Lichtspiele

9. Mai 2012

Morgens schauen die Stiefmütterchen aus ihren Pflanzkästen zum Fenster herein. Das kommt daher, dass der Balkon nach Westen liegt, und in der Früh drehen sie sich nach Osten um zu sehen, ob die Sonne schon da ist. Da sitzen dann wir, beim Frühstück, und ich freu mich immer an den neugierigen Blicken aus weiß-violetten Blütenhäubchen.

Nachmittags sieht man von der Wohnung aus nurmehr die weißen Rücken im Frühlingswind zittern. Die violetten Stieftöchterchen schauen ins Licht, das jetzt von Westen kommt.

Die machen’s richtig.

 

 


Manege frei

24. April 2012

Die Sonne scheint, es ist Abend geworden, und ich bin nicht abgehauen. Nur eine kleine Runde gemacht mit dem Fahrrad, wie ein Tanzbär im Zirkus. Der lässt sich auch in Handschellen abführen anstatt den Dompteur zu verschlingen und alle andern auch, um zu fliehen.

Wo soll er auch hin. Er wird an die nächste Mahlzeit denken und wo sie herkommen soll, eine plausible Fragen für einen Bären in unserer verbauten Industrielandschaft. Und ich lege auch meine Tänze hin. Tue, was man erwartet von mir und verbiete mir Gedanken darüber, was das eigentlich soll.

Nur manchmal, heute, da radelte ich durch blühende Obstwiesen und dachte an Leute wie Irgendlink, die wenigstens gelegentlich die Manege verlassen in diesem Affenzirkus. Einfach weil’s schön ist. Soll ich vorbeifahren? Das wär was. Weiterfahren an meinem Haus, nicht absteigen, nicht überlegen, sondern sehen, was es anderswo gibt. Doch wer zahlt dann meine Rentenbeiträge? Da ist die ganze schöne Romantik doch gleich wieder im Eimer.


Wölkchenversuche

15. April 2012

Hunderte Obstbäume haben Blüten geschoben und wissen nun nichts damit anzufangen. Auf  Stromleitungen sitzen Amseln wie aufgefädelt und beobachten, wie kalter Landregen den Frühling fortspült, der Wind bläst einem Spaziergänger den Mantelkragen hoch. Scheißwetter. Ich sitze an einer Übersetzung, auch am Sonntag (wenigstens ist damit ein bisschen Geld verdient), und stolpere über einen Wölkchenversuch.

Keine Frage: Der Blick aus dem Fenster zeigt, dass es draußen nicht beim Versuch geblieben ist, doch welche Wölkchenversuche könnten beim Test eines Fahrzeuggetriebes gemacht werden? „Versuchsprogramm – Einlegestatistik (Wölkchenversuch)“.

Keins meiner Wörterbücher kennt den Begriff, und bei meiner Recherche falle ich wegen drei Dingen aus allen Wölkchen:

  1. Es gibt etwas, das Google nicht kennt: Wölkchenversuche.
  2. Die Übersetzerin (ich bin die Korrekturleserin) schon: Cluster trial.
  3. Google kennt auch Cluster trial nicht.

Egal. Cluster hat was mit Wölkchen zu tun, und Google findet immerhin cluster randomized controlled trials (RCT), na also, abhaken. Die Übersetzung ist korrekt, wieder was g’lernt, und der Tag war doch nicht umsonst.


Ostergeier – eine Osterballade

7. April 2012

“Mimi Ostergeier suchen!”
Lächelnd hört’s der stolze Vater,
innig schmunzelnd sieht’s die Mutter,
wie ihr Töchterchen, die Marlis,
flehentlich zu ihnen hochschaut.
“Mimi Ostergeier suchen!”

“Marlis, es heißt Ostereier!”
Angestrengt blickt Marlis aufwärts,
doch nicht lange. Sonnig strahlend
beugt sie sich der Elternweisheit,
plappert nach, was sie gehört hat:
“Mimi! Es heiß Ostergeier!”

