war nämlich ein Brockengespenst mit Glorie. Richtig gelesen. Ein Brockengespenst mit Glorie, langsam sage ich es noch einmal auf, es klingt so glanzvoll und so gruselig. Was es auch war.

Wer wissen möchte, was wir außerdem noch erlebten auf unserer Reise nach England – einfach wieder vorbeikommen! Ich erzähle hier jeden Tag ein bisschen davon.


Stufen

4. Januar 2010

Ich lese gerade ein Buch, das von der Zeit um die Jahrhundertwende in Russland erzählt. Ein unbedeutender Trinker stirbt bei einem Unfall und seine Witwe richtet nach der Beerdigung ein Essen aus. Die Familie sowie alle Anwesenden sind bitterarm und es wird minutiös geschildert, wie die zerlumpte kleine Gesellschaft sich im Lauf des Abends immer mehr zankt, getrieben von Missgunst, Imponiergehabe, Intrigen und Scheinheiligkeit. Als ein hochstehender Herr dazu kommt und die Tochter der Witwe vor der ganzen Versammlung des Diebstahls bezichtigt, begaffen die Gäste diese Auseinandersetzung wie ein Theaterstück zur Unterhaltung. Niemand versucht, dem Mädchen und seiner Mutter beizustehen. Die Trauerfeier endet mit einem Tumult.

Betroffen darüber, wie wenig Pietät und Respekt diese Leute besaßen, folgerte ich: So wird man ohne Bildung und Auskommen. Ein gemeines Volk ohne Werte, zum Glück habe ich mit solchen Auswüchsen nichts zu tun. Doch dann fiel mir ein, wie in manchen Firmen miteinander umgegangen wird und ich erkannte, dass es kein Zeichen äußerer Armut ist, wenn Menschen auf würdelose Niveaus sinken. Die Armut ist geistiger Natur. Diese Leute haben nicht begriffen, dass andere ihre armseligen Hätte-Gern- und Wäre-Gern-Rollen durchschauen. Stattdessen wird geprahlt, vertuscht, unterschlagen, gehetzt, und eifrig nach Schuldigen gesucht für den Druck, unter dem man selbst steht.

Sich so annehmen, wie man ist im Vertrauen, gut genug zu sein, sich aber auch irren zu können; Talent und Wissen einbringen, aber auch bereit sein zu lernen von andern; die eigene Person nicht über alles und alle setzen, über sich selbst lachen können – das ist Größe. Würden diese Leute doch sehen, wie viel sie besitzen und was sie erreicht haben. Würden sie ihren Kollegen und Mitarbeitern doch lassen, was diese besitzen und erreicht haben. Aufhören mit dem Geklüngel. Wie schön wäre das.


Zum Abschluss

31. Dezember 2009

Rückschau: Was prägte dieses Jahr? Eine Bankenkrise, der erste schwarze US-Präsident, die Abwrackprämie, Michael Jackson ist tot.

Was prägte mich? Im Februar eine schmerzhafte OP an den Füßen (Hallux) und dass ich im Anschluss meine Arbeit verlor. Nicht wegen dem Hallux, sondern weil ich nicht gekuscht habe oder was weiß ich. Verstehen kann ichs bis heute nicht.

Eine neue Stelle hatte ich ein paar Wochen später gerade angetreten, da wurde einer meiner Söhne in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Ich war von da an wie ein Zug, der führerlos aber doch auf den richtigen Gleisen weiter raste. Mein Leben bestand aus dem Jungen in der Klinik, aus Einarbeitung und aus der Familie.

Die neue Arbeitsstelle war auch nicht einfach. Etwas lag in der Luft, und es lähmte mich. Der Umgangston war nicht immer freundlich. Aber ich hielt durch. Ohne Urlaub und ohne bis heute einen einzigen Tag gefehlt zu haben. Seit Herbst nehme ich ein gutes Medikament und lasse mir psychologisch helfen. Jetzt geht es allmählich aufwärts. Eine lange Aussprache in der Firma hat außerdem viel Druck weggenommen, und Ende November kam mein Sohn aus der Reha zurück. Seine Zukunft liegt vor ihm mit vielen Fragenzeichen, aber er ist stark. Er wird es schaffen.

