8. November 2009
Von Zeit zu Zeit innehalten und die Last absetzen,
schwerelos werden, sich selber so leicht nehmen,
dass die Seele fliegen kann,
aufsteigen aus dem Nebel der Gewohnheiten,
sich erheben über die Wolken des Alltags,
einen Ort der Stille und Klarheit finden…
(Jochen Mariss)
Gestern auf meinem Schreibtisch gefunden.

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Verfasst von Anhora
7. November 2009
Dass meine Haare nachwachsen, ist eine tröstliche Nachricht, aber ich dachte beim Friseur neulich noch über etwas anderes nach. Während die süße Blonde meine Resthaare kürzer schnitt, blätterte ich nämlich eine Zeitschrift durch. Ich gehöre nicht zu denen, die dem Friseur anvertrauen wollen, was sie gerade so erlebt haben mit dem Nachbarn oder dem Kind, und dann kann es langweilig werden. Es lag also eine „Brigitte“ herum, der ich generell nichts abgewinnen kann, aber es gab keine Alternative. Ich ging die Überschriften durch und fand doch etwas, das mich interessierte. Ich glaube, es ging um Burn-Out, und als Anregung wurde folgende Frage gestellt:
„Wenn Sie eine Entscheidung treffen könnten und Sie hätten die Sicherheit, dass Sie damit niemanden kränken, enttäuschen oder schädigen – was würden Sie tun?“
Ich kam auf Anhieb zu keinem Ergebnis, und war überrascht. Aber es ist doch so: Auch wenn man niemanden kränkt oder schädigt, könnte das Leben nach der Entscheidung ganz anders verlaufen. Was wir gerne loswerden wollen, ist durchaus interessant herauszufinden. Was wir davon haben werden, ist es aber auch. Woher weiß ich denn, was die veränderte Situation bei mir auslösen würde und ob ich damit umgehen könnte? Im Artikel gab es dazu keine Hilfestellung, „Brigitte“ eben. Nix Halbes, nix Ganzes.
Ich warf die Zeitschrift auf die Ablage vor dem Spiegel und unterhielt mich mit der Friseurin übers Wetter. Da ist von vornherein klar, dass wir es weder vorhersehen noch ändern können. Wir müssen nur entscheiden, was wir anziehn.
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Verfasst von Anhora
3. November 2009
Wenn du das hervorbringst, was in dir ist,
wird das, was in dir ist,
deine Rettung sein.
Wenn du das, was in dir ist, nicht hervorbringst,
wird das, was in dir ist,
dich vernichten.
Gnostische Evangelien
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Verfasst von Anhora
3. November 2009
Nach dem Trauma durch einen Unfall zum Beispiel steht in der Regel zunächst die körperliche Heilung im Mittelpunkt. Akribisch wird jedes noch so kleine Anzeichen einer Besserung gesucht und als Schritt nach vorne eingeordnet. Ist dieser Prozess abgeschlossen, steht das Opfer aber nicht selten mit einem Körper da, der einigermaßen verheilt ist, aber Nägel und Platten in den Knochen können Schmerzen verursachen, dicke Narben erinnern an das, was geschehen ist, die Funktionsfähigkeit einzelner Gliedmaßen kann noch eingeschränkt sein, bleibt es vielleicht für immer. Fragen tauchen auf wie: Kann ich in meinen Beruf zurück? Steht eine Umschulung an? Wenn ja, welche? Und danach – finde ich Arbeit? Wie sehe ich aus? Wie geht es mit mir weiter? Was wird aus meinen persönlichen Beziehungen? Reizbar bin ich geworden, oft mag ich mich selbst nicht, für die andern ist es schwer mit mir. Bleibt das so? Verliere ich Menschen, die ich liebe? Wo soll ich hin mit meiner Angst, Hilflosigkeit und Trauer?
Alle Opfer geraten zumindest eine Zeitlang aus dem Gleichgewicht. Psychologische Beratung sollte in Anspruch genommen werden, wenn es zu anhaltenden Störungen kommt wie schlechter Schlaf, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, körperliches Unwohlsein, Schreckhaftigkeit und Verhaltensauffälligkeiten wie erhöhte Nervosität und Reizbarkeit, eventuell auch aggressives Verhalten.
Wichtigster Faktor bei der Erholung ist die soziale Unterstützung durch Familie, Freunde oder Lebenspartner. Sie müssen den Patienten dort abholen, wo er steht, und sie dürfen ihn nicht nur als Opfer sehen, sondern auch als Überlebenden einer katastrophalen Bedrohung. Um beim Betroffenen das Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit zu bekämpfen, brauchen sie Unterstützung bei der Erfahrung: „Ich bin zu etwas nütze“. Verordnete Passivität und Tatenlosigkeit führen zu Kontrollverlust; die Ermutigung zu Handlung und Selbstständigkeit hilft dagegen, die Kontrolle wieder zu erlangen. Anstatt einer Opfermentalität den Weg frei zu machen, sollen Ressourcen und Kompetenzen zugänglich gemacht werden, so dass die Identität des Patienten wieder positiv besetzt werden kann. Zugehörigkeit, Teilhabe und Anerkennung schaffen Sinn im Leben nach einem Trauma.
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Unfall | Mit Tag(s) versehen: Trauma |
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Verfasst von Anhora
1. November 2009
Ein Erfolgstrainer begann sein Seminar damit, dass er einen 50 EURO-Schein hochhielt und die Teilnehmer fragte: „Wer möchte 50 EURO haben?“. Fast alle Teilnehmer hoben die Hand.
Er knüllte den Schein zu einer Kugel zusammen und fragte wieder: „Wer möchte immer noch die 50 EURO?“ Und wieder meldeten sich fast alle.