“Such nur deine Ostergeier!”
Schallend lacht der Vater, während
Mutter auf den nahen Waldrand
deutet, dorthin, wo seit langem
Köstliches sie wohl versteckt weiß:
“Marlis, da sind Ostereier.”

“Ostergeier! Diese Marlis!”
Voller Freude warten beide,
Vater sowie Mutter, auf die
frohen Juchzer ihrer Tochter -
ah! Da kommt auch schon der erste.
“Mimi Ostergeier funden!”

“Mami, Ostergeier böse!”
Voller Schrecken eilen beide,
Mutter sowie Vater, zu dem
Waldrand, draus die Schreie dringen,
inständig und herzzerreißend:
“Ostergeier Mimi fangen!”

“Untier, laß mir meine Marlis!”
Hoch ins Blaue reckt der Vater
noch die Hände, da die Mutter
schon erbleichend ahnt, daß keine
Macht der Welt sie je zurückholt,
Mimi und den Ostergeier.

von Robert Gernhardt

gefunden in “Frühlingsgedichte”, Reklam, danke Karin, und euch allen

Fröhliche Ostern!


L’Union Fait La Force

5. April 2012

(frz., „Stärke durch Einheit“)

Ein Leben im Kolonialherrenstil hat sich meine Freundin nicht vorgestellt, als sie in jungen Jahren mit ihrem Partner die Heimat Belgien verließ und ein paar Jahre lang in Haiti lebte, um dort bei sozialen Projekten mitzuhelfen. Doch es kam anders.

Wir waren neulich bei ihnen zum Abendessen eingeladen und die beiden erzählten, wie sie auf der Insel einst als Lehrer und Übersetzer arbeiteten. Um den Menschen zu demonstrieren, dass alle am gleichen Tisch sitzen, kochten und putzten sie selbst und verrichteten auch sonst alle Arbeiten im Haus. Erst viel später erfuhren sie, wie im Dorf geredet wurde: Man hielt die blonden Europäer für geizig. Warum? Weil sie die ganze Arbeit lieber selbst erledigen, anstatt jemanden einzustellen.

Widerwillig nahmen sie ein Mädchen. Sie wurde mit einem Zettel auf den Markt geschickt und kehrte mit vollen Taschen wieder, kochte ein bisschen, putzte ein bisschen, bewachte das Kind, und zum Haushalt gehörte nun eine Dienerin.

Diese Frau unterstützen die beiden noch heute, und die Haitianerin hat von diesem Geld Ziegel gekauft. Sie sparte es ab von dem Wenigen, das sie hatte, legte einen Ziegel auf den andern und jetzt gehört ihr ein Haus: Garagengroß, fensterlos, unverputzt und mit Lehmboden: ihr Eigenheim und ihr ganzer Stolz.


Märzwärts

2. April 2012

Ich schaue aus den Fenstern des langen Gangs auf den Innenhof hinunter, vier Mandelbäume haben dort ihre Blüten aufgehen lassen. Wie rosarote Wolken schweben sie über ein paar Narzissen, wir haben Glück in diesem Jahr, der März war warm. Ich habe die Wohnungstür meiner Mutter erreicht, setze die Einkaufstaschen ab und schließe auf, während sie mir in kleinen Schritten folgt. Ihr Fingerring schleift über die hölzernen Haltestange an der Wand, das Freitagsgeräusch.

Als ich später nach Hause fahre, vorbei an Gärten mit Forsytien, die mit den frühjährlichen zitronengelben Explosionen beschäftigt sind, fühle ich mich wacher als sonst, anwesender. Ich glaube die Dauerläufe tun mir gut. Jeden zweiten Tag kämpfe ich mich den Hang hinauf durch den Wald und die Trägheit weicht endlich, Mumm ist in meinen Körper zurück gekehrt. Ein bisschen jedenfalls. Es ist lange her, seit ich Kraft in mir spürte, doch gerade eben war da was.