Was nehme ich mit ins neue Jahr? Am liebsten nichts. Ich möchte alles zurücklassen und neu beginnen. Meine Kinder haben jedoch einiges im Gepäck aus 2009. Einen USA-Aufenthalt und beste Aussichten im Berufsleben, einen erfolgreichen Bachelor-Abschluss und danach einen Platz an der Uni, eine gut bestandene schriftliche Ausbildungs-Prüfung und sein Leben an sich, Talent und Leidenschaft fürs Klavierspielen, einen wachen Geist. Das behalten wir bei uns, und da fällt mir ein – etwas will ich doch mitnehmen ins Jahr 2010: die Liebe einiger Menschen, ohne die ich das alles nicht ausgehalten hätte.

Euch allen wünsch ich einen guten Rutsch, danke fürs Mitlesen hier und viel Glück im neuen Jahr. Möge es keine Überraschungen bringen, sondern nur das, was ihr plant und euch wünscht.


Wie man sich bettet, so liegt man

29. Dezember 2009

Heute sah ich endlich, wer da immer so lacht. Mein Büro liegt nämlich zur Straßenseite hin und ich kriege ein bisschen mit, was draußen vor sich geht. Parkende Autos hör ich, Kinder, Hunde, und zwei Frauen, die häufig und vernehmlich auf der Straße miteinander plaudern. Ihr Lachen perlt glockenhell bis zu meinem Schreibtisch, so ungekünstelt und gutgelaunt, dass man rausgehen und sich dazu stellen möchte.

Wahrscheinlich halten beide den Schieber eines Kinderwagens fest und werfen immer wieder verzückte Blicke auf ihr Baby. Zwischen Wäschewaschen und Essenkochen der tägliche Einkauf, dazwischen ist immer noch Zeit. Manchmal kommen dann Erinnerungen hoch, wie ich selbst einen Kinderwagen schob und den Tag noch einteilen konnte, wie es mir gefiel. Das ist lange her. Vieles ändert sich, wenn man den ganzen Tag arbeitet.

Heute also trat ich vor die Tür, um etwas (nikotinisierte) Luft zu schnappen, da hörte ich diese fröhlichen Stimmen wieder. Ich blickte angestrengt in die Richtung, aus der sie kamen, und zwischen den Zweigen eines kahlen Strauchs entdeckte ich sie: Zwei Frauen, beide um die fünfzig. Eine von ihnen – sie brach gerade wieder in ihr engelhaftes Lachen aus – ist die Lebensmittelhändlerin vom Dorfladen nebenan. Die, die ihr Geschäft nicht aufgeben will und deshalb gegen den Bau eines Supermarkts in der Nähe protestiert. Man bot ihr an, mit einer Bäckerei in die neuen Einkaufswelt zu ziehen, sie würde mehr Umsatz machen. Zum Leben reichts, sagt sie, ihr Lädele wolle sie behalten und als die Dorfgemeinschaft abstimmte, stellte sie sich quer.

Rufend und winkend verabschiedeten sich nach einer Weile die beiden Freundinnen. Mit roten Bäckchen und einem Lächeln im Gesicht begann Frau Lädele nun, in eine der Auslagen neben dem Eingang Äpfel nachzufüllen. Behutsam. Einen nach dem andern.

Und ich? Wieso hab ich immer solche Hektik? All die Anstrengungen: Gut sein, weitermachen, durchhalten – wozu?


Geschenkt!