Nun ließ er den zusammengeknüllten Schein auf den Boden fallen und trat mit den Füßen ein paar Mal auf ihn. Er hob den schmutzigen und zerknitterten Schein auf und fragte: „Und wer will jetzt immer noch die 50 EURO?“ Und wieder meldeten sich fast alle Teilnehmer.
Schließlich hatte der Schein ja seinen Wert behalten, auch wenn er vielleicht etwas unansehnlich geworden war.
Quelle: www.palverlag.de
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Verfasst von Anhora
31. Oktober 2009
„Was ist Ihnen lieber – eine Küchenschabe, die vor Ihren Augen über den Boden krabbelt, oder ein Haus voller unsichtbarer Termiten, die in den Wänden stecken? Die Schabe kann zwar Krankheiten übertragen, aber zumindest wissen Sie, dass sie da ist, und Sie können etwas dagegen tun. Bei den Termiten dagegen glauben Sie die ganze Zeit, Sie hätten ein wunderbares Heim – bis es eines Tages einstürzt und Sie in einem Haufen Sägemehl aufwachen, zu dem die Termiten Ihr Sweet Home verarbeitet haben.“
Michael Moore
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Tipps zum Thema „Probleme verdrängen“
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Verfasst von Anhora
29. Oktober 2009
„Hatten Sie in letzter Zeit Haarausfall?“ fragt mich meine Friseurin. Ich erstarre und denke, was ich wochenlang nicht denken wollte: Es ist soweit. Ich werde kahl. Ich vermännliche.
Eine platinblonde junge Frau in Jeans und weißem Pulli, der bei jeder Bewegung ihren schönen nackten Bauch frei gibt, steht hinter mir und hält auf meinem Kopf ein paar Strähnen hoch. Ratlos betrachte ich sie im Spiegel.
„Im Sommer habe ich tatsächlich viele Haare verloren“, sage ich leise. „ Sieht man das?“
„Ja“, lächelt sie. Ich hasse professionelle Freundlichkeit an der falschen Stelle und reibe nervös an meinem Plastikumhang. Sie fährt mir jetzt mit beiden Händen durch die Frisur und hebt an verschiedenen Stellen die Haare an. „Man sieht überall kurze Stoppel. Da wächst viel nach!“
Mit Getöse purzelte ein Stein von mir herunter und rollte davon. Das Präparat aus der Apotheke scheint zu helfen und in zwei Jahren ungefähr habe ich mein Haar zurück. Wenn es mir bis dahin nicht wieder ausgeht.
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Verfasst von Anhora
27. Oktober 2009
Bis ans Ende unseres Lebens sagt Gott jeden Morgen: „Hier, schau her, du bekommst noch einmal einen ganzen Tag. Mach was draus!“ Wie denn, wird zum Beispiel jemand sagen, der in der Firma acht Stunden lang mit einem cholerischen Boss verbringen muss. Darf man deshalb einen Tag verloren geben?
Ich habe heute zur Mittagszeit einen kleinen Spaziergang gemacht. Dort, wo ich arbeite, gelangt man nach wenigen Schritten in eine ländliche Gegend mit Weiden und Obstwiesen, und nach dem kalten Nebel der letzten Tage war es heute bei blauem Himmel besonders schön. Ich kam an gefleckten Kühen vorbei, die gelangweilt im Gras lagen und mir mit großen Augen hinterher schauten. Im milden Licht der Oktobersonne lag die Landschaft da wie weichgezeichnet, feiner Dunst verschleierte weiter entfernte Bäume und Felder. Ich atmete den Geruch nasser Erde ein und schaute etwas weiter einer Schar Vögel zu, die sich auf einer Wiese niedergelassen hatten und aufgeregt durcheinander hüpften. Sie beschwatzten wohl ihre bevorstehende Reise. An einem Bauernhaus leuchteten vereinzelt Geranien an den Fenstern, sonst sah man kaum mehr Blühendes. Die Gärten sind abgeräumt und machen sich für den Winter zurecht. Alles hat seine Zeit in der Natur, und alles hat seinen Platz. Mein Herz wurde weit bei diesem Gedanken. Ich hob eine Walnuss auf und legte sie später auf meinen Schreibtisch.
Habe ich etwas gemacht aus diesem Tag? Zumindest habe ich etwas sehr Schönes nicht übersehen.
Und noch etwas Schönes übersehe ich nicht: Mein Computer stürzt nicht mehr ab! Meine Tochter und ihr Freund haben einen Preis verdient, die haben das am Wochenende hingekriegt.
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Verfasst von Anhora
25. Oktober 2009
Sie helfen schon, die Tablettchen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich heute Nacht nicht in Tränen ausbrach, als wir nach einem netten Abend mit Bekannten vor der verschlossenen Wohnungstür standen und nicht hinein konnten. Der Zweitschlüssel steckte von innen, ich hatte vergessen ihn abzuziehn, und nun konnten wir abschrauben und herumdrehen, was wir wollten, die Tür blieb zu. Schließlich wussten wir uns nicht anders zu helfen, als das Türfenster einzuschlagen. Nachts um eins. Ich zitterte und hielt mir die Ohren zu, so dröhnte es durchs Treppenhaus. Nachbarn wurden wach, Hunde kläfften, und die Glasscheibe brach nicht.
Wir setzten uns auf die kalte Steintreppe und überlegten müde, was wir tun könnten. Unsere Mobiltelefone lagen beide in der Wohnung. Es blieb uns nichts übrig, als zu meiner Tochter zu fahren, die bei ihrem Freund übernachtete. Im Nachtzeug und mit wirrem Haar stand sie erschrocken in der Tür, als wir sie aus dem Bett geklingelt hatten. Wir traten in die kleine Wohnung, setzten uns auf das zerwühlte Bett und suchten aufgeregt nach Telefonnummern von Not-Schlüsseldiensten im Internet.