Wintersport

29. Februar 2012

Die idealen Geräte, um auch bei Winterkälte und langen, verbissenen Arbeitsstunden die Muskeln straff zu halten, befinden sich an meinen Füßen. Sie sind wie gemacht für mich: von den Waden bis zum Hintern wirken sie mühelos, nachhaltig, von selbst, und ich muss das Büro praktisch nicht verlassen. Es genügt, einen kleinen Spaziergang durch die Wohnung zu unternehmen: Zum Fenster um den Tisch herum ins Badezimmer, den Briefkasten leeren oder in die Waschküche. Dazu trage ich meine neuen weißen Filzpantoffeln, „In-Form-bring-Schuhe“ übersetze ich den Aufdruck auf der Schachtel: Shape-up – der Fitness-Hausschuh. Gabs bei Netto.

Der Schuh hat eine gebogene Sohle und simuliert das Gehen in weichem Sand, bei jedem Schritt muss man sein Gewicht austarieren. Ich schlüpfe hinein wie in kleine Schlauchboote, denn sie sind ein bisschen bollig und etwas zu groß. Mit Feinstrumpfhosen ist es noch lustiger, denn dann ist noch Spiel im Schuh. Clearance heißt das übrigens auf Englisch. Ich sitze an einer Übersetzung über Getriebe, Lüftspiel = clearance, das gibt es in Fahrzeug-Kupplungen und an meinen Füßen. Mit Rundsohle und Spiel eiere ich herum und stähle dabei Beine, Rücken, Haltung. Bald bewege ich mich mit der Grazie einer Äthiopierin, die einen Krug auf dem schönen Haupt balanciert. Im Moment bin ich davon freilich noch etwas entfernt. Es fehlt nur die blaue Strumpfhose, und ich komme daher wie ein Schlumpf.


Maßstäbe

25. Februar 2012

“Der Bräutigam meiner Tochter war ältester Sohn und Enkel, ein hochgewachsener, kräftiger blonder Bursche mit polynesischem Temperament, der seine Zeit mit angenehmen Vergnügungen auf seiner Jacht, im Strandhaus, mit seiner Autosammlung und unschuldigen Festen vergeudete. Mein einziger Einwand war, dass dieser potentielle Schwiegersohn weder eine Arbeit hatte noch studierte, sein Vater ließ ihm eine großzügige Rente zkukommen und hatte ihm ein völlig eingerichtetes Haus versprochen, wenn er Paula heiratete. Eines Tages kam er zu mir, bleich und zitternd, aber mit fester Stimme, um mir zu sagen, wir sollten doch mit den Anspielungen aufhören und Klartext reden, er habe meine verfänglichen Fragen satt. Er erklärte mir, in seinen Augen sei die Arbeit nicht eine Tugend, sondern eine Notwenidgkeit, wenn man essen könnte, ohne zu arbeiten, würde nur ein Dummkopf schuften. Er verstand nicht unseren zwanghaften Drang zu Opfer und Mühen, er glaubte, selbst wenn wir „ungeheuer reich“ wären, wie Onkel Ramón immer sagte, würden wir immer noch in aller Frühe aufstehen und zwölf Stunden täglich ackern, weil das in unseren Augen das einzige Maß für Rechtschaffenheit sei.”

Die Rede ist von einem jungen Mann aus Venezuela, diese Stelle aus dem Buch „Paula“ von Isabel Allende fiel mir in den letzten Wochen immer wieder ein. Abends vor allem, so ab sieben oder acht Uhr, wenn ich immer noch vor dem Bildschirm saß und deutsche mit englischen Sätzen verglich. Freischaffende haben eben andere Arbeitszeiten, tröstete ich mich, und die langen Stunden am Schreibtisch machen mich weit weniger nervös als Tage, an denen nichts zu tun ist. Ich würd gern mal eine Zeitlang Südamerikanerin sein und mich an ruhigen Tagen einfach aufs Sofa legen und einen Mittagsschlaf halten. Als Deutsche könnt ich das nie.


