Archiv der Kategorie: Zeitgeschehen

Politische Ereignisse, evtl. Zeitgeist, also den Alltag prägende Entwicklungen.

Geisterstunde im Stadion

Auch daran werden wir uns gewöhnen müssen: An Fußballspiele der Bundesliga, deren Akustik an Schwimmwettbewerbe erinnern. Die Rufe der wenigen Anwesenden hallen durch die leeren Zuschauerränge, dass es klingt wie im Hallenbad.

Und wie nebensächlich ein Tor daherkommt, wenn es von keinem Fangeschrei angeschoben und bejubelt wird, auch so etwas Fremdes.

Wie wird es wohl sein, wenn die Tribünen wieder voll sind? Die Polizei wird wieder präsent sein müssen, Sicherheitsleute werden Schläger aussortieren und Fan-Horden trennen, der Geruch nach Bier und Schweiß wird über dem Stadion wabern – und das wärmende Gefühl von Verbundenheit.

Aber wann können wir uns wieder mit eingezogenen Schultern zwischen Menschen drängen können, ohne uns Gedanken zu machen? Auch nicht, wenn einer von ihnen hustet?

Nur zur Sicherheit

Neulich beim Zahnarzt: Bevor sich der Meister über mein Gesicht beugt, wird mir ein Becher gereicht mit einer desinfizierender Lösung drin. Die ist nicht für die Hände, sondern für den Mund, und es dient nicht meinem Schutz, sondern dem des Zahnarzts.
Ich wälze also einen Schluck Desinfektionsmittel im Mund herum.
„Vorsicht beim Ausspucken,“ sagt der Zahnarzt freundlich.
Ich schaue aus meinem Liegesessel fragend zu ihm hoch, während mein Mund weiter kreist.
„Wenn die Flüssigkeit auf Kleidung kommt, gibt es Bleichflecken. Man kriegt das nicht mehr heraus, die Farbe ist einfach weg“, erläutert er, als habe er das vor kurzem bei einem spannenden Chemie-Experiment entdeckt.
Bleichflecken?
Ich spucke sofort aus.
„Ich hatte ein Bleichmittel im Mund?“ frage ich ungläubig nach, während ich mir den Mund abtupfe.
„Es ist ein Desinfektionsmittel. Kein Grund zur Sorge, solange Sie es nicht injizieren“, lächelt er. „Aber das macht man ja nur in Amerika.“
Wir lachen.
„Da bin ich beruhigt,“ sage ich.
Glatte Lüge.

Bild von Marta Cuesta auf Pixabay

Schwere Zeiten für die Vernunft

„Wir wollen unser Leben zurück“, steht auf einem Protestplakat.

In Deutschland gibt es jetzt immer mehr Demonstrationen gegen die Corona-Einschränkungen, Medien reden gar von einer zweiten Welle an Wutbürgern. Wir erinnern uns: Die erste entstand 2015, als viele Flüchtlinge ins Land kamen und in deren Folge die AfD stark wurde.

Nun gibt es womöglich eine neue Welle an frustrierten Menschen, und auch diese werden durch Verschwörungstheoretiker und Radikale angestachelt. Wieder vermengt sich Randgesocks mit Durchschnittsbürgerinnen und -bürgern.

Die Wirtschaft hat enorme Einbußen zu verkraften, viele Unternehmen werden es nicht überleben, tausende Menschen könnten ihre Arbeit verlieren und unzufrieden werden.
Leichtes Spiel für gewisse Gruppen. Beängstigend.

Aber das hält mich nicht davon ab, mein Hirn einzuschalten und den Menschen zu glauben, die wissen, wovon sie reden.


„Wir wollen unser Leben behalten und andere schützen“

 

Anmerkung: Ursprünglich hatte ich geschrieben, dass die AfD in der Folge des Flüchtlingszustroms gegründet wurde. Das ist falsch, die Partei wurde schon 2013 gegründet, wie fraggle richtig angemerkt hat. Danke für den Hinweis!

Was sein muss, muss sein

Corona hin, Corona her – ich pfeif drauf, das eine Mal. Nach all den Jahren, so fühlt es sich an, nehme ich heute endlich wieder die Tochter in die Arme. Ich setze extra eine Maske auf vorher.
Aber es ist ihr Geburtstag heute. Und Muttertag.

Das hat sie für uns gezaubert:
Einen Beeren-Fruchtcremekuchen ohne Weißmehl, ohne Fett, ohne Industriezucker.
Ich hätt mich reinsetzen können.

Aus gegebenem Anlass:

Herzliche Grüße an alle Mütter!
Ich hoffe, ihr habt einen schönen Tag heute.