26. Dezember 2009

Wie war das noch, als meine Tochter mir mit etwa drei Jahren einen selbstgebastelten Stern zu Weihnachten schenkte? Tagelang freute sie sich darauf, wie glücklich ich sein würde über dieses Geschenk. Sie wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass es schönere Sterne gab und dass ich schon zwölf Sterne von ihr besaß. Über solche Dinge dachte sie erst nach, als sie älter wurde. Diesen einen Stern besaß ich damals jedenfalls noch nicht, und sie hatte ihn für mich angefertigt. Ohne Zweifel würde meine Freude groß sein, und so war es auch. „Erst wenn ihr werdet wie die Kinder, gehört euch das Himmelreich“, sagt Jesus.

Heute frage ich mich wie jedes Jahr: Ist Weihnachten als Anlass zum Warenaustausch verkommen? Für die materiellen Bedürfnisse der Menschen hat das Fest ausgedient, denn was wir brauchen, haben wir. Es ist nur noch die Lust am Neuen, die bei all der Freude darauf übrigbleibt. Und doch ist ein Geschenk nicht nur das, was man anfassen kann. Es besteht auch aus der Zeit und vor allem aus den Gedanken desjenigen, von dem es kommt, um gerade dieses Geschenk auszuwählen, es zu besorgen, zu verpacken und zu überreichen.

Jesus hat uns gezeigt, wie es geht, und das ist es, was es auch oder gerade in der modernen Zeit zu feiern gibt: die Freude am Geben, an uns selbst, an der Liebe.


Weihnachten fast wie immer

25. Dezember 2009

„Thank you Lord“ tönte es gestern am frühen Nachmittag aus dem Radio, im Weihnachtsprogramm wurden Gospels gespielt. Ich suchte eine Klassik-CD für die Bescherung, die Päckchen schimmerten mit Namen versehen unter dem Christbaum. Das größte Geschenk in diesem Jahr und eines der größten in meinem Leben ließ sich freilich nicht darunter legen.

Ich wollte nicht weinen, nicht traurig sein, merkte aber, wie Tränen hochstiegen. „Thank you Lord, hallelujah,“ wurde von einer schwarzen Sängerin vorgetragen, „you’ve been so good to me“. Ja. Gott ist gut zu mir. Auch dieses Jahr lässt er mich mit allen vier Kindern den Heiligen Abend feiern. Beschützt von tausend Engeln wurde eins davon nach einem schweren Unfall aus dem Fahrzeug geschnitten und gerettet. Ein halbes Jahr später kehrte er aus der Klinik zurück, und es liegt noch ein Stück Weg vor ihm und vor der ganzen Familie. Aber er lebt. Er kann wieder gehen, sein Gehirn arbeitet inzwischen fast normal, wir haben ihn noch.

Dann tauchten Bilder auf und fraßen sich fest. Mein Junge, verwundet, mit Kabeln und Schläuchen an piepsende Geräte angeschlossen, routinierte Pfleger und Ärzte, der Geruch nach Desinfektionsmitteln. Die Besuche in der Intensivstation einer 100 km entfernten Klinik, täglich, wochenlang. Wie ich funktionierte trotz allem, erst Monate später ließ meine Kraft nach. Ich dachte an die anderen Kinder und wie verstört sie waren, meine Tochter vor allem. Nichts konnte man tun, das war das Schwerste. Planen, steuern, Lösungen finden – alles blieb den Ärzten überlassen. Wir beteten und warteten: dass er zu sich kommt, dass er alleine atmen kann, dass er uns erkennt, dass er aus seiner Welt der grauen Haie und armen Kanalratten zurückfindet in die Wirklichkeit. Dass er im Rollstuhl sitzen darf, dass er gehen lernt und dass er gesund wird. Wie gesund? Im Moment hoffen wir, dass sein Gedächtnis bald besser funktioniert und dass der einst quirlige und mitteilsame junge Mann sich weniger in sich selbst zurück zieht. Später vielleicht, dass seine Knochen und Gelenke belastbarer werden. Vor allem soll er wieder arbeiten können. Welche Arbeit? Kein Mensch weiß es.