Neulich beim Spazierengehn

7. Februar 2012

Anstatt zu rauchen geh ich jetzt gern an die Luft. Ich stiefle ruhige Straßen entlang, atme knisternde Winterluft und blinzle in die kalte, gleißende Sonne. Durch meine Adern wird Blut gepumpt, als würden rostige Leitungen durchgespült mit frischem, heißem Wasser. Dick verpackt in Wollmantel und Strickmütze steuere ich auf den Waldrand zu. Die Finger brennen jetzt in den Flieshandschuhen, der Atem dampft, ich schreite aus und komme ohne weiteres den Hang hinauf. Gut, dass ich diesem sprudelnden Körper nicht mehr den Hahn abdrehen muss. Bei solchen Spaziergängen würde ich nicht mehr rauchen wollen, aber das wollte ich auch früher nicht und tat es doch. Jetzt bin ich glücklich, Nichtraucher zu sein.


(Gute-)Nacht-Geschichte

28. Januar 2012

Während der Fahrt konnte ich nicht sprechen. Ich saß auf dem Beifahrersitz eines Porsche, draußen schossen Lichter vorbei und ich fragte mich, wieso keine Tränen kamen. Es war fast, als wäre nichts geschehen. Dann stiegen wir aus, betraten das Gotteshaus, inmitten von Blumen und Kränzen, schmal, kostbar, weiß eingebettet wie in einem Karton lag er da. Ich berührte die Wange, Haut wie Papier, nun wurde es ernst. Der Abschied kam und ich begann mit dem Weinen, schluchzte, als befände ich mich in einem Theaterstück und müsse auch in den hinteren Plätzen noch vernehmbar sein. Die Kirche war gut gefüllt, sollten die Gottesdienstbesucher mich ruhig hören.

In der zweiten Reihe entdeckte ich einen freien Platz und warf meine Tasche in die Lücke, damit niemand anders kam. Vorne zu sitzen stand mir wohl zu bei dem Schmerz. Ich zwängte mich umständlich an ein paar Leuten vorbei, sank auf die Bank und plärrte weiter. Die Trauerfeier sollte jeden Moment beginnen. Ich zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und putzte meine Nase so laut, dass die Frau neben mir erschrak. Ich schaute angelegentlich nach vorne, am Altar tat sich nichts, wir warteten auf den Priester und ich dachte: „Nachher geh ich aber eine rauchen.“

Nein nein. Niemand ist gestorben. Nur heute Nacht in meinen Träumen schuf sich mein Unterbewusstsein einen absurden Grund, um wieder an eine Zigarette zu kommen. Heute bin ich seit vier Wochen Nichtraucherin. Tolle Leistung, finde ich. ;-)


Nicht lustig

23. Januar 2012

Protokolle soll man schreiben. Das hilft, sagte der Experte. In einer Talkshow sprach er zu Essgestörten, die festhalten sollen, was sie so knabbern den ganzen Tag. Ich dachte: Das ist eine gute Idee. Dann stellt sich heraus, dass ich mitnichten mehr esse als vor meinem Nichtraucherdasein, dass zwei Kilo völlig aus dem Blauen heraus direkt auf meinen Hüften landeten, ein Phänomen. Die Tabelle, die ich erstellen würde, hatte ich auch schon im Kopf: Was esse ich, wann, wieviel, und warum?

