Archiv der Kategorie: Menschen

Klischees oder was?

Neulich am Zigarettenautomat: Ein ledriger Rocker mit schwerer Jacke und nackenlangem, zurückgekämmtem Haar wirft ein Geldstück ein. Er verharrt kurz, blickt nach unten, greift in den Rückgabeschacht und holt die Münze wieder heraus.
Er wirft sie noch einmal ein, vorsichtiger diesmal, wieder fällt sie unten heraus.
Etwas funktioniert nicht.
Mit zurückgebogenem Kopf hält er die Münze nun behutsam an den Einwurfschlitz und gibt ihr einen unendlich gefühlvollen kleinen Schubs. Die Münze verschwindet im Schacht, wird diesmal verdaut und als Marlboro wieder ausgeschieden.

Oder einmal bei Edeka: An der Kasse steht ein riesiger Mann vor mir. Mächtige Schultern, Schenkel wie Baumstämme, Jeans, Karohemd und Steppweste, schwarz, cool. Der Kassierer schiebt ihm Bananen zu und der Mann greift danach, verharrt, zieht sie dann zur Seite und holt erst die Milchpackung und eine Flasche Orangensaft, stellt beides in die Papiertüte. Dann kommen Wurst- und andere Packungen dran, zum Schluss eine Gurke und die Bananen obendrauf. Ordentlich wie eine schwäbische Hausfrau.

Was will ich damit sagen? Harte Kerle sind sensibel und Afrikaner gewissenhaft. Jedenfalls manche. Man muss sich die Menschen immer erst anschauen.

The Australian Biker (6748309015)
Bildquelle: Alex Proimos from Sydney, Australia [CC BY 2.0]

Bling bling … ♪ • * ° * •. ¸ ¸ ¸ . * ♪

Ich steh an der Ampel. Im Wagen vor mir sitzt eine junge Frau am Steuer, die plötzlich die Arme hochwirft. Sie reckt sie nach links, dann nach rechts, sie hebt die Schultern und lässt sie fallen, sie wackelt mit dem Kopf, dass ihr dünner Pferdeschwanz mithüpft. Sitztanzen nennt man das wohl. Garantiert hört sie dasselbe Lied wie ich: „Augenbling“ läuft gerade im Radio, von Seeed.

Ein Mann sitzt neben der fuchtelnden Frau und schwingt mit den Fäusten hin und her. Die beiden haben Spaß, und auch bei mir zuckt es jetzt. Geht ja nicht anders bei dieser Knallermusik, man will einfach tanzen. Auch oder gerade in einer öden Ampelschlange.

Nun schaltet es auf Grün, die Autos setzen sich in Bewegung. Wir befinden uns auf der Abbiegespur und wie die Kolonne nach links in die Kurve geht, sehe ich ins Innere des Fahrzeugs vor mir. Es ist gar keine junge Frau. Es ist eine alte Frau. Um die Siebzig, würd ich sagen. Ihr Beifahrer mindestens auch so.

Da möchte man die beiden augenblicklich überholen, sich vor ihnen querstellen, aussteigen, ihre Wagentür aufreißen und Auskunft verlangen: „Was geht hier vor?  Wieso tanzt ihr, als ob keiner zusieht? In eurem Alter? Ich will die ganze Geschichte hören. Sofort.“

(Ich hätte auch ein bisschen sitztanzen sollen)

Tanzt ihr auch manchmal im Auto?

Reisegeschichten (2)

Um ein Haar hätten wir uns im Urlaub mit jemandem angefreundet. Es waren ja noch mehr Wanderer unterwegs: einmal hatten wir einen Abend lang Spaß mit einem jungen holländischen Paar. Aber die meine ich nicht. Ich meine Her Highness und den Husten.

Die beiden waren schon älter und stammten aus Australien. Sie fielen uns auf, weil Er sich beim Reden ständig räusperte, während Sie auf eine Art sprach, als sitze sie beim Pferderennen in Ascot: very british, very posh, „I am utterly exhausted“ und so. Her Highness in Wanderhosen.

Sie zeigten kein Interesse an uns. Wir auch nicht an ihnen, weil uns Husten und Gehabe auf die Nerven gingen. Der Mann grüßte immerhin zurück beim Frühstück oder Abendessen. Die Dame würdigte uns keines Blicks.

Einmal steuerten wir bei einer Wanderung auf die einzige Bar in einem Dorf. Da hörten wir es von der Terrasse her schon husten. Wir gingen trotzdem rein, weil wir Hunger hatten, und zum ersten Mal bedachte uns Her Highness mit einem Lächeln. „Hi,“ begrüßte sie uns charmant. „Hi Highness“, hätte ich beinahe erwidert. Sie empfahlen uns die Panini, mehr wurde nicht daraus. Auch nicht später beim Abendessen.