Geräusche drangen vom Flur ins Wohnzimmer, junge Stimmen und das Rascheln von Taschen und Paketen. Die Kinder waren da. Wie immer atmete ich auf, da sie heil angekommen waren. Die Panik abzustellen, wenn sie mit dem Auto unterwegs sind, fällt mir immer noch schwer. Schicksalsschläge treffen eben nicht nur die andern – es kann wieder geschehen, jeden Tag: einem anderen Kind, oder demselben noch einmal. Aber sie waren da, alle.

Nacheinander umarmte ich sie und dankte Gott, dass auch das verletzte Kind einen Platz im Leben behalten hatte. Vielleicht einen anderen, als wir ursprünglich dachten, und wir kennen diesen Platz noch nicht. Erwartungen und Wünsche werde ich jedenfalls ablegen wie ein aus der Mode gekommenes Kleid. Ob mein aus dem vertrauten Leben geworfener Sohn auf denselben Gedanken kommt, kann ich nicht sagen.

Als Jacken und Kälte abgeschüttelt waren, zog unsere kleine Prozession ins Weihnachtszimmer. Wir betrachteten den Baum und die Meinungen darüber gingen auseinander wie immer. Alles nahm seinen gewohnten Lauf: Kirche, Essen, Bescherung, Spielen, Beisammensein wie jedes Jahr. Gott sei Dank.


Weihnachten – wie es wirklich war

24. Dezember 2009

War es so?

Maria kam gelaufen
Josef kam geritten
Das Jesuskindlein war glücklich
Der Ochse erglänzte
Der Esel jubelte
Der Stern schnaufte
Die himmlischen Heerscharen lagen in der Krippe
Die Hirten wackelten mit den Ohren
Die Heiligen Drei Könige beteten
Alle standen daneben

Oder so?

Mario lag in der Krippe
Josef erglänzte
Das Jesuskindlein kam gelaufen
Der Ochse war glücklich
Der Esel stand daneben
Der Stern jubelte
Die himmlischen Heerscharen kamen geritten
Die Hirten schnauften
Die Heiligen Drei Könige wackelten mit den Ohren
Alle beteten

Oder so?

Maria schnaufte
Josef betete
Das Jesuskindlein stand daneben
Der Ochse kam gelaufen
Der Esel kam geritten
Der Stern lag in der Krippe
Die himmlischen Heerscharen wackelten mit den Ohren
Die Hirten erglänzten
Die Heiligen Drei Könige waren glücklich
Alle jubelten

Oder so?

Maria jubelte
Josef war glücklich
Das Jesuskindlein wackelte mit den Ohren
Der Ochse lag in der Krippe
Der Esel erglänzte
Der Stern betete
Die himmlischen Heerscharen standen daneben
Die Hirten kamen geritten
Die Heiligen Drei Könige kamen gelaufen
Alle schnauften

Oder etwa so?

Maria betete
Josef stand daneben
Das Jesuskindlein lag in der Krippe
Der Ochse schnaufte
Der Esel wackelte mit den Ohren
Der Stern erglänzte
Die himmlischen Heerscharen jubelten
Die Hirten kamen gelaufen
Die Heiligen Drei Könige kamen geritten
Alle waren glücklich

Ja, so.

(Franz Hohler)


Freitagabend

19. Dezember 2009

Gestern saßen wir wieder einmal in dem kleinen Lokal an der Ecke an einem der alten Holztische, die vom Trödelmarkt stammen müssen wie das ganze Mobiliar dort. Kein Stück gleicht dem andern, aber jeden Tisch schmückt eine dieser altmodischen Dekorationsideen aus den 70er Jahren: Eine leere Whiskyflasche, auf der eine brennende Kerze steckt.