Beim warum blieb ich hängen. Auch ohne Protokoll entdeckte ich schnell, dass ich die Nase selbst dann in den Kühlschrank stecke, wenn ich gar keinen Hunger habe. Zum Beispiel wenn Zeit ist fürs Abendbrot und ich zwar nicht hungrig bin – das Nachmittags-Bounty verhindert das – , aber trotzdem an der Folie des Pfeffer-Bries zupfe und in ein frisches Butterbrot beiße. Einfach weil ich Lust dazu habe, wie ich vorher Lust hatte zu rauchen. Lust auf Lust eben. Und wie das schmeckt! Ich hatte schon befürchtet, meine Geschmacksknöspchen hätten sich verabschiedet für dieses Leben, aber es gibt sie noch. Die dicken Verschorfungen, die giftiger Qualm angerichtet hat, werden wieder dünner

Also doch überflüssige Kalorien. Würde ich nur essen, wenn ich Hunger habe, wären sie leicht eingespart. Was aber ersetzt das Essen? Was ersetzt Zigaretten, was ersetzt lustvolle Pausen? Ich kann doch nicht anfangen, im Stundentakt über den Liebsten herzufallen, schon weil er nicht immer anwesend ist. Und wäre auch zu aufwendig, hab mir dass bereits überlegt, das ist es nicht, was ich meine.

Wie machen Nichtraucher das nur? Womit verlustiert ihr euch?


Schwere Zeiten

21. Januar 2012

Ist es nicht genug, das Rauchen aufzugeben? Aber nein, eine finstere Macht hat es darauf abgesehen, uns armen Würmchen auch sonst jede Freude fortzunehmen und daher mit Absicht die Anzeige der Personenwaage nach oben springen lassen. Der Geschwächte muss nun nach dem Nikotinentzug auch noch mit dem Schlecken aufhören. Oder mit Kartoffelchips, dem Nachschlag der Kässpätzle oder was sich sonst als Ersatz für psychische Stabilisierung in den Mund schieben lässt. Dabei stimmt es gar nicht, dass ich mehr esse. Vielleicht glegentlich ein Kitkat Chunky oder ein Bounty, von mir aus, na gut jeden Tag ein Riegel. Und? Ist es ein Verbrechen? Soll es nichts mehr geben zum Aufheitern den lieben langen Tag? Eben. Und bis vor kurzem hätte das mein Gewicht auch unbeeindruckt gelassen.

Ich glaube, mir fehlt Adrenalin. Nikotin sorgt bestimmt für Stress im Körper, jedenfalls wurde ich immer ein bisschen hibbelig nach dem Rauchen und wenn ichs mir recht überlege: vor dem Rauchen auch. So kam es vielleicht, dass Kalorien in meiner aufgewühlten Blutbahn immerzu weiter gestrudelt wurden und wenig Chancen zum Ansetzen hatten. Aber jetzt – schwappen sie träg auf meine Hüften, legen sich schlafen und wollen nie wieder weg.  Bestimmt werden Kalorien, die in feine Ritzen und Falten gespült und vom reißenden Strom vergessen worden waren, nun von den friedlichen Bächlein in meinen Blutgefäßen aufgespürt und eingesammelt und zu all den andern Speckgewordenen auf die Hüften bugsiert. So lege ich an Gewicht zu, auch wenn ich gar nichts esse. Wenn ich an Gulasch nur denke. Oder an Bratkartoffeln. Wahrscheinlich nehme ich jetzt, da ich diesen Artikel verfasse, gerade ein halbes Pfund zu. Drum hör ich jetzt auf.


Die weiteren Aussichten: Wolkenlos

18. Januar 2012

Auf dem Weg zum Supermarkt stehe ich an einer Ampel, die Straße verläuft mehrspurig. Neben mir hält ein roter Golf. Sein Fenster ist ein Stück heruntergelassen trotz starrem Frost, der Häuser und Bäume dick eingezuckert hat. Ein Mann um die Vierzig sitzt am Steuer des Wagens und zieht an einer Zigarette. Ja und? Denkt er sich wohl oder denkt sich gar nichts, Winterluft ist nun einmal kalt. Und wer die Qualmwolke im Fahrzeug nicht einschließen und sich tränenden Augen holen will, muss offene Fenster ertragen.