Die Wende kam am letzten Tag. Wir wurden von Cortemilia zum Ausgangspunkt in Alba zurückgebracht und landeten im selben Taxi: 45 Min. Zeit, uns anzuschweigen oder nicht. Und da ging das Plaudern los. Wie fandet ihr es? Hattet ihr auch Angst vor Wildschweinen? Manchmal ging es schon lange bergauf, oder?

Es wurde geradezu munter zwischen uns und wir entdeckten einige Gemeinsamkeiten. Deshalb wollten war beim Aussteigen gar nicht glauben, dass es vorbei ist. Wir werden uns niemehr wiedersehen. Australien ist zu weit weg.

Warum dauerte das so lange?

Ansichtssache

In der Bäckerei um die Ecke arbeiten manchmal fesche junge Männer aus afrikanischen und arabischen Staaten. Es sind Aushilfen oder Praktikanten, deshalb geht es mit dem Bedienen meist nicht so schnell. Man sollte auch deutlich sprechen, um verstanden zu werden, aber alle sind fleißig, motiviert und augenscheinlich mit Freude bei der Sache. Was sind da schon zwei Minuten länger, denke ich jedes Mal und: Bravo. So funktioniert Integration. Wann immer es möglich ist, kaufe ich mein Brot in dieser Bäckerei.

Heute auch. Diesmal steht aber nicht der hübsche Gambier hinter der Theke, sondern eine füllige, blasse junge Frau mit dünnem Haar. Dem Namensschild nach stammt sie aus Osteuropa. Ich sage meine Bestellung auf und sie schaut mich mit flatterndem Blick an, sucht bei den Backwaren, eine Stamm-Verkäuferin wird hinzugerufen. Ich drehe meinen Geldschein hin und her und ertappe mich dabei, ungeduldig zu werden. Im nächsten Moment könnt ich mich watschen dafür, ich erschrecke über mich selbst. So funktioniert Integration nicht.

Passiert es euch auch manchmal, dass ihr mit zweierlei Maß messt?

 

Ein bisschen Spaß muss sein

Neulich an der Hotelbar: Am Tresen sitzen vier Männer und eine Frau, die sich nicht gut zu kennen scheinen. Die Frau spricht mal mit dem Einen, lächelt dann zum andern, umarmt kurz den Dritten, hebt das Glas mit dem Vierten. So geht es eine Zeitlang und die Männer wissen nicht recht, ob sie sich gemeint fühlen sollen oder nicht.
Dann steht die Frau auf, verabschiedet sich knapp und verlässt den Raum. Der Barkeeper lässt den Shaker sinken, schaut ihr perplex hinterher und sagt zu den Männern: „Ihre Rechnung geht auf euch, Jungs, in Ordnung?“
Sie nicken. Was sonst.
Ein Detail noch: Alle Beteiligten der kleine Runde – auch die Frau – sind um die 60 Jahre alt.

Die sitzengelassenen Herren werden bald wieder aufgezäumt: Eine Dreiergruppe hübsch aufgemachter Mädels rauscht herein, auch sie im fortgeschrittenen Alter. Im Nu sind sie mit den Männern im Gespräch, stellen sich einander vor, es wird gelacht, ein bisschen getanzt.
Wir sind in Oberstaufen. Eine Kurstadt.

Und auch tagsüber ist es hier sehr schön:

Was denkt ihr? Darf man es bei einem Kuraufenthalt ein bisschen krachen lassen?

 

Raumstrukturen

Heute beim Waldlauf: Ein gutes Stück vor mir spazieren zwei Frauen, die in derselben Richtung unterwegs sind wie ich. Ich überlege, auf welcher Seite sie am besten zu überholen sind und entscheide mich für Links. Beim Näherkommen zieht die Frau auf dieser Seite allerdings noch weiter zum Wegrand, ich schwenke also nach rechts. Auch dort scheint kein Durchkommen, die andere Dame nimmt geschickt die komplette Weghälfte für sich ein. Zwischen den beiden hindurchzustürmen, fände ich unhöflich. Apropos unhöflich – wieso machen die Frauen sich so breit?

„Ich wette, sie sind nicht von hier“, kommt es mir in den Sinn. Da sich die beiden angeregt und gestikulierend unterhalten, werde ich das gleich nachprüfen können. Ich schnaufe nun von hinten an sie heran, bereit durch Gebüsch zu rennen, und vor mir spricht man vernehmlich in höchstem Hochdeutsch. Recht gehabt, keine Süddeutschen. Nun werde ich offenbar gehört, denn die Frauen drehen sich um und schreiten sofort zur Seite, um mich vorbeizulassen.

Wie kam ich darauf, dass sie keine Einheimischen sind? Weil sich Fußgänger bei uns normalerweise auf einer Seite halten und ich kaum je überlegen muss, wie an ihnen vorbeizukommen ist. Nicht dass es wichtig wäre. Aber nehmen Leute in unterschiedlichen Landesteilen unterschiedlich viel Raum ein? Auf jeden Fall gibt es Menschen mit unterschiedlichem Platzbedarf.

Wie geht es denn auf euren Spazierwegen, in Bahn, Bus oder sonstwo zu?