Gerade waren unsere leer geputzten Teller abgeräumt worden, auf denen die freitäglichen Fish & Chips serviert worden waren. Nun starrten wir auf den weit heruntergebrannten Kerzenstummel vor uns und es war eine angeregte Konversation darüber im Gange, ob er wohl brennend in die Flasche fallen würde oder nicht. Ich orakelte, dass die hartnäckig im Flaschenhals züngelnde Flamme vorher erlöscht, und so kam es auch wie jedesmal, wenn sich auf dem Glasboden bereits Kerzenreste versammelt haben. Nur wenn die Flasche noch leer ist oder fast leer, fällt der Stummel manchmal brennend hinein. Dass B. meine Vorhersagen immer wieder in Zweifel zieht und denkt, diesmal könne er das Spiel gewinnen, gehört in diesem Pub zu einem netten Abends mit ihm. Ich habe mein Wissen ja auch nur von dem jungen Mann, der dort bedient, aber das bleibt mein Geheimnis.

Wir redeten und beobachteten die Menschen, später begrüßten wir mit dem üblichen Hallo und Wie geht’s den Pakistani, dem B. jede Woche zwei Rosen abkauft. Das Geld schickt der kleine, freundliche Mann an seine Familie, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hat. Wie immer bekam ich von ihm noch eine Rose dazu. Sie halten manchmal eine ganze Woche, und ich freue mich jeden Tag daran.

Es ist gut, ein paar feste Dinge im Leben zu haben, wenn schon alles andere davon treibt.


Advent

18. Dezember 2009

Die Kette dieser Tage
Kerze um Kerze zum Fest
knüpf dich an das kleine
Feuer der Freude
daß die Gedanken
heller werden
und die Schritte sicherer
im vibrierenden Licht
neuer Hoffnung

Annemarie Schnitt


Christkindlesmarkt

14. Dezember 2009

Kalt ist es. Sehr kalt. Den Glühwein muss man schnell trinken, sonst wird auch er kalt. Eine Bratwurst gehört dazu, die muss man schnell essen. Der letzte Rest ist meistens kalt.

Dampf über Wurst oder Dinnete, Dampf überm Glühwein, Dampf vor dem Mund: weiße Wölkchen in dunkle Kälte gemalt, wir wippen auf und nieder, um uns warm zu halten, und alles dampft ein bisschen. Wir schauen den Leuten zu, die dasselbe machen wie wir: Essen, trinken, Leute angucken. Die Stände gucken wir auch an, warmes Licht dringt aus ihnen und wir entdecken Sterne und Seifen, Schmuck und Wollenes, Holzgeschenke und Kerzen aller Macharten.

Natürlich trifft man immer jemanden. Welches Hallo jedes Mal, was für eine Freude! Manche habe ich lange nicht gesehn, andere erst gestern, egal. Jede Begegnung ein kleines Fest. Vielleicht, weil wir uns gerade auf dem Christkindlesmarkt noch nie gesehn haben; vielleicht, weil wir uns gegenseitig von der Kälte ablenken. Wir plaudern, albern, tupfen fröhlich die triefende Nase ab, wärmen mit behandschuhten Händen das Gesicht, lachen mit den Augen weiter.

So muss es sein. Sonst schmeckt der Glühwein nicht richtig.


Die Rettung

13. Dezember 2009

Es ist Hochwasser, und ein Mann kann sich gerade noch vor den Fluten retten, indem er auf das Dach seines Hauses klettert. Von dort sieht er, wie der Wasserspiegel weiter steigt. Er beginnt zu beten: “Herr, bitte hilf mir, rette mich vor dem Hochwasser!”

Ein kleines Ruderboot paddelt vorbei und jemand ruft ihm zu: “Steig ein, ich hab noch Platz!” Der Mann antwortet, “Gott wird mir helfen, gib diesen Platz einem andern.” Ein weiteres Boot erscheint und will ihn mitnehmen, aber auch diesmal beruft sich der Mann auf die Hilfe Gottes und bleibt auf dem Dach seines Hauses. Das dritte Boot, das vorbei rudert, weist er ebenfalls ab im festen Vertrauen, dass Gott ihm helfe. Schließlich erreicht das Wasser den Mann und er ertrinkt.

Klagend steht er nun vor Gott: “Herr, wo warst du? Warum hast du mich nicht gerettet?” – “Nun”, antwortet Gott, “ich habe dir drei Boote geschickt. Warum bist du nicht eingestiegen?”