Die Ampel springt auf Grün, der Mann neben mir fährt an und ich überlege, ob ich ihn beneide. Überall sehe ich diese Menschen und unterstelle ihnen, dass sie sich um nichts Gedanken machen, sondern einfach an ihren Zigaretten nuckeln und dann denke ich: Wieso können die das und ich nicht? Immer begleiteten mich Selbstvorwürfe. Die Gesundheit, das Geld, und überhaupt. Lustvolles Rauchen funktionierte nur dann, wenn es schmeckte, der Gesundheit nicht schadete und das Geld egal war, also ab dem zweiten oder dritten Glas Wein. Ansonsten blieb es ein Traum.

Jedenfalls hab ichs warm in meinem Auto, und es stinkt nichts außer die Heizung ein bisschen. In dem Alter darf sie das.

Zweieinhalb Wochen – ich bin frei!


Neues aus der Nichtraucherzone

15. Januar 2012

Zwei Wochen geschafft. Es ist, als wäre ein Schalter umgelegt, ich wünsche mir keine Zigaretten mehr. Was ich mir wünsche, ist immer noch ein Ersatz für die Verschnaufpausen.  Auf jede einzelne hatte ich mich gefreut, und das war natürlich die Sucht. Ich litt ja auch, wenn diese Halbzeiten verhindert wurden, oder wenn ich auf dem Balkon draußen fror, oder wenn beißendes Lucky Strike Aroma hinter mir her stank. Trotzdem. Die Gier war groß genug, dass ich auch oder gerade im größten Stress eine Unterbrechung zuließ und für ein paar Minuten rausging: Dampf ablassen, im buchstäblichen Sinn, praktisch auf Knopfdruck. Nichts anderes ist stark genug, dass man sich vom überfüllten Schreibtisch erheben würde, da mögen Jojo, Sudoku und Schaukel noch so verlocken. Man vergisst es einfach im Trubel.


Pausenfüller

10. Januar 2012

Als ehemalige Stressraucherin bin ich an viele kleinen Pausen gewöhnt. Die frischgebackene Nichtraucherin, die hier schreibt, will darauf nicht verzichten, doch womit nun die Tageslücken füllen? Nein, nicht Yoga, Fachzeitschriften lesen oder sonstwas Vernünftiges und Gesundes. Lieber was Unnützes. Etwas, das nur dem einen Zweck dient, Spaß zu machen. Was könnte mich also ablenken? Es ist nicht so leicht zu beantworten wie eine Zigarette anzuzünden. Da fühlt es sich – kaum dass der Nikotinnachschub in die Gänge kommt – augenblicklich angenehm an innendrin, wie der Einschaltknopf des Fernsehers: Schnell, simpel,  Vorabendprogramm. Dazu gehört keine Beschäftigung mit mir. Das läuft von selbst.

Während ich mit den Fingern auf der Schreibtischplatte herumreibe – es will mir nichts Gescheites einfallen – stellt sich eine andere Frage:  Wieviel Zeit nehme ich mir, meine Wünsche aufzuspüren? Tiefer: Wieviel Zeit bin ich mir wert? Was bin ich mir wert? Ohgottle. Jetzt werd ich umgegraben von Gedanken, und  wollte doch nur Pausenfüller finden. Ein paar Minuten lang puzzeln zum Beispiel oder an einem Sudoku weiterknobeln. Aber da könnt ich nicht nach fünf Minuten wieder aufhören.

Den Volltreffer suche ich noch und bis dahin geh ich immer wieder ans Fenster und schau raus. Ein kleines Gemälde wär auch interessant, entstanden in zahlreichen 5-Minuten-Etäppchen. Ich bleib dran, soviel Zeit muss sein. Könnte auch Socken stricken, oder eine Mütze. Lacht nur! Irgendeine Schwäche braucht schließlich jeder.

Und überhaupt: 10 Tage rauchfrei! So kampflos gings noch nie, kann es mir selbst nicht erklären.