Dann fuhren wir zurück und warteten bzw. dösten im Auto über eine Stunde lang. Die Straße war völlig verlassen, nur einmal alberten ein paar junge Leute bei laufendem Motor ihres Wagens herum, sonst war es still. Die Straßenbeleuchtung schien ins Auto, ich konnte nicht schlafen. Um drei Uhr etwa kam der Mann endlich. Bis er die Tür offen hatte, dauerte es noch einmal eine halbe Stunde. „Neue Türen öffne ich in einer Minute,“ meinte er, „aber alte wie diese hier – Mann, die sind stabil!“ Ich zahlte 320 EUR.
Erschöpft und doch aufgewühlt lagen wir um kurz nach vier im Bett und ich dachte daran, wie wir in der Nacht zum 1. Juni etwa um dieselbe Zeit ins Bett gefallen waren. Da waren wir aus der Klinik in Ulm zurück gekehrt, wo mein schwer verletztes Kind lag. Was ist dagegen eine halbe Nacht ausgesperrt sein, dachte ich. Was sind 320 EUR? Es ist nichts. Einfach gar nichts.
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Verfasst von Anhora
24. Oktober 2009
Es gibt auch das Gute am Schlechten, dachte ich gestern. Es ist nämlich so: Ich rauche nicht. Ich rauche seit Jahren nicht mehr, außer manchmal seit dem Unfall meines Sohnes vor einem halben Jahr. Bevor wir ihn besuchten, rauchten wir eine Zigarette, und danach noch eine auf dem Parkplatz der Klinik, jeden Tag, es war die einzige Freude viele Wochen lang. Dann ließ ich es wieder, fing wieder an, ließ es wieder usw. Ich rauche nie viel, und ich werde aufhören damit, sobald ich aus all den Sackgassen, in die ich mich derzeit verirrt habe, wieder herausfinde.
Natürlich weiß ich, wie schädlich Zigaretten sind, sowieso in meinem Alter. Doch gerade diese Erkenntnis wurde gestern in Frage gestellt. Den ganzen Tag über hatte ich Beklemmungen in der Brust gehabt, mein Herz pochte und ich fühlte mich nicht gut, als ich nach der Arbeit mit meiner Mutter Einkaufen ging. Trotzdem endete es damit, dass ich später bei ihr in der Stube saß und zwei Zigaretten rauchte aus einer Schachtel, die herum lag.
Was soll ich sagen? Als ich ihr einen Abschiedskuss auf die Wange drückte, atmete ich freier und es ging mir insgesamt besser. Die Beklemmungen waren weg. Vielleicht war es Zufall, am Freitagabend schwindet natürlich der Druck der Arbeit und das Wochenende darf kommen. Mir ging’s allerdings so abrupt besser, dass es auffiel und es ist zumindest nicht auszuschließen, dass es an den Zigaretten lag.
Wer es testen will: Es waren die Billigen von Netto. Sind ziemlich leicht und schmecken ein bisschen wie Stroh. Ich halt euch auf dem Laufenden.
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Verfasst von Anhora
22. Oktober 2009
Kennt ihr das? Plötzlich fängt das Herz an zu pochen, als ob es herausgelassen werden will. Meins schlägt immer wieder wütend gegen den Brustkorb, der es umgibt, und dabei habe ich ihm nichts getan! Man hat wohl gelegentlich kleine Rumpler und Aussetzer des Herzschlags, aber das ist etwas anderes. Dieses wiederkehrende Alarmschlagen, als sitze da jemand drin und trommle mit den Fäusten gegen eine Wand oder renne mit dem Kopf voraus gegen die Enge an – das kannte ich nicht. Morgens vor allem, da stört es am meisten. Ich wache häufig auf, mit so einem Rumpelstilzchen innen drin ist es schwer wieder einzuschlafen.
Ich versuche mich dann zu entspannen und denke an einen verträumten Strand, wo ich auf einem kleinen Steg sitze und die Beine ins Wasser baumeln lasse. Ein Glöcklein liegt neben mir, falls ich Durst bekomme und kalten Pfefferminztee mit Eis und Zitrone trinken möchte. Ich gebe natürlich ein gutes Trinkgeld, so sorge ich für den Diener und seine Familie, und für mich. Während salziges Wasser von meinen Beinen perlt und die Sonne darauf glitzert, kommt Rumpelstilzchen meist zur Ruhe und ich schlafe wieder ein. Beten hilft auch, da geht es manchmal noch schneller.
Dann fing das Pochen tagsüber an. Plötzlich ist es da, aus dem Nichts, als hätte ich drei Tassen Kaffee auf einmal hinunter gespült. Das kommt nicht oft vor und nach ein paar Minuten verschwindet der Spuk. Lästig finde ich es trotzdem, schon weil ich mich bei der Arbeit nicht auf eine Südsee-Insel konzentrieren kann. Deshalb ging ich zum Arzt. Dort bekam ich Tablettchen, die ich teilen muss, eine halbe am Tag genügt. Trotz eingeritztem Spalt bricht man sich fast die Fingernägel ab beim Versuch, sie in zwei Hälften zu zerlegen, so klein sind sie. Mit dem Messer zerbröselt das Ganze, an der praktischen arbeite ich also noch.
Erste Ergebnisse: das Herzklopfen ist geblieben, und zusätzlich ist mir jetzt schwindlig und ein bisschen schlecht. Das sei normal, sagte die Ärztin, und hört nach ein bis zwei Wochen auf. Na dann.
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Verfasst von Anhora
20. Oktober 2009
Meine Amaryllis bot ein interessantes Schauspiel heute. Das ganze Jahr über freute ich mich an der Pflanze, die auch nach der Blüte mit ihren langen, dunkelgrün glänzenden Blättern das Fenster schmückte. Da die Zwiebel aber im Winter neu ausgepflanzt wird, soll sie im Herbst zur Ruhe kommen, also hörte ich im August auf zu gießen. Die Pflanze hingegen ließ sich nicht beeindrucken und blieb bis heute unverändert. Stolz präsentierte sie sich Tag für Tag in ihrer ganzen Pracht. Auch Wochen nach dem letzten Tropfen Wasser stand sie aufrecht im Topf und dachte nicht daran, sich die Lebenslust verderben zu lassen. Amaryllis müsste man sein, dachte ich.
