Archiv der Kategorie: Zeitgeschehen

Politische Ereignisse, evtl. Zeitgeist, also den Alltag prägende Entwicklungen.

Applaus Applaus!

An sich bleibe ich lieber anonym im Internet, aber jetzt geht das natürlich nicht mehr. Wer aus meiner Stadt kommt, muss sich outen. Also: Ich stamme aus Ravensburg, und lebe auch hier.

Inzwischen werden alle halbwegs Sportinteressierten wissen, wo Ravensburg ist, und der berühmteste Ravensburger wurde heute am Rathaus empfangen: Emanuel Buchmann, Vierter bei der Tour de France, ein Riesentalent im Radsport und ein bescheidener, unaufgeregter junger Mann, den man herzen möchte.

Emu, wir sind so stolz!!!

Oh Europa! ❤

Gibt es etwas, was Menschen in Europa alle gemeinsam haben? Ja, es gibt etwas.

Diese Erkenntnis verdanken wir zwei Künstlern aus Großbritannien, die 30.000 km durch 33 europäische Länder mit 46 Sprachen tourten. Ausgerüstet waren Gemma Paintin und James Stenhouse mit einem alten Wohnmobil, in dem sich ein kleines Tonstudio befand.

Sie führten aber keine Interviews zu Sichtweisen europäischer Solidargemeinschaft, oh nein. Vielmehr baten sie die Menschen um – Liebeslieder! Wer wollte, bekam ein Mikrofon und durfte sein Lieblingslied singen. Dies wurde aufgezeichnet und nach 731 Songs wissen wir, dass es bei Liebe, Sehnsucht und Herzschmerz keine Unterschiede gibt.

„Gerade nach dem Referendum und dem Brexit-Chaos dachten wir: Das müssen wir machen!“ so Paintin. „Wir wollten wissen, was die Menschen in den Ländern verbindet. Egal ob UK in der EU bleibt oder nicht – wir müssen einen Weg des Miteinanders finden.“

Copyright: The Guardian

Die Spannweite reichte vom 7-jährigen griechischen Jungen, der „I Was Made for Lovin’ You“ von Kiss sang (einschließlich Gitarrensolo) bis zum EU-Parlamentsmitglied Peter Simon, dem ein deutsches Volkslied einfiel. Es gab einen singenden Security Guard in Madrid und ein paar Jungs aus Leeds, die „Angels“ von Robbie Williams grölten.

Die Lieder waren über verschiedene Radiosender zu hören und „wir staunten selbst, wie emotional das alles wurde“, so Paintin weiter. „Die Leute waren ergriffen, wenn wir ihnen sagten, dass ihre Lieder von Norwegen nach Athen gehen, von Finnland nach Spanien, dass ein syrischer Flüchtling in Deutschland bis zur russischen Grenze gehört werden kann. Sie realisierten, dass sie Teil von etwas Großem wurden.“


Copyright: The Guardian

Oh Europa!Hambacher Festival (deutsch)A love song for Europe (englisch)

Liebe Leute: Am Sonntag ist Europawahl. Die Anhänger rechtsgerichteter Parteien werden zur Wahl gehen. Das sind Menschen, die Europa als Einheit abschaffen wollen.

Europa ist aber zu wichtig, um es ihnen zu überlassen. Sicherheit gibt es nicht durch einfache, populistische Antworten. Sicherheit gibt es nur durch Solidarität, und das wollen diese Parteien nicht.

Haltet dagegen!
Geht zur Wahl!

Wählt eine etablierte Partei, egal welche. Jede Stimme von euch neutralisiert eine andere, die unsere europäische Einheit zerstören will. Denkt daran, wie lange wir schon in Frieden leben – wir verdanken es der Europäischen Union, die uns miteinander verbindet.

Vereinte Nationen

Ich schau mir morgen den European Song Contest an. Ist das schlimm? Ich habe sogar eine Verabredung verschoben deswegen. Und das, obwohl die Musik meist gar nicht mein Geschmack ist. Aber darum gehts ja auch nicht.

Mir geht es um die Idee.

Da treffen sich Menschen aus Deutschland, Großbritannien, Griechenland, der Schweiz,  Dänemark, Russland, Aserbaidschan, Nordmazedonien oder aus welchem Land auch immer. Gestern im Halbfinale traten auch Sängerinnen und Musiker mit Behinderungen auf.

Sie alle haben sich herausgeputzt, treten auf dieselbe Bühne, und allen merkt man ihre Aufregung an, aber auch den Stolz auf ihr Land. Wenn man ihre Sprachen nicht hörte – man würde keine Unterschiede erkennen. Gebt mir diese funktionierende Welt als  Zwischenruf in unseren komplexen Zeiten.

Lasst uns doch schauen, was uns aneinander hält, was uns allen Spaß macht, und was uns zusammenhält. Lasst uns das miteinander feiern, und alle gewinnen.

Schaut ihr euch das Spektakel auch an?

 

Inspirationen

Wer dachte, ein Fahrrad ist die umweltfreundlichste Art der Fortbewegung, der irrt.
Ein Bambus-Fahrrad ist noch umweltfreundlicher!

Und wo steht es? In Basel, vor einer Beratungsstelle „Stopp Rassismus“.