Standpunkte

9. Dezember 2009

Ich stelle mir vor, dass jeder Mensch in einem Raum lebt, in den er hineingeboren oder hineingezogen wurde und den er nicht sieht, wohl aber spürt. Es ist ein heiterer Ort, gesegnet mit tiefer Zufriedenheit, denn hier wohnt jemand im Vertrauen, dass das Leben es gut mit ihm meint. Es gibt vielleicht eine gefestigte Partnerschaft, Kinder auf gutem Weg, Freunde, ein sicheres Einkommen, Arbeit, die Spaß macht, sinnvolle Aufgaben, eine helle Wohnung. Selten wird alles auf einmal zu finden sein, doch etwas davon ist bei den meisten dabei, oder etwas anderes, das gut ist. Ein Mensch lässt sich hier am Abend in einen weichen Sessel fallen, und wenn der Tag an ihm vorbei zieht, spielt ein Lächeln um seinen Mund.

In der Mitte teilt eine Trennwand den Raum. Dahinter sieht es anders aus, denn Ansprüche an Menschen und Gegebenheiten lassen den eben noch lächelnden Mund zu einem dünnen Strich werden, Angst lauert in den Ritzen: nicht genug zu haben, nicht genug zu sein. Angst vor dem Vorgesetzten, vor Krankheit, Not und Einsamkeit. Dämonen strecken ihre zitternden dürren Finger aus und versuchen, das fröhliche Geschöpf im anderen Teil des Raumes zu packen und über die Abgrenzung zu zerren. Die Sorge um ein krankes Kind zum Beispiel kann dort viel Raum einnehmen. Doch aufgepasst! Wird das Kind gesund und wir verharren auf der Stelle, nimmt nun vielleicht eine finanzielle Klemme seinen Platz ein. In der Ecke hocken nämlich zahlreiche kleine Teufel und warten, bis sie an der Reihe sind und groß werden dürfen. Mit ihnen schlägt man sich mitunter so verbissen herum, dass man vergisst daran zu denken, was sich hinter der Trennwand verbirgt. Man richtet sich ein in der Düsternis. Sie wird vertraut.

Wofür entscheiden wir uns? In welchem Raum leben wir? Gehört es unabänderlich zu einem Menschen, wo er sich aufhält? Einmal traf ich nach langer Zeit eine Frau, mit der ich zur Schule gegangen war. Sie erzählte, dass eins ihrer Kinder gestorben war, was zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre her gewesen war. Auf mich wirkte sie so, wie ich sie in Erinnerung hatte: Eine lebensbejahender Mensch, der Schmerzliches nicht zu mächtig werden lässt. Sie hatte sich nicht verändert. Untersuchungen zeigen, dass nach einem schweren Schicksalsschlag oder auch nach einem Lottogewinn die Betroffenen oft nach einem Jahr etwa wieder so glücklich oder unglücklich sind wie zuvor.

Ich frage mich weniger, wie wir hinein gekommen sind in die hellen oder dunklen Räume. Dagegen wüsste ich gern, ob wir an diesem Standpunkt etwas ändern können. Vielleicht erinnern wir uns durch immer wieder neues Bewusstmachen, dass es das Andere auch gibt. Das Gute, das bei der Gesundheit anfängt und weiter geht mit dem Dach über dem Kopf, genug zu essen, Sicherheit und vor allem mit den Menschen, die wir lieben und die uns lieben. Andersherum: Schwierigkeiten können wir nicht lösen, indem wir uns davor ducken und wegsehen. Das Einräumen dessen, was ansteht und erledigt werden muss, auch wenn es nicht angenehm ist, gehört ebenfalls zum Wohlergehen im Gleichgewicht. Wo auch immer wir stehen, weil Erlebtes oder unsere Prägungen uns dorthin gebracht haben: Den Blick über die Trennwand sollten wir nicht vergessen, und wer von Angst gefangen ist, kann den Ausgang finden. Wenn es sein muss: immer wieder.