Als ich heute Nachmittag das Zimmer verließ, war sie wie immer ein dekorativer Blickfang in ihrer Ecke. Eine Stunde später kam ich zurück, aber da – hingen die Blätter nur noch auf halber Höhe! Einen spektakulären Abschied legt sie da hin, meine Schöne, bevor sie uns in ein paar Wochen hoffentlich wieder mit ihren lachsrosa Blüten verzaubern wird.
Warum fällt mir jetzt ein, dass ich seit dem Frühjahr keinen Tag Urlaub hatte? In meinem nächsten Leben werd ich Amaryllis.
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Verfasst von Anhora
15. Oktober 2009
Was kennzeichnet Leibeigenschaft? Das Bild eines Baumwollfelds taucht vor uns auf und die Menschen, die darauf arbeiten. Nicht sie entscheiden, diese Arbeit zu tun, sondern ihr Besitzer. Ein Aufseher treibt mit der Peitsche an, „schneller pflücken“, schreit er. Aufbegehren hat drastische Strafen zur Folge. Der Lohn für die Plackerei: einzig das Essen, das sie brauchen zum Überleben, ein paar Kleider auf dem Leib und einfache Unterkünfte.
Im Vergleich dazu haben wir Glück! Mit unserer Arbeit verdienen wir Geld, wenn auch nicht immer angemessen. Ob es unsere freiwillige Entscheidung ist, uns zum geduckten Leisetreter machen zu lassen zu lassen, mag indes bezweifelt werden. Schauen wir uns in Betrieben um, die autoritär geführt werden – und deren gibt es viele – dann zeichnet sich ein ungutes Bild ab.
Wo Firmenleitungen Widerspruch nicht dulden, führen blinder Gehorsam, Intrigen und Denunziationen eher zum beruflichen Erfolg als Fachkenntnisse, Teamgeist oder gar ein eigener Kopf mit frischen Ideen. Damit die Defizite solcher Emporkömmlinge nicht ans Licht kommen, haben wir es dann mit Vorgesetzten zu tun, die ihre Mitarbeiter klein halten. Der ganz normale Angestellte wird ausgebremst und zum Schweigen gebracht, Mobbing selbst von obersten Stellen sorgt hierbei für Nachruck.
Wie freiwillig arbeiten wir unter solchen Verhältnissen also wirklich? Wer es schwer hat, überhaupt Arbeit zu finden – sei es durch viele Arbeitslose, vorgerücktes Alter, wenig Berufserfahrung und manches mehr – der wird in solchen Systemen zum Sklaven. Gezwungen, durchzuhalten. Chronische Krankheiten sind keine seltene Folge dessen, was zu viel und zu lange in sich hineingefressen wurde, denn der Willkür mancher Abteilungsleiter gibt es kaum etwas entgegenzusetzen. Und der Lohn? Reicht oft gerade für Essen, Kleidung und Unterkunft. Willkommen in Onkel Tom’s Hütte!
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Arbeit, Essays | Mit Tag(s) versehen: Arbeitsplatz, Job, Unterdrückung |
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Verfasst von Anhora
7. Oktober 2009
Sonderbar: Mit Krankenhaus verbinde ich erstmal nur Ausruhen. Verantwortung abgeben. Fallen lassen. Ich denke gerade darüber nach was wäre, wenn man so krank wäre, dass man das Ende vor sich sähe. Wie würde man die verbleibenden Jahre oder Monate verbringen? Kein gesunder Mensch kann das wissen, aber es ist eine gute Möglichkeit, Verborgenes bewusst zu machen. Ich wüsste genau, was ich als Erstes tun würde: Meinen Beruf aufgeben!
Wir verändern uns bei der Arbeit, sowieso wenn wir einen Vollzeitjob haben. Wir tun bestimmte Dinge und passen uns an, wir werden immer mehr so, wie Vorgesetzte und Kollegen uns haben wollen. Würden andere Umgebungen, Vorgesetzte oder Kollegen etwas anderes fordern, wären wir selbst auch ein bisschen anders. Man sucht es sich nicht wirklich aus. Und man wird beraubt, denn nur mit zu einem selbst passenden Menschen und Tätigkeiten ist man sich selbst. Aber wer hat schon so viel Glück?
Ich würd nur noch das arbeiten, was mir Freude macht, auch wenn ich nicht davon leben könnte. Dank Krankenkasse käme ich ja über die Runden. Und ihr? Wenn ihr erfahren müsstet, dass euer Leben nicht mehr allzu lange dauert: Würdet ihr etwas ändern?
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Tagesgedanken | Mit Tag(s) versehen: Philosphisches |
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Verfasst von Anhora
3. Oktober 2009
In der Stadt waren gestern Abend alle Galerien geöffnet. Viele Menschen waren unterwegs und auch wir haben uns umgesehen. Neben interessanten und rätselhaften Bildern, Skulpturen aus Holz und Metall sowie Collagen in Gold ist mir vor allem ein Video im Kopf geblieben. Man sah eine Schafherde, die durch eine Stadt geführt wurde (es ging um Tradition und Moderne). Die Tiere folgten ihrem Schäfer auf stark befahrenen Straßen und durch schmucklose Wohnsiedlungen, könnte in Ostdeutschland gewesen sein. Dann sah man drei der Schafe plötzlich in einer Kunstausstellung. Sie standen vor Bildern und Skulpturen und schienen derart verblüfft, dass es mich berührte. Ich meine, diese Art von Staunen schon häufig gesehen zu haben, kann mich aber nicht erinnern wo genau. Die drei blieben immer beieinander. Zwischendurch suchten sie auf dem Boden nach Gras, schauten jedoch gleich wieder hoch auf die Wände, liefen ein paar Schritte weiter, sahen wieder auf die Wände oder in die Kamera und man sah deutlich, was in ihnen vorging: „Was ist das hier?“ Ich konnte mich nicht lösen davon und blieb stehen, bis der Film von vorne begann. Die Gesichter der Schafe sehe ich noch immer vor mir. Vielleicht, weil ich in meinem eigenen Leben an einer Stelle angekommen bin, an der ich genauso wenig weiß, was ich damit anfangen soll.