Mußeminuten

8. Januar 2012

Nach einer Woche fing ich sonst meist schon an, von einer Zigarette zu träumen. Nur eine natürlich, und nur gelegentlich, die kleine Pause, ach, jetzt raus dürfen, schau! Vöglein hüpfen vorm Fenster umher, ein verirrter Sonnenstrahl lockt ins Freie, dürre Blättlein am Balkongesträuch winken … Nix. Diesmal nicht. Ich denk gar nicht dran.

Nichtraucher sind gesund, haben es warm, riechen sauber, sie achten auf sich, sie sind frei. Raucher sind selbstzerstörerisch. Diese Mantras hab ich mir alle auf dem Balkon ausgedacht, und hüpfende Vöglein oder gar Sonne hab ich da nicht entdeckt.

Zigarettenpausen bestehen aber nicht nur aus Zigaretten, sondern auch aus Pausen, und zwar aus ganz besonderen. Zum Druck bei der Arbeit zum Beispiel kam nämlich die Anspannung durch den niedrig gewordenen Nikotinspiegel. Ich zündete eine Zigarette an und tattaaa – beides fiel ab: die Belastung der Psyche und die Entzugserscheinung. Phantastisch. Und diese kostbaren Minuten gibt es jetzt nie mehr?

Doch. Ich unterbreche das, was mich gerade beschäftigt, auch weiterhin immer wieder. Sehe zum Fenster hinaus, (als Balkonraucher kriegt man ja einiges mit in der Nachbarschaft und man fragt sich, wie alles weitergeht), zupfe an Zimmerpflanzen herum, tu dies, tu das, setz mich wieder hin und arbeite weiter. Egal was es ist – es muss nur ablenken und man muss es ausgesprochen gerne tun. Sonst ist es ja keine richtige Pause.

Jetzt liegen acht Tage rauchfrei hinter mir und es fehlt nichts. Unglaublich.


Zwischenstand

5. Januar 2012

Fast eine Woche nicht geraucht, und mir fehlt erstaunlich wenig. Hab wohl die richtigen Mantras diesmal, Raucher sind eben nicht cool, sondern selbstzerstörisch. Als wäre ein gesunder Körper belanglos und sie könnten mit ihm tun, was sie wollten. Können sie ja auch, jeder hat das Recht sich zu schaden, wenn ihm danach ist. Aber warum? Halten sich Raucher für nicht bedeutsam genug, um sich pfleglich zu behandeln? Oder strafen sie sich gar für etwas, tief innendrin?

So ein Quatsch! Selbstverständlich nehme ich mich wichtig, hätte ich vor kurzem noch protestiert. Man liest doch in Ratgebern aller Art: Auf die eigenen Bedürfnisse hören, in sich hinein horchen, nachgeben. Nichts leichter als das. Mit seufzendem Lächeln wird nach draußen geschlappt neben den Aschenbecher und einem Bedürfnis nachgegeben – das es ohne Rauchen gar nicht gäbe. Geben wirs zu, die wenigsten Zigaretten schmecken. Nikotin hebt uns nicht  in genussreichere Sphären, wir rauchen ja nicht zum Spaß. Wir winden uns damit nur aus einem engen Loch heraus zurück in den Normalzustand, den ein Nichtraucher nie verlässt.

Der Zeitpunkt zum Aufhören war gut gewählt. Ich blicke aus dem Fenster, wo ein enormer Sturm alles wegfegt und man muss Angst haben, von herumschießenden Gegenständen erschlagen zu werden. Ich wollte nicht draußen stehn heute!


Genug!