Ich nehme es als kleine Inspiration, was ich auch im neuen Jahr im Blick behalten will:
eine bessere Umwelt und eine freundlichere Welt.

Habt ihr noch mehr Ideen für 2019?

Dinner for One – jetzt auch in England!

Der wahrscheinlich beliebteste und am häufigsten ausgestrahlte britische Sketch ist in England so gut wie unbekannt. Der geliebte Brite sah ihn zum ersten Mal hier in Deutschland, mit mir.
Doch das wird sich ändern!

Wenn Miss Sophie nämlich heute wieder einmal ihren 90. Geburtstag feiert und mit Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr Pomeroy and Mr Winterbottom anstößt, wenn der Butler James an die Stelle all dieser längst verblichenen Freunde treten muss – dann ist zum ersten Mal auch das englische Publikum dabei.

Ob man auf der Insel über die (deutschen) Klischees zur britischen Aristokratie genauso lacht wie bei uns, wird sich zeigen. Die Verkopften erkennen vielleicht auf Anhieb Tabubrüche wie Verlust, Alkohol, Sex im Alter. Für die andern ist es einfach ein herrlicher Slapstick.

“Same procedure as last year, Miss Sophie?” “Same procedure as every year, James”.

1963 wurde Dinner for One mit Freddie Frinton und May Warden in Hamburg für den NDR aufgezeichnet. Seit 1972 wird die Komödie in Deutschland und anderen Ländern regelmäßig am Silvestertag ausgestrahlt. Am 31.12.2018 wird er von Sky Arts zum ersten Mal auch in Großbritannien zu sehen sein.
Premiere: „Dinner For One“ erstmals im britischen Fernsehen

Ich wünsche allen meinen
Leserinnen und Lesern

einen guten Rutsch und
ein gesundes, fröhliches und positives
neues Jahr!

 

St. Martin im Wandel der Zeit

An den Absperrungen um einen kleinen Vorplatz herum stehen junge Leute mit ihren Kindern, vor ihnen reitet ein römischer Soldat im Kreis. Eine Frau mit Kopfschleier schaut ebenfalls zu, während ihr kleiner Sohn nur Augen für den blinkenden Stab hat, an dem seine Laterne hängt. Er hält ihn höher und niedriger, schwenkt ihn hin und her und marschiert dann feierlich auf und ab, die Laterne vor sich haltend wie ein Schwert.

Währenddessen setzt der Römer zum Mantelteilen an, da bricht die Stimme des Erzählers ab. Seine Lippen bewegen sich weiter, aber man hört nichts mehr. Sekundenlang passiert nichts, das Publikum wird unruhig. Nun springt der Bettler auf. Er huscht zu dem Mann, entreißt ihm das Mikrofon, fummelt etwas an der Tonanlage, „eins, zwei“ hört man, es geht wieder. Der Bettler eilt an seinen Platz zurück und kauert sich wieder auf den Boden nieder.

„Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht …“ singt ein kleiner Chor. Der Bettler ist inzwischen eingekleidet, der Soldat reitet weg, die Kinder halten ihre Laternen hoch, die Eltern ihre Handys.

„… und dein heller Schein, und dein heller Schein, der soll für immer bei uns sein.“

Nur darum gehts.

 

Das liebe Vieh

Heute beim Spazierengehn: Als wir an eine Kuhweide kommen, hebt eins der grasenden Tiere langsam den Kopf und glotzt uns an. Selbst die Kuhkultur unterscheidet sich von Land zu Land, denke ich. Vor wenigen Wochen noch standen wir mitten im weitläufigen Weideland Nordenglands und dort begegneten uns keinen dummgezüchteten Milchkühen wie diese hier, sondern intakte Familien mit Stieren und Jungtieren und Lust am Leben.

Ich dachte noch, etwas weniger Eigenständigkeit wäre mir lieber, denn der Fußweg am Hadrianswall entlang führt ständig durch Weideland. Einmal hatte sich z. B. eine ganze Gruppe von Rindern auf dem Wanderweg aufgebaut und blickte uns beim Näherkommen interessiert an. Wir blieben stehen, konnten nicht ausweichen und die Tiere bewegten sich auch nicht. Schauten nur. Da breitete der geliebte Brite die Arme aus, ruderte langsam auf und ab mit ihnen, als setze er zum Flug an, und schritt voran. Die Rinder überlegten kurz und machten dann bedächtig ein paar Schritte zur Seite. Ich huschte dicht hinter dem Liebsten drein wie Jane, die gerade von Tarzan gerettet wird.

Derlei Mut und Technik braucht es auf unseren Kuhweiden nicht, schon weil keine Kuh frei herumläuft. Die Weideflächen in Süddeutschland sind oft nur Parzellen mit verschiedenen Eigentümern. Von Weitläufigkeit keine Spur und auch bei den Tieren ist ein weiter Geist nicht erkennbar, noch nicht mal irgendein Geist. Wir glotzen also zurück und die Kühe widmen sich wieder ihrer Hauptbeschäftigung: Fressen und verdauen.

Überraschungen sind hier nicht zu erwarten. Für Verblüffung sorgen sowohl im Brexit-England als auch seit heute im AfD-Deutschland vor allem die zweibeinigen Rindviecher.