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Tagesgedanken |
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Verfasst von Anhora
27. September 2009
Heute waren wir unterwegs, um den Herbst zu genießen und wanderten um den Alpsee herum. Grillen zirpten im Gras und auf den Bäumen, Vögel debattierten in hellen Tönen. Wir versuchten sie zu bestimmen, doch sah man sie kaum in den dichten, noch grünen Blättern. Ich fotografierte die schönen Muster aufgeschichteter Holzscheite, unter uns lag der See. Wir schauten und hörten und setzten einen Fuß vor den andern.
Meine Gedanken kamen ein wenig zur Ruhe wie immer, wenn der Körper etwas zu tun hat. Die vergangenen Tage waren schwer. Der Schrecken, dass mein Kind hätte tot sein können und dass so etwas wieder passieren kann, löst sich noch nicht. Die ungute Stimmung im Büro versuche ich nicht an mich heran zu lassen, es kostet Kraft. Ich weiß nicht, ob B. wieder Arbeit findet und was nächstes Jahr ist, alles ist möglich. Trotzdem gelang es dieses Wochenende, alles ein wenig abzustreifen. Wir waren gleich auf zwei Geburtstagsfeiern eingeladen, trafen nette und interessante Leute. Den gestrigen Nachmittag verbrachte ich mit einem Buch auf dem Balkon in der Sonne. Es ist gut, von Tag zu Tag leben. Die großen Ziele lassen sich nicht erreichen, jedenfalls nicht so schnell, aber die kleinen Dinge sind manchmal ganz nah.
Darüber dachte ich heute nach, als es nach Laub duftete und nach Gras, die Wiesen waren gemäht und die Felder geerntet, Strohballen lagen ordentlich in langen Reihen. Ich kniete nieder vor einem blühenden Kraut am Wegrand und hielt die Kamera auf violetten Blüten. Es knisterte im Gras, als der Wind durchstrich. Das Blümlein im aufgesprungenen Straßenbelag fotografierte ich auch.

Am Wegrand
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Tagesgedanken, Unfall |
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Verfasst von Anhora
22. September 2009
Etwas Merkwürdiges ist geschehen, seit ich die Beiträge über den Auto-Unfall hier gelöscht habe: Ich denke nicht mehr so viel darüber nach! Als ob das furchtbare Ereignis etwas weggerückt wäre. Ich weiß gar nicht, ob ich das möchte, eins meiner Kinder wär schließlich beinah ums Leben gekommen. Das Entsetzen darüber will ich nicht einfach fortwischen, nur weil ein paar Monate vergangen sind.
Trotzdem beschäftigt es mich nicht mehr so, was gerade mit ihm ist und was ich davon als nächstes hier erzählen werde. Ich sträube mich gegen dieses Loslassen, aber es geht von allein. Und wenn man darüber nachdenkt: Ich muss nicht immer leiden, wenn meine Kinder leiden, ich muss mich auch nicht immer freuen, wenn sie es tun. Als Mutter gerät man leicht in diesen Sog, manchmal aus Angst vor der Leere im eigenen Leben, doch zu denen gehöre ich nicht.
Ich liebe meine Kinder und ich bin da, wenn sie mich brauchen. Aber sie leben ihr Leben selbst und sie können es auch. Deshalb möchte ich versuchen, den Unfall meines Sohnes den Unfall meines Sohnes sein zu lassen. Er ist stark geworden und er weiß, dass er kämpfen und gewinnen kann. Ich geb ihm einen Engel mit und versuche, in mein eigenes Leben zurückzukehren, das auch um andere Menschen und Dinge kreist und in dem es Leichtigkeit wieder geben darf.
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Unfall | Mit Tag(s) versehen: Kinder, Philosphisches, Unfall |
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Verfasst von Anhora
17. September 2009
Wer seine Werte lebt und im guten Kontakt ist mit seinen Bedürfnissen, wirkt authentisch, stark und leistungsfähig. Hab ich eben im Internet gelesen. Nun, meine Werte lebe ich mehr denn je, meine Bedürfnisse dagegen habe ich weggesperrt seit Marcos Auto-Unfall. Fast vier Monate sind vergangen, er wird bald aus der Klinik entlassen werden und die Therapien, die er noch braucht, zu Hause fortführen. Es wird noch viel Zeit vergehen, bis er zurück findet in die Normalität. Ganz so wie vorher wird er wahrscheinlich nicht wieder, ich mit Sicherheit auch nicht. Das schreckliche Ereignis gehört nun zu unserem Leben. Aber es geht auch weiter, zum Glück geht es weiter mit ihm, er kann wieder gehen und klar denken. Dafür bin ich jeden Tag dankbar, nicht alle Eltern haben so viel Glück.
Ich beende nun den Blog über diesen Unfall, auf Marco’s Wunsch hin habe ich die Beiträge gelöscht. Mal sehn, ob mir was anderes einfällt, was ich euch erzählen will. Ein gelegentliches Wort zum Sonntag wird es sicher weiterhin geben, vielleicht über meine Erkenntnisse beim Versuch, das Schwere abzustreifen und wieder nach meinen eigenen Bedürfnissen zu forschen. Irgendwo müssen sie ja sein!
Danke an alle, die – auf welche Weise auch immer – bei uns waren in den vergangenen Monaten.