31. Dezember 2011

Schnell nochmal raus, eine rauchen. Ich schnippe die Asche lässig auf den Balkonboden, was tuts. Ein paar Kracher können es nicht erwarten und es knallt, pfeift, flackert glühend am Nachthimmel auf. Aus einer Wohnung dringt Lachen. Vielleicht haben sie mich entdeckt, denke ich, ein schnatterndes Häufchen im zugigen Eck, brrrr, ist das kalt. Nass. Eklig. Gut, dass ich morgen drin bleiben kann, warm an die Heizung gekuschelt oder jedenfalls ganztags auf dem Sofa. Neun Zigaretten habe ich noch. Das vergangene Jahr eignete sich nicht, um aufzuhören damit. Jetzt ist es zu Ende und die Dinge haben sich verändert. Ich halte nichts von Vorsätzen zum neuen Jahr, aber für diesen einen ist nun die richtige Zeit. Das hab ich am letzten Silvester zwar auch gesagt, aber dieses Mal meine ich es. Ich hab genug. Ab morgen bin ich Nichtraucher.

Einen guten Rutsch euch allen!
Möge euch das gelingen, was ihr euch vorgenommen habt.


Zwischen den Jahren

30. Dezember 2011

Alles überstanden, Weihnachten ist über uns weggebraust. Ich habe den Kopf eingezogen und gewartet, bis es wieder ruhig wurde. Nicht dass etwas vorgefallen wäre. Am Feiertag briet ich einen Truthahn, der gut geworden war. Mit einer Mischung aus Zitronensaft und Whiskey einreiben kann ich empfehlen. Nicht alle Kinder waren da, einer meiner Söhne flog nach Kolumbien, um einen Freund und seine Familie zu besuchen. Salsa könne er nicht mehr hören, teilte er in einer E-Mail mit, sonst alles cool.

Wir waren immer noch zehn Leute. Ein Familientag, wie es sich gehört, hätte ich nicht die ganze Zeit neben mir gestanden. Alles glitt ein wenig ab, wie Wasser von einem Ölmantel. Schon die letzten Monate hatten nicht zu hundert Prozent mit mir zu tun, obwohl ich von außen gesehn die Hauptdarstellerin war in diesem meinem Leben.  Das sind die Medikamente. Vieles, was Angst macht, bleibt ausgesperrt. Manches andere auch.

Im neuen Jahr werde ich darauf verzichten. Nein, erstmal aufs Rauchen verzichten. Dann auf die Medikamente. Derweil funkelt der Christbaum hier mit goldenen Kugeln vor sich hin und versucht, den Raum mit dem göttlichen Entwurf von Liebe und Neubeginn zu füllen. Schön sieht er aus.


Driving home for Christmas

24. Dezember 2011

Ja so ist das, wenn man mit einem Briten zusammen lebt. Man sitzt am Heiligabend am Computer, tut Dinge, die man jeden Abend tut. Mir fehlt nichts. Man kann nicht morgens auf den Wochenmarkt hetzen, einen toten Truthahn durch die Straßen schleppen, letzte Geschenke aus menschenumwaberten Geschäften erobern, die Wohnung in Ordnung bringen, das Badezimmer putzen, den Menüplan durchgehen, vorkochen nach Möglichkeit, und dann am Abend entspannt vor dem Christbaum stehen und Weihnachtslieder singen. Nein. Die Kinder, das Essen, die Bescherung – das machen wir alles morgen. So ist es in England Tradition, und mir gefällt sie.

Die Gaben bringt freilich immer noch das Christkind, nicht Santa Claus. Wir hören uns auch nicht die Rede der Queen im Fernsehen an, wir tragen keine bunten Papierhüte und ziehen keine Knallbonbons. Auch vor Plumpudding bleibe ich dieses Jahr verschont, und wir haben keinen Mistelzweig in der Wohnung.

Was hierher und zu uns passt, entscheiden wir frei. Deshalb kann ich nach der überarbeiteten und hektischen letzten Zeit jetzt, in diesem Moment, während Chris Rea im Radio is driving home for Christmas, auch ankommen. Es ist Weihnachten. Schön.

Euch allen wünsche ich ein besinnliches, entspanntes Fest und fröhliche Feiertage!


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