Wem gehört die Welt

Ich werde ein Buch schreiben.
Darin geht es um eine Organisation, die die Welt lahm legt:

  • In Forschungslaboren wird eine Überwachungs-App und parallel ein tödlicher Virus entwickelt.
  • Freiwillige werden mit dem Virus infiziert und in die Welt hinausgeschickt.
  • Alle Welt stirbt.
  • Die Länder schließen Geschäfte und Unternehmen aus Angst vor Ansteckung.
  • Die verzweifelten Menschen bekommen Hilfe von der Organisation, wenn sie einen Chip mit der Überwachungs-App implantieren lassen. Zu ihrem Schutz, sagt die Propaganda.
  • Niemand wehrt sich.
  • Allmählich wird klar, dass die Welt nur meint, dass alle sterben. Dafür sorgt die Propaganda. Tatsächlich überleben die meisten.
  • Ohne den Chip kann man nichts mehr kaufen oder mieten.
  • Die Welt wird neu aufgebaut: Einheitsversorgung, Einheitswährung, Einheitsansichten.
  • Es kommen jetzt Anordnungen von der App: alle müssen gesund leben und sich sozial verhalten. Wer sich widersetzt, wird verhaftet und infiziert.
  • Nun wird der Programmiercode der App öffentlich zugänglich gemacht, wie bei Wikipedia kann jeder sie verändern.
  • Auf jede Person, die die Grundrechte zurückhaben will und entsprechende Eingaben macht, kommen zehn andere, die es wieder überschreiben. Die Menschen wollen auf die neue Sicherheit und Ordnung nicht mehr verzichten.

So. Bald bin ich reich und berühmt, obwohl die Handlung recht einfach zustande kam – ich habe nur ein paar aktuelle Verschwörungstheorien zusammengewurstelt. Vielleicht kommen noch welche dazu, dann wird es umso spannender.
Der Schluss stammt aber von mir. 🙂

Ohne Menschen geht es nicht

Beim Einkaufen in der Stadt treffe ich eine liebe Bekannte. Wir lachen, breiten die Arme aus, als wollten wir einander um den Hals fallen, kommen aber nicht näher. So begrüßt man derzeit nette Menschen.

Wir reden eine Weile. Mit zwei Metern Abstand natürlich, aber von Angesicht zu Angesicht. Ich bin ganz aufgeregt. Wie viel Gelegenheit habe ich noch, mich mit jemand anders als meinem Lebenspartner persönlich zu unterhalten? Nach über vier Wochen daheim kann ich es an einer Hand abzählen.

Meiner Bekannten geht es gleich. Sie ist Friseurin, vereinsamte in ihrem Dorf und besuchte an einem Wochenende heimlich die Tochter in Bayern. Das Auto versteckten sie in der Garage, damit niemand das auswärtige Kennzeichen sieht. Nachbarn können ja eigenartige Vorstellungen von Pflichtbewusstsein haben, und viele sind zu Hause!

„Ich kenne eine Person“, erzähle ich, „die kürzlich die Polizei alarmierte, weil in der Nachbarschaft ein Geburtstag gefeiert wurde. Die Polizei kam, und dann wurde jeder Gast mit 250 EUR, der Gastgeber jedoch mit mehreren tausend Euro bestraft.“
So etwas gibt es wirklich, und die Person war übrigens stolz auf diese Tat.
„Aber man muss weiterleben“, sagt meine Bekannte, „und ganz ohne Menschen geht es nicht.“

Ab Montag darf sie wieder arbeiten.
Ich bleibe in Kurzarbeit.

Das Spektakel

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang“. So heißt ein Lied aus den Fünfzigern, das gerade wieder durch das Web geistert.

Die Welt hatte schon einige Untergänge, die es sich dann doch nochmal anders überlegt haben. Tschernobyl ist so ein Beispiel, oder als Saddam Hussein in Kuweit einfiel und die Ära der Dauertalksendungen und Live-Streams einläutete.
Beidesmal fühlte ich mich ähnlich wie heute.
Tschernobyl betraf uns immerhin, aber was hatten wir mit dem Golfkrieg zu tun? Die Medien nahmen uns trotzdem mit auf die Reise, bis alle dachten, dass auch auf uns bald Panzer zurollen. Wir hingen mit klopfenden Herzen am Fernseher und über Tageszeitungen.

Was ist das?

Medien, Regierungen, Sekten, Populisten – sie alle erreichen Ziele leichter, wenn die Menschen Angst haben. Diese Ziele reichen von hohen Auflagen bei Publikationen über das Hinnehmen von Ausgangssperren bis zur Selbstaufgabe in radikalen Gruppen.

Ich unterstelle den Regierungen derzeit nicht, dass sie unsere Angst nutzen. Die Angst ist einfach da, erschaffen und gepflegt von Medien, deren Preise für Werbeanzeigen von Zuschauerquoten und Klickraten abhängen. Aber hätten wir die Bilder in Italien nicht gesehen, wäre bei Verordnungen zu Kontaktsperren, Geschäftsschließungen und Kurzarbeit das Geschrei groß.

Es geht Hand in Hand, und es ist so einfach zu bewerkstelligen.
Das macht mir mehr Angst als das Virus.


Bild von photosforyou auf Pixabay