Morgen am Meer
Leer geweht die Welt
von Wellen überspült
was gestern war
an jedem Tag
neue Fußspuren
am weiten Ufer
zerfließender Zeit
Annemarie Schnitt
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Unfall | Mit Tag(s) versehen: Unfall |
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Verfasst von Anhora
30. Mai 2009
Das Wochenende begrüßten wir am Freitagabend in einem Irish Pub, unserem Stammlokal, und ich war lange nicht so voller Lust am Leben! Wir saßen an einem der roh zusammen gezimmerten Holztische bei einem Glas Wein, Ska-Musik feuerte aus den Lautsprechern, ich berichtete B. meine Erlebnisse während des Tages und er mir seine, wir machten Pläne für’s Wochenende. Ich spürte eine Wärme in mir und ein Krabbeln im Bauch, das ich nicht kannte, selbst das obligatorische Fußballgeplauder zwischen B. und dem irischen Kellner fand ich reizvoll. Mein Sohn kam dazu, bei Fish & Chips diskutierten wir darüber, ob Horrorfilme eine Aussage haben können und über das Leben an sich.
Es ging mir gut. Mir war, als ob nichts mir je wieder etwas anhaben könnte, und dabei war nichts Besonderes passiert. Ich hatte nur tagsüber im Büro erste Aufträge selbst in der Datenbank angelegt, verschiedene Dateien in ein Übersetzungsprogramm eingepfriemelt und manches mehr, alles hatte geklappt. Natürlich muss ich noch viel lernen, aber ich hatte ein schlichtes kleines Erfolgserlebnis. Es ist lange her seit dem letzten Mal, und ich wunderte mich eine Zeitlang über mich selbst, bis es mir wieder einfiel: So fühlt es sich an, wenn man etwas gut gemacht hat. Falsch! So fühlt es sich an, wenn man etwas gut gemacht hat und jemand sieht das, und nicht irgendein Detail, das eventuell verbessert werden kann. Niemand kritisierte, niemand machte das Ergebnis klein und niemand übersah es einfach.
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Erfolg, Job |
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Verfasst von Anhora
28. Mai 2009
In der Mittagspause treffen sich alle in einem Besprechungsraum oder im Garten. Bis zu zwanzig Mitarbeiter sitzen dann beieinander und wir unterhalten uns über Nudelsalat oder den Hagel vor ein paar Tagen. Eine Kantine gibt’s nicht, aber einen kleinen Laden nebenan. Von dort kommen unsere Brötchen, Salate, Bananen und was es eben gibt. Auf Firmenkosten übrigens für jeden Mitarbeiter, jeden Tag. Kaffee gibt’s in der Küche aus einer dieser fürstlichen Kaffeemaschinen, die die Bohnen vor dem Aufbrühen frisch mahlt. Das schmeckt so gut, dass ich nicht wie einst an der Teekanne hänge, sondern an dieser Maschine. Nun liege ich nachts wieder manchmal wach, aber nicht mehr weil die Ungewissheiten des Lebens mich plagen! Egal. Der Körper gewöhnt sich daran, außerdem kostet der Kaffee nichts. So wenig wie Zucker und Milch übrigens und Mineralwasser. Die Schwäbin in mir kann dazu schwer nein sagen.
Aber als heute Mittag wieder alle entspannt in ihrem Salat herumstocherten oder in ein Würstchen bissen und diskutierten und lachten über Dinge, zu denen ich wenig zu sagen hatte, da fehlten mir meine Kollegen. Meine früheren Kollegen, meine ich. Zu denen ich gehörte wie sie zu mir, bei denen alles einfach war, weil wir uns mochten. Weil es schön war mit ihnen. Eines Tages wird es hier vielleicht gleich sein, vorstellen konnte ich es mir heute noch nicht. Es ist auch nicht nötig. Zum Arbeiten bin ich dort, nicht um Freundschaften zu schließen. Nur hatte ich früher halt beides, und heute fehlten sie mir.
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Job, Kollegen |
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Verfasst von Anhora
26. Mai 2009
Sie geben sich Mühe mit meiner Einarbeitung, genau wie zunächst bei meinem letzten Arbeitgeber: Man ließ mich auch damals bei Kollegen über die Schulter schauen, ich fragte viel und nach einiger Zeit überblickte ich meine Aufgaben und deren Zusammenhänge. Erst in dieser anderen Abteilung, in die ich vor zwei Jahren wechselte, hieß es nur „Mach mal,“ und „frag die andern“. Erwartet wurde dagegen, dass ich jeden Vorgang korrekt abwickle und nichts, aber auch gar nichts übersehe. Von Anfang an. Kritik an mir und die Angst davor gehörten zu meinen ersten Begleitern.
Aber das ist vorbei. Jetzt bin ich hier, und sie nehmen sich Zeit. Komplexe Übersetzungs-, Graphik- und Verwaltungsprogramme – ich lerne und es macht mir Freude. Man bringt mir alles bei und in Ruhe übe ich, mit den Anwendungen umzugehn. Jeden Tag kommt Neues hinzu, Software und Abläufe. Diese Vorbereitung dauert vier Wochen lang, und dann leg ich los!
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Job |
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Verfasst von Anhora
22. Mai 2009
Die erste Woche an meiner neuen Arbeitsstelle liegt hinter mir und es hat mir gefallen. Allerdings spüre ich, dass manche Mitarbeiter mit der Inhaberin nicht zurecht kommen. Diese – so mein Eindruck – verlangt viel, greift hart zu und duldet keine Schwäche. Eine entschlossene Geschäftsfrau. Ich glaube aber auch, dass sie gerecht ist und fair spielt. Als Chefin kann ich sie mir gut vorstellen, schon weil sie so erfrischend anders ist. Heute wurde sie 60 Jahre alt, und das hält sie nicht davon ab, auf meterhohen High Heels daherzustöckeln, gekonnt, heute Morgen mit einem großen Topf Spargelsuppe in den Armen. Die hatte sie für uns gekocht in der Früh. „Mein Erfolg ist euer Erfolg, denn ohne euch würde es nicht funktionieren“, sagte sie später beiläufig zur ganzen Belegschaft und bedankte sich für das aufwendige Geschenk, das sie erhalten hatte. Dann stießen wir auf ihren Geburtstag an.
Diese Woche war spannend und gut, ich ging jeden Morgen gerne hin.
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Job, Vorgesetzte |
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Verfasst von Anhora
20. Mai 2009
Mit Michelangelo’s David als Hintergrundbild in meinem Handy, trat ich am Montag meinen neuen Job an.
Bei einer der ersten Besprechungen in großer Runde hielt die Firmeninhaberin, als sie in den Versammlungsraum gestürmt kam, ihr Telefon hoch und erklärte uns, dass sie den Telefondienst übernehme für die Dauer der Sitzung. Es wurde dann ein Projekt vorgestellt. Mit Mühe nur konnte ich den Ausführungen folgen, die Präsentation war zäh und die anschließende Erörterungen am Zerfasern, denn immer wieder piepte das Telefon. Es folgten dann kurze Gespräche der Inhaberin und wir warteten, oder sie ging hinaus für ein längeres Gespräch und einmal gar konnte sie sich nicht entschließen, ob sie für ein kurzes Gespräch bleiben oder für ein längeres den Raum verlassen sollte. Und so beugte sie sich unter den Tisch und rief von dort Fragen und Anordnungen in den Hörer. Als ob wir sie nun nicht mehr hören könnten! „Ich bin doch die Telefondame,“ quietschte sie vergnügt, als sie wieder auftauchte und ich dachte: Diese Frau mag ich!
In den ersten zwei Tagen hörte ich hier mehr Lob an Mitarbeiter als in den letzten zwei Jahren in meiner alten Firma. Wertschätzung ist hier kein Fremdwort, und ich bin im Moment total glücklich!
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Arbeit | Mit Tag(s) versehen: Einarbeitung, Job, Vorgesetzte |
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Verfasst von Anhora
17. Mai 2009
Es war einmal eine alte chinesische Frau. Die hatte zwei große Schüsseln, die an den Enden einer Stange hingen, die sie über den Schultern trug. Eine der Schüsseln hatte jedoch einen Sprung, und am Ende der Wanderung vom Fluss zum Haus war sie stets nur noch halb voll mit Wasser. Die andere Schüssel war makellos, so dass das Wasser darinnen blieb und die alte Frau brachte also jeden Tag anderthalb Schüsseln Wasser nach Hause. Die makellose Schüssel war stolz auf ihr Verdienst, die mit dem Sprung aber war betrübt, weil sie nur die Hälfte dessen verrichten konnte, wofür sie gemacht war.
Nach zwei Jahren, die der Schüssel mit dem Sprung wie ein endloses Versagen erschienen, sagte sie zu der alten Frau: “Ich schäme mich so, weil auf dem ganzen Weg zu deinem Haus Wasser aus mir heraus läuft.” Die alte Frau lächelte. “Ist dir nicht aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, auf der Seite der anderen Schüssel aber nicht? Ich habe auf deiner Seite Blumen gesät, weil ich das heraus tropfende Wasser bemerkte. Nun gießt du sie jeden Tag, und seit zwei Jahren schmücke ich mein Haus mit diesen Blumen. Wärst du nicht so, wie du bist, würde diese Schönheit mein Heim nicht beehren.”
gefunden bei: http://petraschuseil.wordpress.com
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Verfasst von Anhora
17. Mai 2009
In der Presse war in diesem Zusammenhang zu lesen, dass der neue Chef der Deutschen Bahn durch diese Maßnahme seine Person mit einem Neuanfang verknüpfen will. Doch der Abschied vom Personal Mehdorn heißt noch nicht Abschied vom System Mehdorn. Und dazu gehörte in Bezug auf die Mitarbeiter der Generalverdacht auf Korruption oder Geheimnisverrat. Grube muss nun seinen Angestellten wieder das vermitteln, was die Basis jedes erfolgreichen Unternehmens ist: dass sie Vertrauen und Wertschätzung verdienen. Denn sie sind es, die den Erfolg des Konzerns an jedem einzelnen Tag gewährleisten.
Wer dagegen diese Grunderkenntnis missachtet und die Angestellten wie potenzielle Feinde oder unmündige Befehlsempfänger behandelt, der wird seiner Firma nachhaltig schaden. Schlechtes Ansehen im eigenen Unternehmen verbreitet sich nämlich rasend schnell auch unter den Kunden. Aus miserablem Umgang mit den Beschäftigten resultiert nicht selten auch mieser Service gegenüber dem Kunden. Das ist eine zentrale Lehre aus der Ära Mehdorn.
Sein Nachfolger Rüdiger Grube hat nun die Aufgabe, das zerstörte Vertrauen mühsam wieder aufzubauen.
(Zusammenfassung des Leitartikels der Schwäbischen Zeitung vom 14.05.09)
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Verfasst von Anhora
15. Mai 2009
Um sich von einem Menschen einen Eindruck zu verschaffen, schauen viele zuerst auf die Hände. Ich nicht. Ich schaue auf die Schuhe. Die Schuhe einer Frau verraten mir, was sie vorhat (oder auch nicht) und das Einzige, was ich an meinem Lebensgefährten nicht akzeptieren kann sind die hellbraunen Slipper, die er mit in die Beziehung brachte. Handgefertigt oder nicht, es bleiben Slipper. Mit einer Kordel an den Seiten durchgezogen. Als ich B. das erste Mal sah, trug er zum Glück schwarze Schnürschuhe, Hush Puppies oder so. Hätte er dagegen italienische Halbschuhe besessen, hätt ich ihn früher kennen gelernt!
Ich dagegen trug zwei Monate lang Verbandsschuhe. Ich trug sie mit Geduld, denn Knochen wollen Ruhe, wenn sie ordentlich zusammen wachsen sollen. Dann kaufte ich Sandalen. Wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben, seit ich die Kindheit hinter mir ließ. Schwarze Sandalen sind es mit einer aufgestickten weißen Sonne oder einem Stern oder was das ist an der Seite. Ich nahm sie dennoch, denn sie hatten zwei stabile Riemen mit Klettverschluss, so dass ich sie an meine geschwollenen Füße anpassen und relativ schmerzfrei damit gehen kann. Die Baumwollstickerei übermalte ich zu Hause mit schwarzem Filzstift.
Damit bin ich seit etwa vier Wochen unterwegs, und heute morgen, als ich in der Zahnpraxis im Sessel saß und auf die Arzthelferin wartete, fiel mein Blick auf diese Sandalen. Ich begann zu überlegen, wie lange ich sie wohl tragen würde (Überlegung Nummer 1), ob meine nächsten Schuhe ein weiteres paar Sandalen sein würden (Überlegung Nummer 2) und ob ich überhaupt je wieder etwas anderes als Sandalen bzw. im Winter vielleicht Moonboots würde tragen können (Überlegung Nummer 3). Ich schließe die dritte Möglichkeit nicht aus. Während eine junge Frau anfing, mit diversem Werkzeug an meinen Zähnen herumzuschrubben, ging ich im Geist mein Schuhregal durch. All die Formen, die Farben, die Lederarten, die Absatzhöhen, sie alle verstauben und fragen sich wahrscheinlich, was los ist.
Es kommt noch etwas dazu: Derzeit kann ich keinen normalen Schuh tragen, denn alles was auf die Narben drückt tut weh. Nun hab ich aber eine wichtige neue Erfahrung gemacht, und zwar: Sandalen sind bequemer! Werde ich also ein Paar unter den Kostbarkeiten im Schuhregal je wieder tragen WOLLEN? Nur gut, dass ich den Mann meines Lebens bereits gefunden habe, denn in flachen Treterchen halte ich es nicht für wahrscheinlich, den Blick eines Mannes auf sich zu ziehen und halten zu können. Ich würd ja selbst nicht hinsehn, wenn einer in Slippers daher käme, und seien sie noch so eine Wohltat für die Füße.
Neben der neuen Arbeitsstelle ab nächster Woche könnte also auch das zu einem Wendepunkt werden in meinem Leben: Weg von der klassisch-eleganten Schuhwelt und hin zum lässigen Schlampen-Look. Ich frag mich was gravierender ist.
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Verfasst von Anhora
7. Mai 2009
Wir haben’s hingekriegt und reisten in die Toskana für ein paar Tage! In vielen Museen waren wir nicht, ich hatte zu viele Schmerzen zu Fuß. Den schiefen Turm von Pisa sahen wir aber, und Siena, verschiedene Bergdörfer mit ihren lärmenden Gässchen und am Meer machten wir lange Spaziergänge. Barfuß. Das Pflügen im Sand tat gut, meine Füße fühlten sich danach leichter an.
Was mich umwarf, war in Florenz Michelangelo’s David. Auf keinem Bild habe ich sein Gesicht so gesehen wie in dem Augenblick, als ich vor ihm stand. Mit ca. 5m Höhe ist die Skulptur mächtig, doch sein Gesicht wirkt sehr jung und bricht so die Gesetze der Realität. Es lässt die Gestalt kleiner werden, ein Bub. Ein Bub, dessen Blick sich darauf konzentriert, wie er den Stein in seiner Hand am besten auf den Riesen schleudert. Für Angst ist kein Platz, er scheint nur etwas zu berechnen. Goliath ist nichts als ein Ziel, und das alles liest man in seinem Gesicht, vor allem wenn man rechts von ihm steht. So etwas in Stein meißeln zu können… Die Hände sind tatsächlich zu groß, es wirkt fast wie bei den Muppets, aber nur wenn man hinschaut!
Das Gesicht ist auf jeden Fall interessanter.

David
Wir schwärmen noch immer vom guten Essen, und erst recht vom Wein. Ein paar Flaschen brachten wir mit von dem Landgut, in dem wir unsere Ferienwohnung hatten. Schmeckt hier fast so gut wie in Italien! Das Beste aber war, dass ich in dieser Woche aufgehört habe zu grübeln über das, was vor mir liegt bzw. vor uns. Dazu war ich zu beschäftigt mit Essen, Trinken und meinen Füßen.
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Verfasst von Anhora
25. April 2009
Wir machten eine kleine Radtour heute, in die Pedale zu treten ist wie milde Gymnastik für meine Füße. Gehen strengt immer noch an und es tat gut, mal länger aus der Wohnung raus zu kommen in die Sonne. Ich bin froh, dass B. mich überredet hatte mitzukommen.
Es hat sich noch nichts getan wegen eines neuen Jobs für ihn. Er arbeitet weiter mit dem Berater an seinem Lebenslauf und lernt, worauf es in Vorstellungsgesprächen ankommt usw. (als ob er es noch nicht wüsste). Erst wenn das abgeschlossen ist, soll er Bewerbungen losschicken. Ich frage mich, warum das so lange dauert.
Derweil richten wir uns ein wie zwei Pensionäre. B. schlendert durch den Tag, macht alle möglichen Erledigungen, zu denen ich ihn schicke, spekuliert über das Wetter und tratscht über Leute, als gäbe es sonst nichts zu bereden. Er löst ein Sudoku nach dem andern und immer schneller, er macht sich über alles Mögliche lustig und ich denke manchmal: Die Welt kann nicht aus den Angeln gehoben sein, wenn jemand noch so lachen kann.
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Verfasst von Anhora